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Bettlerei

Wie Graz mit den Bettler*innen leben lernte

Wer nach Graz reist, kann die Basler Bettel-Debatte im Zeitraffer erleben. Und lernen, wie eine bürgerlich regierte Stadt mit armutsbetroffenen Roma umgeht, ein Verbot einführte, wieder aufhob – und dank der Initiative eines Einzelnen ihre humanistische Fassung nicht verlor.

09/30/20, 04:18 AM

Aktualisiert 10/01/20, 12:52 PM

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Gehören zum Ortsbild wie jede*r andere auch: Bettler*innen in der Grazer Innenstadt.

Gehören zum Ortsbild wie jede*r andere auch: Bettler*innen in der Grazer Innenstadt. (Foto: Adelina Gashi)

Am Südtiroler Platz lassen sich die Besucher*innen des Grazer Kunsthaus-Cafés die Sonne ins Gesicht scheinen, geniessen ihren Sonntag bei Grossem Braunen (Anm. der Red.: doppelter Espresso mit Rahm) und Cheesecake. Ein älterer Mann mit faltigem Gesicht und kurzem, grauen Bart humpelt mühsam von Tisch zu Tisch und stützt sich dabei auf einer Krücke ab. Das verwaschene graue T-Shirt spannt über dem grossen Bauch.

Vor den Tischen bleibt er stehen, hält Gästen stumm die offene Hand hin. Ein junger Kellner kommt auf ihn zu, sagt freundlich, aber bestimmt: «Tut mir leid, hier geht’s nicht». Der Bettler nickt wortlos und entfernt sich langsam.

Seit diesem Sommer betteln Menschen aus Rumänien die Basler*innen in der Freien Strasse an, sprechen die Gäste des Bachmanns an, übernachten in Pärken. Medien und Politik arbeiten sich seither am Thema ab.

In Graz wird seit Jahrzehnten intensiv gebettelt – und kaum jemand regt sich noch auf. 

Die Grazer Gelassenheit kam nicht von alleine. 

Graz tickt anders. Und das hat, wenn es um die Bettler*innen geht, viel mit Pfarrer Pucher zu tun. «Reden, reden, reden», ist seine Devise. Doch zu Pfarrer Pucher später mehr.

Die Hauptstadt des österreichischen Bundeslandes Steiermark mit dem offiziellen Prädikat Menschenrechtsstadt, liegt nur etwa 60 Kilometer von der slowenischen Stadt Maribor entfernt. Seit den 90er-Jahren kommen Roma zum Betteln über die Grenze. Am Anfang löste das auch in Österreich regelmässig heftige Reaktionen aus, die von ratloser Betroffenheit bis hin zu wütender Abweisung reichten. 

Jahrzehntelang rieben sich Politiker*innen und Bevölkerung an dem Thema auf und wälzten dieselben Fragen, die sich aktuell auch die Basler*innen stellen: Hat man es mit osteuropäischen Bettelbanden zu tun? Gibt es mafiöse Strukturen? Ist Betteln ein Menschenrecht? Darf und muss es verboten werden? Und wenn nicht, wie geht man dann als liberale Stadt, die sich eine humanitäre Tradition auf die Fahne schreibt, damit um? 

In Graz scheinen die Menschen Antworten auf diese Fragen gefunden zu haben.

«Die Roma sind nicht verschwunden, sie gehören heute zum Stadtbild dazu.» 

Martin Behr, Journalist aus Graz

«Mittlerweile hat sich das eingeschleift», sagt der Grazer Journalist Martin Behr. Wir fragen ihn, woher diese offensichtliche Gelassenheit mit dem Thema kommt, das in Basel für Aufregung sorgt. Die Roma seien nicht etwa verschwunden, sagt er, sondern: «Die Bettler*innen gehören heute zum Stadtbild dazu.» 

Der Journalist, der bei den Salzburger Nachrichten arbeitet, hat in den letzten Jahren immer wieder über die Bettel-Diskussion, die auch in Graz hohe Wellen warf, berichtet. Behr hat mehrere der bettelnden Roma-Familien in ihrer slowakischen Heimat Hostice besucht und hielt den pauschalen Vorwürfen Reportagen über die individuellen Schicksale entgegen. Heute braucht es das nicht mehr. Seit einigen Jahren beobachte er ein einigermassen friedliches Miteinander von Bevölkerung und Bettler*innen, so Behr.

«Ich habe nichts dagegen, dass Menschen betteln. Ich mag es nur nicht, wenn ich direkt angegangen werde.»

Conni, Gast im Kunsthaus-Café

Im Café Kunsthaus sitzt Conni an einem der kleinen Holztische und hat eben ein Clubsandwich bestellt. Auf den Bettler von eben angesprochen sagt sie: «Ich habe nichts dagegen, dass Menschen betteln. Ich mag es nur nicht, wenn ich direkt angegangen werde und aktiv ‘nein’ sagen muss. Das ist mir unangenehm.» Aber eigentlich habe sie sich schon lange keine Gedanken mehr über die Bettler*innen mehr gemacht, sagt sie. In ihrem Bekanntenkreis sei das mittlerweile kaum noch Gesprächsthema.

Die Gelassenheit von Conni und dem Journalisten Martin Behr bestätigen auch andere Grazer*innen, mit denen wir im Verlaufe der Recherche geredet haben. Das Betteln ist kein Thema mehr. Die Bettler*innen gehören irgendwie dazu.

Das war lange Zeit nicht so.

Rückblende: 2011 in Graz. Die warmen Junitage kommen und damit die slowenischen Bettler*innen. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr überschlagen sich auch die Schlagzeilen. Die boulevardeske Kronen Zeitung zählt, neun Jahre vor 20 Minuten in Basel, die Bettler*innen pro Kilometer in der Innenstadt. 

Dann geht in Graz die politische Diskussion los. Beizer*innen fürchten um ihre Kundschaft, rechtsnationale Politiker*innen aus FPÖ und die Bürgerlichen der ÖVP meinen, mafiöse Bettelstrukturen zu erkennen – ohne je Belege dafür zu haben. Wie in Basel. Und sie fordern: ein Bettelverbot. Wie rechtsbürgerliche Politiker*innen in Basel.

2011 gibt sich Graz das Bettelverbot. Zuerst sieht es so aus, als ob die Bettler*innen tatsächlich deswegen verschwänden. «Bettelverbot in Graz zeigt Wirkung» schreibt die Regionalseite Steiermark des ORF 2012, ein Jahr nach dessen Erlass. Die Mehrheit der Roma habe Graz den Rücken gekehrt. 

Nur: Eine kleine Gruppe Bettler*innen ist in Graz geblieben. Sie haben sich etwas anderes einfallen lassen. 

Statt öffentlich in der Innenstadt zu betteln, gehen sie nun in den Quartieren von Tür zu Tür. So sagt der Grazer Polizeisprecher Joachim Huber gegenüber ORF: «Wir haben jetzt die Wahrnehmung, dass bettelnde Familien unterwegs sind, die bei der Bevölkerung anläuten und vor Ort Geld verlangen.» 

Für die Polizei sei diese Situation schwierig: Die grosse Problematik dabei? «Dass es meist zu keiner Anzeige kommt und wenn doch, dass die Betroffenen nicht mehr vor Ort sind und wir uns schwer tun einzuschreiten», erklärt Polizeisprecher Huber. 

Das Problem ist: Armut kann man verbieten. Weg ist sie deshalb nicht.

Das Bettelverbot führt nur zu einer Verlagerung. Und es formiert sich Widerstand. Dem Pfarrer der katholischen Vinzenzkirche, Wolfgang Pucher, passt das Bettelverbot ganz und gar nicht. Er findet: «Betteln ist ein Menschenrecht.» Es könne nicht sein, dass man Menschen in Not kriminalisiere. 

Es ist dasselbe Argument, das linke Politiker*innen in Basel brauchen, wenn sie sich sich dafür einsetzen, dass Betteln erlaubt bleiben soll. 

Aber ist es nicht ein wenig naiv?

‘Vinzipfarrer’ Pucher ist alles andere als naiv. Er holt sich juristischen Beistand und bringt das neue Gesetz bis vor Verfassungsgericht.

Pfarrer Wolfgang Pucher, 81.

Pfarrer Wolfgang Pucher, 81. (Foto: Helmut Lunghammer)

Und das Gericht hält fest:
Betteln ist ein Menschenrecht.
Das Betteln zu verbieten ist verfassungswidrig. 

Im Jahr 2013 wird Betteln wieder erlaubt. Und nicht nur in Graz, sondern in der ganzen Steiermark. Sogar im anderen Bundesland Salzburg muss das Verbot wieder aufgehoben werden.

Das Betteln ist nicht mehr verboten, aber es bekommt erstens Regeln und zweitens jemanden, der sich um Einhaltung der Regeln kümmert: 

  1. Nur stilles Betteln ist erlaubt. Das bedeutet: Am Boden sitzen und einen Becher hinstellen, ist in Ordnung. Menschen ansprechen oder ihnen nachlaufen, sogenanntes “aggressives Betteln”, ist verboten. Und auch Kinder dürfen nicht betteln.

  2. Graz setzt auf ihre Ordnungswächter*innen. Sie sind zwar keine Polizist*innen, aber bei der Stadt angestellt und kümmern sich um die Sicherheit der Bevölkerung. Dazu gehört auch, aggressive Bettler*innen zurechtzuweisen. 

Doch das reicht nicht. Die Stimmung bleibt aufgeladen. Die Grazer Gewerbler*innen und Bewohner*innen sind noch immer wütend und verunsichert. Und für ehrgeizige Politiker*innen und Auflage heischende Medien bleibt Betteln ein gefundenes Fressen.

Alle Schaltjahre wärmte Graz das Betteln auf – pünktlich zu den Wahlen

19 der 48 Sitze im rechtsbürgerlich dominierten Grazer Gemeinderat sind von der ÖVP besetzt, acht von der FPÖ. Journalist Martin Behr sagt: «Für die bürgerlichen Politiker*innen war das Bettel-Thema jahrzehntelang eine Möglichkeit, sich politisch zu profilieren.» Pünktlich zu den Wahlen sei die Debatte um das Betteln alle vier Jahre wieder aufgeheizt worden. Mit der ewig gleichen Story um mafiöse Strukturen und angeblichen Bettlerbossen konnten billige Punkte im Wahlkampf gemacht werden, erklärt Behr.

«Die bürgerlichen Parteien, thematisch blutleer, arbeiten sich an einer Gruppe rumänischer BettlerInnen in der Stadt ab. Den Anstoss gaben PolitikerInnen von CVP und SVP, die jede Begegnung mit bettelnden Menschen auf Social Media skandalisierten», schreibt der Basler Journalist Renato Beck dieses Jahr am 20. August in der Wochenzeitung.

In Graz wird nächstes Jahr wieder gewählt. Sind dann die Bettler*innen wieder Thema? Wohl kaum, sagt Johann Putzer. Er ist Mitarbeiter des Bürgermeisterbüros und zuständig für die Bereiche Menschenrechte, Religionsgemeinschaften, BürgerInnenbeteiligung. Sein Vorgesetzter ist der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl, Mitglied der mitte-rechts Partei ÖVP und vor zehn Jahren lautstarker Verfechter des Bettelverbots. 

Im bürgerlich geführten Rathaus von Graz heisst es: «Heute funktioniert’s.»

Im bürgerlich geführten Rathaus von Graz heisst es: «Heute funktioniert’s.»

Referent Putzer sagt zu der Bettelproblematik: «Heute funktioniert’s.» Das sei auch der Zusammenarbeit der Stadt mit Pfarrer Puchers Kirche geschuldet. «Die Menschen haben sich an die Bettler gewöhnt, und die Bettler haben gelernt unsere Spielregeln – kein aggressives Betteln, kein Betteln mit Kindern – zu respektieren», sagt auch der zuständige Vertreter des bürgerlichen Politikers mit einer erstaunlichen Gelassenheit.

Pfarrer Pucher on fire 

Wie das gelang? Nicht von alleine, aber durch einen Alleingang und durch unerschöpfliches Engagement. Pfarrer Pucher knöpfte sich alle diejenigen vor, die Mythen um die Bettler*innen aus Osteuropa verbreiteten, krempelte die Ärmel hoch und machte sich zunächst fast eigenhändig daran, das Bettler-Narrativ umzuschreiben. 

Als Vertreter der Kirche weiss der Pfarrer seinen Einfluss im katholischen Österreich zu nutzen. «Er war und ist für Graz eine Integrationsfigur», sagt Journalist Behr. Pucher griff zum Telefon. Jedes Mal, wenn Zeitungen Artikel publizierten mit Titeln wie «Herzlich willkommen im Bettlerparadies Graz» (Kronen Zeitung, 15. April 2013) war anschliessend der Pfarrer am Draht. Er scholt Journalist*innen und Politiker*innen im Zwiegespräch und öffentlich jene, die von «Bettelbossen in Villen» oder «mafiösen Strukturen» schrieben. 

Auch die Bettler*innen halten sich an Regeln: Es ist nur stilles Betteln erlaubt.

Auch die Bettler*innen halten sich an Regeln: Es ist nur stilles Betteln erlaubt.

«Kommunikation war der Schlüssel, um das Bild bei der Grazer Bevölkerung zu verändern», sagt der Pfarrer heute. Über sich und sein Engagement für die Bettler*innen durfte Pucher schon unzählige Male berichten. Trotzdem ist er es deshalb noch lange nicht Leid, seine Stimme wird regelrecht energisch, wenn er erzählt.  

«Kommunikation war der Schlüssel, um das Bild bei der Grazer Bevölkerung zu verändern.»

Wolfgang Pucher, Grazer Armenpfarrer

Als Erstes räumte er mit falschen Bildern und dem Mythos des mafiösen Bettelbosses auf. Er wusste aus nächster Betrachtung dasselbe, was der Lausanner Sozialwissenschaftler Jean-Pierre Tabin für die Schweiz aufgrund seiner Forschungsergebnisse über das Betteln sagt: «Bandenbosse, kriminelle Bettelbanden, das gibt es nicht.» 

Am Südtiroler Platz ist der Bettler, den der Kellner gebeten hatte, zu gehen, immer noch hier. Er steht vor einem freien Tisch, abseits von den Gästen, vor ihm auf dem Tisch ein Teller mit Essensresten. Er setzt sich hin und beginnt zu essen. Als eine der Kellner*innen hinläuft, um abzuräumen, bleibt sie kurz stehen, wartet, bis er aufgegessen hat und lädt das Geschirr auf ihr Tablett. Der Mann erhebt sich wieder und zieht davon.

Die Kellnerin nimmt das locker. «Die Bettler*innen stören uns nicht. Sie haben ja keine andere Wahl. Ich finde, da muss man Verständnis haben», sagt die junge Frau, die nicht mit Namen genannt werden möchte. Meistens würden sie und ihre Mitarbeiter*innen beide Augen zudrücken. Ab und an käme es aber vor, dass sie Bettler*innen, die zu lange stehen bleiben, wegschickten.

Am Tag darauf hat sich der Himmel innerhalb kürzester Zeit verdunkelt. Es regnet in Strömen. Der angrenzende Hauptplatz ist wie leer gefegt. In der Herrengasse, das ist die Einkaufsmeile von Graz, schreiten ein paar wenige Menschen schnellen Schrittes davon. Die meisten Läden sind schon zu.

Das Rathaus thront hinter dem Hauptplatz.

Das Rathaus thront hinter dem Hauptplatz.

Maria* ist Mitte dreissig, hat ihre langen dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und wischt gerade den Tresen eines beliebten Tourist*innen-Cafés in der Grazer Shoppingmeile. Die Frage nach ihren wöchentlichen Begegnungen mit den Bettler*innen beantwortet sie, kaum fällt das Wort «betteln», sichtlich genervt.

«Ja, uns stört es», sagt sie. «Die Bettler hören nicht auf uns, wenn wir sie wegschicken wollen. Sie bleiben einfach weiter stehen», sagt sie. «Wir haben den Gästen auch schon gesagt, dass sie aufhören sollen, ihnen Geld zu geben. Ich glaube nämlich, dann kommen sie auch nicht mehr.» Sie könne nicht verstehen, dass nichts gegen solche aufdringliche Bettler*innen getan werde. «Die Politik tut nichts. Und die Ordnungswächter sind nicht immer da, wenn man sie braucht.»

Fast beruhigend, dass der hartnäckige Pucher offenbar noch nicht ganz zu allen durchdringen konnte. Der Mann hat ansonsten eine erstaunliche Durchsetzungsfähigkeit. 

2015 setzte sich Pfarrer Pucher mit einem Team aus Expert*innen aus Politik, Bevölkerung und Behörden zusammen, um ein Strategiepapier mit Massnahmen zu erarbeiten, um die immer wieder auflodernde Bettel-Debatte endgültig abzukühlen. Daraus resultierte der Plan für ein Servicecenter. Ein «Informations-, Begegnungs- und Beratungscenter für bettelnde Menschen». 

Der zurückgelegte Prozess ist erstaunlich. Statt Bettler*innen-Vergrämung stand in Graz plötzlich ein humanitäres Angebot im Vordergrund. Sogar der Grazer ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl war mit der Idee einverstanden und gab dem Pfarrer seinen politischen Segen. Die Umsetzung scheiterte dann daran, dass sich nicht alle einig waren über die Ausweispflicht für bettelnde Menschen und darüber, wie das Servicecenter finanziert würde. 

Eine Notschlafstelle für die Bettler*innen

Zum Service-Center für Bettler*innen hat es politisch nicht ganz gereicht. Aber Pucher wäre nicht Pucher, wenn die Roma in Graz sich ganz unwillkommen fühlen müssten. 

Im Park neben der Grazer Vinzenz-Kirche sitzen zwei Frauen. Sie tragen lange bunte Röcke und reden angeregt auf Rumänisch. Um sie herum rennen zwei dunkelhaarige Kinder, ein Junge und ein Mädchen, und spielen Fangen. 

Hinter einem grünen Garagentor, das gleich gegenüber der Kirche steht, hat eine slowakische Roma-Grossfamilie im sogenannten Vinzinest ihre Herberge gefunden. Die Grossfamilie reist jeden Sommer aus Hostice nach Graz an, um zu betteln. «Armutsmigrant*innen» wie die bettelnden Roma erhalten im Vinzinest einen Schlafplatz, täglich eine warme Mahlzeit, Kleider und Hygieneartikel. Die Stadt Graz und das Bundesland Steiermark unterstützen die Einrichtung finanziell. 

Auf die augenfällige Gelassenheit zwischen Grazer Öffentlichkeit und bettelnden Roma angesprochen, will Pfarrer Pucher nichts von einem Wunder wissen. «Reden, Reden, Reden – mit allen. Immer.» Nur das helfe, sagt er. Und immer zwischen die Fronten gehen, das müsse man. «Ein Grazer Polizist hatte es vor ein paar Jahren auf die Roma abgesehen und nahm ihnen das Geld ab. Er glaubte, es seien Kriminelle. Ich sagte ihm, er solle sie in der Vinzi-Unterkunft besuchen kommen und mit ihnen sprechen.» Das habe er dann getan, erzählt Pucher. Die Roma erhielten die Gelegenheit, dem Polizisten ihre Situation zu erklären. «Die Schikanen hörten auf.» 

«Wir erklären den Bettler*innen immer wieder, dass sie die Gesetze beachten müssen. Da bin ich streng.»

Pfarrer Pucher

Vor einem Supermarkt in der Grazer Innenstadt steht ein Mann. Kurzes weisses Haar, runder Bauch und freundliche braune Augen. Er trägt einen moosgrünen Pullunder, braune Lederschuhe und bittet Passant*innen und Ladenbesucher*innen um Geld. Hier steht er fast jeden Tag, sagt er. Vor ein paar Wochen ist er mit seiner Familie aus Hostice angereist. Nachts schlafe er im Vinzinest. «Die Leute sind sehr freundlich zu mir», sagt er über die Grazer*innen. Ein Mann läuft an ihm vorbei und grüsst den Bettler, der ihm prompt die Hand entgegenstreckt. Lachend sagt er zu ihm: «Na, ich habe dir heute schon was gegeben. Nächstes Mal wieder», und läuft weiter. 

In Graz ist die Bettel-Debatte in den Hintergrund gerückt – bald auch in Basel?

Der Pfarrer nimmt auch die Bettler*innen selbst ins Gebet. «Wir erklären den Bettler*innen immer wieder, dass sie die Gesetze beachten müssen. Da bin ich streng», sagt der 81-Jährige. «Ich sage ihnen, dass es nichts bringt, wenn sie aufdringlich sind. Die, die ihnen etwas geben wollen, tun das nämlich auch, wenn sie still betteln», sagt Pucher.

«Bei den Wahlen 2017 ging es jedenfalls zum ersten Mal nicht um die Bettler und Bettlerinnen in Graz», sagt Journalist Martin Behr. Für die Bevölkerung und darum auch für die Politik war das Thema in den Hintergrund gerückt. 

Wer auch immer in Basel nach einem Wahlkampf, der sich stark um Bettler*innen drehte, gewählt wird: Damit das Thema in Zukunft nicht quasi zur festen Wahlkampf-Folklore wird, ist allen künftigen Ratsmitgliedern eine Reise nach Graz  zu empfehlen. 

*Name von der Redaktion geändert

Puchers Ratschläge

Dass Betteln durchaus als lästig empfunden werden kann, stellt der Grazer Pfarrer Pucher nicht in Abrede. «Niemand muss einem Bettler etwas abgeben», sagt er. Aber für den täglichen Umgang mit Bettler*innen hat er drei Tipps bereit:

1.   Sprich mit einem*einer Bettler*in. «Ein ‘Wie geht’s?’ verstehen alle», sagt er.

2.   «Such dir einen aus und gib nur ihm». Allen Bettler*innen helfen zu wollen sei illusorisch. Aber es bringe schon viel, wenn man einer Person regelmässig zu etwas Geld und Essen verhelfe.

3.  Wer den Bettler*innen, die aus osteuropäischen Ländern anreisen, nicht glauben will, dass sie keine andere Wahl haben, als so ihr Geld zu verdienen, soll sie in der Heimat besuchen gehen. «Man kehrt verändert zurück», sagt Pucher.

Journalist Martin Behr erzählt, dass viele Grazer*innen sich Puchers Ratschläge zu Herzen genommen haben: «Ich sehe immer wieder Menschen, die den Bettlern und Bettlerinnen etwas in den Becher werfen, von denen ich das nicht erwartet hätte. Manche meiner Bekannten haben sozusagen ihren persönlichen Bettler, dem sie regelmässig etwas Geld geben.»