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Primateninitiative: Hier ist der Affe los

Eine Basler Initiative fordert Grundrechte für nichtmenschliche Primaten. Worum geht's? Und weshalb stemmen sich Zolli und Pharma dagegen, obwohl sie nicht direkt betroffen sind?

01/12/22, 04:00 AM

Aktualisiert 01/12/22, 04:00 AM

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Schimpansen unter sich.

Schimpansen unter sich. (Foto: Ina Bullwinkel)

Wer beobachtet hier wen? Neugierig schauen die Zolli-Schimpansen, Jacky, Fifi, Obaye und wie sie alle heissen, zur Seite durch die Scheibe. Dahinter warten genauso viele neugierige Augenpaare, dass etwas Interessantes passiert. Wobei es schon spannend ist, einen kleinen Schimpansen beim Pulen einer Orange zu beobachten oder beim Schaukeln an einer Liane. Nicht zuletzt, weil er uns Menschen so ähnlich ist.

Unter anderem, weil wir uns in Schimpansen, und allgemein Primaten, wieder erkennen, hat die Organisation «Sentience Politics» die Initiative «Grundrechte für Primaten» lanciert. Um drei Rechte geht es: Das Recht auf Leben und das Recht auf körperliche und jenes auf geistige Unversehrtheit. 

«Wir Menschen haben ein Verhältnis zu Tieren, das eigentlich immer in der Dominanz besteht.»

Markus Wild, Tierphilosoph und Mitinitiator der Initiative

Fragt man Markus Wild, Tierphilosoph und Mitinitiator der Initiative, liegen die Gemeinsamkeiten mit Menschen, die es rechtfertigen, den Affen diese Grundrechte zu geben in der «Schmerz- und Leidensfähigkeit von Affen, in ihrem komplexen psychischen und sozialen Leben und darin, dass sie in die Zukunft planen können». Psychische Unversehrtheit bedeute, dass die Tiere möglichst frei von Angst, Stress und Überforderung sind und die Möglichkeit haben, in einer Gruppe zu leben. «Wir Menschen haben ein Verhältnis zu Tieren, das eigentlich immer in der Dominanz besteht, egal in welcher Epoche. In den letzten 100, 200 Jahren hat sich das verschärft durch den technologischen Fortschritt und die intensive wirtschaftliche Nutzung von Tieren», sagt Wild.

Menschen zählen übrigens auch zu den Primaten. Bei der Initiative geht es aber um die nichtmenschlichen Primaten wie Schimpansen, Lemuren, Orang-Utans, Totenkopfäffchen und Gorillas.

Zurück hinter der Scheibe im Affenhaus. Adrian Baumeyer vom Zoo Basel findet es etwas schwieriger als Tierphilosoph Markus Wild, die Gemeinsamkeiten mit den Menschen festzulegen. Nicht, weil er sie nicht kennen würde, sondern, weil er vor allem die Unterschiede sieht. Baumeyer ist seit zehn Jahren Affenkurator und arbeitet seit 2005 beim Zolli. Er kennt alle Affen mit Namen, ihre Charaktere und ihre Machtstrukturen. 

Einen Lieblingsaffen hat er, wie er sagt, aus Prinzip nicht. «Das geht nicht, die Tiere würden das sofort spüren und ausnutzen. Das würde zu schwierigen Dynamiken führen.» Dann zählt er ein paar der Gemeinsamkeiten auf: Säugetier, Warmblüter, Fell, ein opponierbarer Daumen, die Augen frontal im Gesicht. «Der Schimpanse ist unser nächster Verwandter. Vor vier bis fünf Millionen Jahren hat allerdings unser letzter gemeinsamer Verwandter gelebt. Das muss man wissen: Mit dem am weitesten entfernten Affen sind wir genauso verwandt wie mit einer Ratte.»

Affe ist nicht gleich Affe, betont Baumann. Er verweist auf die vielen Unterschiede, nicht nur zwischen Menschen und Affen, sondern auch zwischen den einzelnen Arten. «Affen gehen auf allen vieren und Menschen auf zwei Beinen. Wir können sprechen, sie nicht. Sie können zwar kommunizieren, aber nicht so abstrakt. Ihre Kommunikation ist sehr direkt ‹Hier gibt es gutes Futter›, ‹Komm, wir gehen jagen›. Das reicht ihnen.»

Hält nichts von der Initiative: Adrian Baumeyer.

Hält nichts von der Initiative: Adrian Baumeyer. (Foto: Ina Bullwinkel)

Beim Erzählen blickt Baumeyer auf, er hat etwas Interessantes hinter der Scheibe entdeckt. «Ein Weibchen mit einem Jungtier». Dieses Weibchen trage das Kleine sonst nicht. «Ah, jetzt hat sie es sich zurückgeholt», ein anderes Schimpansenweibchen hat sich das Baby geschnappt. Gleichzeitig steht eine Menschen-Mutter mit Baby in der Trage vor der Scheibe und beobachtet die Szene. Wie ein Spiegel wirkt die Scheibe dennoch nicht. Hier auf zwei Beinen, dort auf vieren. Dort viel Fell, hier nur ein paar Haare auf dem Kopf.

Der Affenkurator macht kein Geheimnis daraus, dass er von der Primateninitiative nichts hält. Der Zolli weibelt öffentlich dagegen, dabei ist er als privater Player nicht unmittelbar betroffen. Baumeyer glaubt nicht, dass die Initiative zum Wohl der Affen beiträgt. «Im Moment haben wir die Verantwortung für diese Tiere und dafür, dass es ihnen gut geht. Das ist im Tierschutzgesetz genau definiert, sehr streng, wir werden regelmässig vom Veterinäramt kontrolliert.»

«Ein Erlösen der Tiere wäre mit der Initiative nicht mehr möglich.»

Adrian Baumeyer, Affenkurator Zoo Basel

Aus Baumeyers Sicht haben die Affen genug Schutz. Eine mögliche Ombudsperson, die die Rechte der Tiere durchsetzt, lehnt Baumeyer ab. «Wir sind jeden Tag hier und kennen die Tiere in- und auswendig. Sie sind alle sehr individuell. Ein Pfleger von uns kann die Bedürfnisse eines Tieres deshalb viel besser einschätzen als eine externe Ombudsperson.» 

Grundrechte brauche es nicht. «Im Tierschutzgesetz ist geregelt, dass die Tiere nicht unnötig leiden dürfen. Das heisst, man muss immer abwägen, ob man ein Tier einschläfert, man kann es auf Deutsch gesagt nicht einfach verrecken lassen.» Das sei einer der Knackpunkte der Initiative. Sie sieht ein «Recht auf Leben» vor. «Ein Erlösen wäre dann nicht mehr möglich», meint Baumeyer. «Die Initiative fordert ein Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Dabei sterben diese Tiere in der Natur regelmässig wegen fehlendem Fressen, Krankheit oder weil sie verstossen werden. In der Natur haben die Tiere ein Recht auf den Tod.»

Tierphilosoph Markus Wild fordert Grundrechte für Primaten.

Tierphilosoph Markus Wild fordert Grundrechte für Primaten. (Foto: zVg)

Der eine kämpft für das Recht zu leben, der andere für das zu sterben. Philosoph Wild möchte den Tierschutz nicht mit Grundrechten vermengen, da gebe es einen grossen Unterschied: «Der grundsätzliche Unterschied zum Tierschutz ist, dass die Affen selber Rechte hätten. Im Moment stehen sie nur unter dem Schutz des Rechts. Mit den Grundrechten wäre es ausserdem nicht ohne Weiteres möglich, diese Affen zu töten. Affen für belastende Versuche an der Universität zu benutzen, wäre ebenfalls nicht mehr möglich.» Wild möchte verhindern, dass Primaten einer Willkür ausgesetzt sind und für wissenschaftliche Experimente benutzt werden.

Die Initiative würde jedoch ausschliesslich Primaten im staatlichen Besitz betreffen – dies hat das Appellationsgericht so festgelegt, nachdem der Grosse Rat die Initiative ablehnte. Zoos und Forschungsinstitutionen wären also nicht direkt von der Initiative betroffen. Primaten in Gefangenschaft zu halten oder mit ihnen Experimente zu machen, wäre grundsätzlich noch möglich, auch mit angenommener Initiative. An der Uni gibt es derzeit allerdings gar keine und auch die Pharmabranche in Basel experimentiert aktuell nicht mit Primaten. Der Kanton, den die Initiative betrifft, ist aber auch nicht im Besitz von Primaten.

Zolli und Pharmabranche befürchten schlimme Folgen

Trotzdem sprechen sich sowohl der Zolli als auch die beiden grössten Basler Pharmaunternehmen Roche und Novartis gegen die Initiative aus. «Sie befürchten, dass die Experimente in Zukunft nicht möglich sein werden, und es eine Signalwirkung auf andere Kantone oder andere Länder geben könnte», kommentiert Philosoph Wild die Gegnerschaft. Beim Zolli gebe es Vorbehalte, wegen einer möglichen Rechtsunsicherheit. «Sie befürchten, dass sie trotzdem haftbar gemacht werden könnten.» Wild glaubt, dass es für den Zoo noch einen weiteren Grund gibt, warum er dagegen ist: Zuchtprogramme. «Es gibt in den europäischen Zoos zu viele männliche Gorillas, und man muss entscheiden, was mit diesen Tieren geschieht. Wenn wir auch im Zoo Grundrechte für die Affen hätten, könnte man sogenannte ‹überzählige› Tiere nicht mehr einfach töten, kastrieren oder isolieren.»

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Baumeyer irritiert diese Aussage. «Markus Wild hat keine Ahnung von Zoos und weigert sich auch, einen zu besuchen.» Er bestätigt, dass es ein Problem mit zu vielen männlichen Gorillas gibt, das entstehe natürlicherweise durch die Haremsbildung. «In der Natur sterben diese Tiere, im Zoo nicht, weil wir sie nicht einfach töten. In der Zukunft könnte das aber der Fall sein. Das Recht auf Leben würde dann dazu führen, dass wir früher oder später keine Tiere mehr halten könnten», sagt er.

Wer ist die Zielgruppe?

Aktivist und Philosoph Wild wundert sich über den Widerstand. «Ich dachte zuerst, bei dieser Initiative würden die Gegner nichts tun», sagt er. Den Vorwurf, es gebe momentan keine Zielgruppe, da es keine Primaten im staatlichen Besitz gibt, lässt er nicht gelten. «Ganz offensichtlich gibt es eine Zielgruppe, nämlich die Personen, die Ansprüche erheben, mit diesen Tieren bestimmte Dinge zu tun. Das ist die Gruppe, auf die wir zielen, aber vor allem auf ein verändertes Verhältnis zu den Tieren.»

Adrian Baumeyer will vor dem Verlassen des Affenhauses noch gern die Totenkopfäffchen zeigen. In der medialen Diskussion ginge es immer nur um die Menschenaffen, dabei gehörten die kleinen, flinken Wesen auch zu den Primaten, sagt er. Direkt neben dem Ausgang steht das Plakat «Nein zur Primateninitiative». Baumeyer ist es wichtig zu betonen: «Wir bemühen uns jeden Tag, dass es den Tieren gut geht. Der Zolli ist nicht kommerziell, es geht nicht darum, Umsatz mit den Tieren zu machen.» Die Tiere seien Botschafter für ihre Art, der Zoo trage zu ihrem Schutz bei.

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