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Jetzt wird richtig gebettelt

Aktuell sieht man in Basel wieder an vielen Orten Roma sitzen, trotz neuem Bettelgesetz. Sie betteln offenbar mehr oder weniger nach Vorschrift und haben von der Polizei kaum etwas zu befürchten. Wenn nur die Kälte nicht wäre.

11/09/21, 11:03 AM

Aktualisiert 11/09/21, 11:14 AM

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Das revidierte Bettelgesetz verbietet unter anderem aggressives Betteln.

Das revidierte Bettelgesetz verbietet unter anderem aggressives Betteln. (Foto: Keystone)

Im Gellert-Quartier sitzt Gabriel auf dem Boden, geschätzt fünf Meter entfernt vom Migros Hardstrasse. Auf seinem Schild steht: «Bitte Hilfe für Familie». Anfängliche Kommunikationsschwierigkeiten werden zuerst durch ein Übersetzungsprogramm und kurz darauf mit Hilfe einer älteren Dame überwunden, die Gabriel kennt und mit ihm auf italienisch kommuniziert.

Er komme gerade aus Italien, genauer gesagt Bologna, wo auch seine Familie verweilt – sein Vater war Italiener und seine Mutter Rumänin. Deshalb spricht er Italienisch, übersetzt die Dame. Gabriel ist seit Anfang Jahr in Basel. Zu Weihnachten will er wieder zurück zu seiner Familie und dann nochmals dort Arbeit suchen, sagt unsere Übersetzerin. Und nach einer kurzen Zuwendung zu Gabriel fügt sie an: «Wenn ich aber keine Arbeit finde, muss ich wohl wieder hierher kommen».

Eine Frau nähert sich Gabriel und übergibt ihm solidarisch ein Sandwich. «Wenn sie es wirklich brauchen, dann bin ich auch gewillt etwas zu geben», antwortet die Brotspenderin auf meinen fragenden Blick.

Basel ist seine Roma-Bettler*innen nicht los

Auf die Frage wie sich das Betteln seit der Gesetzesrevision für ihn verändert hat, zeigt Gabriel auf den fünf Meter Abstand zum Ladeneingang, den er einzuhalten versucht. Ansonsten habe er keine schlechten Erfahrungen mit der Polizei gemacht. 

«No Problema Policia», sagt auch Maria. Sie ist seit einem Monat in Basel. Auch ihre ausgestreckte Hand ist in der Distanz genau abgemessen zum Eingang der BKB-Filiale am Bankverein. Sie ist mit ihrem Bruder hierher gekommen. Ihre Kinder hat sie in Târgoviște zurückgelassen. In der ehemaligen Hauptstadt der Walachei trieb im 15. Jahrhundert Vlad, der Pfähler, sein Unwesen. Wenn man Maria Glauben schenkt, ist es seit den Zeiten des später als Graf Dracula zur Legende gewordenen Menschenfeinds nicht besser geworden in ihrer Heimat. Deshalb ist sie jetzt in Basel.  

Hier schläft sie auf der Strasse, da sie das gespendete Geld stets ihrer Familie in Rumänien zukommen lässt. Auf die Frage wie sie die Bettelsituation mit den Einschränkungen wahrnimmt, verwirft Maria die Arme und antwortet sichtlich emotional: «Wir haben gar keine Alternative trotz ‹Verbot› hierher zu kommen», teilt sie via Übersetzungsprogramm mit. In Rumänien herrsche Krise und Armut – Arbeit gibt es nicht. Hier versucht sie die Gesetze einzuhalten um in keine Schwierigkeiten zu geraten. Sie hofft einfach, dass genug zusammenkommt um ihre Familie zu unterstützen.  

Familie in Rumänien hat auch die zweite Maria, die wir antreffen. Sie sitzt auf dem Boden auf der Mittleren Brücke. Ihr Mann Mihai ist dazugestossen Die Temperaturen in der Stadt sind angenehm herbstlich, doch auf der Brücke geht eine Bise. Ein Bekannter von Mihai, möglicherweise auch ein weiteres Familienmitglied, ist scheinbar nicht ganz zufrieden, dass Mihai mir Fragen beantwortet. Mihai hört jedoch aufmerksam zu und schildert in einem gebrochenen Englisch seine Situation.

Sie sind erst seit vier Tage in Basel, aber bereits über die hier geltenden Gesetze informiert. Auf die Frage, wer sie über den gesetzlichen Rahmen des Bettelns in Basel aufgeklärt hat, antwortet er mit: «the police». Deshalb hätten sie auch keine Probleme, weil sie sich an die Regeln halten würden, erklärt Mihai. Das sei aber auch das Einzige, das ihnen keine Probleme bereite. Die nächste Herausforderung hat nichts mit Politik zu tun. Die Temperaturen werden kälter. Sie schlafen immer noch draussen.

Zur Gruppe auf der Rehinbrücke stossen weitere Männer dazu. Einer davon, Kristi, spricht gebrochenes Deutsch, das er mit preussischer Bestimmtheit vorträgt. «Kannst du uns nicht organisieren schlafen?», fragt er und seine Entourage pflichtet seiner Aussage mit nickenden Köpfen und frierender Gestik bei. Sie alle schlafen draussen, wo genau, verraten sie nicht. 

Kristi und all die anderen stammen aus Lași, einer Stadt im Nordosten Rumäniens. Eingereist ist er aus Deutschland. Er schildert die aktuelle Bettelsituation: «Momentan gibt es viele Wechsel. Es kommen und gehen Familien, reisen weiter – bleiben also meistens nicht länger als drei Monate. Wir waren in Italien, Spanien und Portugal. Überall hatten wir keine Probleme mit der Polizei. Auch hier nicht. Sie sind sehr freundlich und respektvoll im Umgang. Meistens wird nur der Ausweis verlangt und das ist kein Problem.»

Er erzählt über die prekären Lebensumstände in der Heimat und über die Armut und die mangelnden Anstellungsmöglichkeiten. «Wenn du kein Geld hast, kannst du deine Kinder nicht in die Schule schicken», sagt Kristi. Das sei auch der Grund weshalb sie hier sein müssen. «Niemand hilft uns Zuhause.»

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Auf Anfrage bestätigt die Basler Polizei, dass sich derzeit augenscheinlich wieder mehr Bettelnde in Basel aufhalten. In den Wochen vor und nach Inkrafttreten des ausgedehnten Bettelverbots habe sich die Zahl anfänglich reduziert und nehme seit Oktober wieder stetig zu. Geschätzt geht die Polizei von rund 50 bis 60 Personen aus, die sich tagsüber bettelnd in der Stadt aufhalten. Mediensprecher Toprak Yerguz sagt: «Wir haben festgestellt, dass ein Teil der Bevölkerung erwartet hat, dass mit Inkrafttreten des ausgedehnten Bettelverbots keine Bettelnden mehr in der Stadt anzutreffen sein würden.» Die Polizei kontrolliere aber das Einhalten des «ausgedehnten Bettelverbots» und nicht des «generellen», präzisiert er.

Die Polizei habe viel Arbeit in die Aufklärung der Bettelnden über ihre Rechte investiert. Neben direkter Ansprache über das Community Policing wurde auch ein Flyer in verschiedenen Sprachen produziert der über den Rahmen des Bettelns aufklären soll. Auch wenn Bettelnde untereinander mehrheitlich gut vernetzt, und wie dieser Bericht aufzeigt, informiert sind, kommt es trotzdem vereinzelt zu klaren Übertretungen des Gesetzes. Aus diesem Grund stellte die Kantonspolizei bisher rund 100 Ordnungsbussen aus.

Vier Tipps fürs Zusammenleben

Vier Tipps fürs Zusammenleben

Wie reagiert man am besten auf Bettler*innen? Pfarrer Pucher weiss es. Er wohnt in Graz und hat dort quasi im Alleingang das Bettler*innen-Problem gelöst. Das sind seine Tipps:

1. Sprich mit einem*einer Bettler*in. «Ein ‹Wie geht’s?› verstehen alle», sagt Pfarrer Pucher. 

2. Sag «nein» und erklär den Bettler*innen ruhig, aber bestimmt, dass es dich stört, wenn sie aufdringlich sind oder dir eine Rose aufzwingen wollen. Pfarrer Pucher hat das Jahre lang selbst gemacht. «Ich habe den Bettler*innen beigebracht, dass es ihnen nur schadet, wenn sie den Menschen nachgehen und aufdringlich sind», sagt Pucher. Das habe Wirkung gezeigt. In Graz hat kaum jemand mehr ein Problem mit den Bettler*innen, so Pucher. 

3. «Such dir eine*n Bettler*in aus und gib nur ihr*ihm.» Allen Bettler*innen helfen zu wollen ist illusorisch. Aber es bringe schon viel, wenn man einer Person regelmässig zu etwas Geld und Essen verhelfe.

4.  Besuch sie in Rumänien. Wer den Bettler*innen, die aus osteuropäischen Ländern anreisen, nicht glauben will, dass sie keine andere Wahl haben, als so ihr Geld zu verdienen, soll sie in der Heimat besuchen gehen. «Man kehrt verändert zurück», sagt Pucher.

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