«Häusliche Gewalt hat eine eigene Dynamik»

Wer häusliche Gewalt erfahren hat, dem fällt es oft schwer, Hilfe zu suchen – auch aus Angst, nicht verstanden zu werden. Der Verein «Ein sicheres Dach», von ehemaligen Betroffenen gegründet, will die Hemmschwelle senken.

Ein sicheres Dach
Die Personen auf dem Foto sind die Menschen, die den Verein aufgebaut haben: Kassier, Präsidentin und Vizepräsidentin – alle wollen anonym bleiben. (Bild: Karina Rogaczewski)

In der Schweiz wird alle zwei Wochen ein Femizid begangen. Fast jede vierte Person in der Schweiz ist in ihrem Leben mit häuslicher Gewalt in Kontakt gekommen. Der Kanton Basel-Stadt versucht mit der Aktionswoche «Halt Gewalt» vom 4. bis zum 12. April Veränderung zu schaffen. Doch die Zahlen sind alarmierend und die Ursachen komplex.

Auch Isabelle Mayer* (Name geändert) kennt häusliche Gewalt aus eigener Erfahrung. Deshalb hat sie den Verein «Ein sicheres Dach» gegründet, um Betroffenen zu helfen. Sie weiss, dass die Suche nach Hilfe nicht leicht und ein langer, schwieriger Prozess sein kann. Gewalterfahrungen werden oft über einen langen Zeitraum gemacht. Prävention und Sensibilisierung der Bevölkerung seien noch nicht weit fortgeschritten. Nicht selten werden Betroffene isoliert oder sind von Scham belastet.

Die sogenannte Peer-Begleitung, die «Ein sicheres Dach» anbietet, ist ein niederschwelliges Angebot für Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt, denn die geteilten Erfahrungen lassen mehr als Empathie zu. Häusliche Gewalt ist nicht nur körperlich. Täter*innen (meist sind es Männer) üben Macht und Kontrolle über soziale, emotionale und finanzielle Aspekte aus. Diese Erlebnisse können Denkmuster und Verhalten prägen, die von Peers anders als von Psychiater*innen nachvollzogen werden können. Was nicht heisst, dass die professionelle Betreuung ersetzt werden soll. Der Verein will sie ergänzen. 

Im Interview erklärt Gründerin Mayer*, wofür ihr Verein sich einsetzt und wie es um die gesellschaftliche Debatte zum Thema steht.

«Wenn man Leute findet, die dasselbe erlebt haben, ist man endlich wieder Teil von etwas. Man ist nicht mehr so alleine.»
Isabelle Mayer* (Name geändert), Gründerin Verein «Ein sicheres Dach»

2021 haben Sie den Verein «Ein sicheres Dach» gegründet. Wie kam es dazu?

Vor vier Jahren sass ich an meinem Küchentisch und wusste irgendetwas müssen wir als Gesellschaft machen, denn der Ist-Zustand ist nicht befriedigend. Ich dachte: «Komm, ich gründe einen Verein.»

Wofür setzt sich der Verein ein?  

Unser Hauptziel ist die Peer-Begleitung. Wir begleiten Betroffene von häuslicher oder sexualisierter Gewalt als ehemalige Betroffene. Das heisst, nicht aus der Perspektive einer Fachperson oder einer staatlichen Organisation, sondern einfach von mir zu dir. 

Was ist der Vorteil dabei?

Ich weiss, wie es ist, da ich selber in einer ähnlichen Situation war. Sich bei häuslicher Gewalt Unterstützung zu holen, ist super schwierig, aus Schamgefühlen, aus Angst, wegen Stigmatisierung. Jemand, der selbst häusliche Gewalt erlebt hat, ist auf das Thema sensibilisiert und dadurch besteht kein Risiko zum Beispiel Victim-Blaming zu erfahren. Ein Angebot, das von ehemaligen Betroffenen aufgebaut ist, senkt vielleicht die Hemmschwelle. Wenn man Leuten findet, die das auch erlebt haben und verstehen, dann ist man endlich wieder Teil von etwas. Man ist nicht mehr so alleine.

«Der Glaube ist, dass häusliche Gewalt privat ist. Aber das stimmt nicht. Das Thema geht uns alle etwas an.»
Isabelle Mayer* (Name geändert), Gründerin Verein «Ein sicheres Dach»

Wenn ich «Ein sicheres Dach» höre, könnte ich mir auch vorstellen, dass der Verein zum Beispiel Schlafplätze anbietet.

Das war auch der ursprüngliche Plan, von dem her ist der Name auch so, aber wir haben das Konzept irgendwann geändert.

Wie sieht die Betreuung genau aus?

Es gibt zwei Arten. Das ist einmal die praktische Begleitung – Hilfe bei der Wohnungssuche, Papierkram erledigen, Briefe schreiben etc. Im Prinzip kann das alles Mögliche sein. Wenn man gerade aus einer Gewaltsituation herauskommt oder noch mittendrin steckt, ist man total überfordert und übermüdet vom Kämpfen. Und dann können wir mit ganz praktischen Sachen beistehen.

Und die zweite Art?

Die andere Begleitung ist eher auf emotionaler Ebene. Dabei benennen wir vor allem, was passiert ist oder was gerade am passieren ist. Wir durchleuchten die Situation zusammen mit den Betroffenen und schauen die Gewaltdynamik an. Was ist das Verhalten vom Täter? Wieso macht er das eigentlich so? Was ist das Ziel? Wie reagiere ich darauf? Wie kann ich am besten damit umgehen? Wir benennen Aspekte wie Gaslighting, wie Victim-Blaming, was man dann im Umfeld zum Beispiel erlebt. Die Betroffenen haben ein grosses Bedürfnis, zu verstehen, was gerade mit ihnen passiert und wieso. Oft kommen Leute auch zehn Jahre nach der Gewalterfahrung zu uns, denn auch dann laufen sie noch mit diesen Fragen rum.

Ein sicheres Dach
Hier ist das «sichere Dach».

Sie haben selbst versucht, in Basel Hilfe zu finden. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? 

Ich konnte damals fast kein Deutsch, was die Suche erschwerte. Wo meldet man sich da? Ausserdem hatte ich eine Hemmschwelle. Was passiert, wenn ich mich irgendwo melde? Ich hatte immer Angst, dass es irgendwelche Konsequenzen hat – auch weil ich Ausländerin bin. Als ich dann vom Frauenhaus gehört habe, konnte ich dort nicht hingehen, weil ich einen Hund hatte. Und meinen Hund beim Täter zu lassen, kam nicht infrage. Man ist auf sich allein gestellt. Das Zusammenleben mit dem Täter hat alles erschwert.

Spielt Scham auch eine Rolle bei der Suche nach Hilfe? 

Sicher. Auch weil die meisten Betroffenen schlechte Erfahrungen mit Victim-Blaming machen, wenn sie endlich den Mut haben, die Scham zu überwinden und auszusprechen, was gerade passiert. Und das von egal wem – im Umfeld, den Nachbarn, bei der Arbeit und auch bei den Freunden. 

Können Sie Beispiele nennen?

Wenn das Umfeld erfährt, dass man sich immer wieder trennt und wieder zurückgeht. kommen Fragen wie «ja, aber wieso gehst du jetzt nicht einfach?» oder Aussagen à la «Dann bist du aber selber schuld, wenn du wieder zurück gehst». Das bewirkt, dass man nicht mehr darüber reden möchte. Im Durchschnitt braucht es siebenmal, bis man definitiv aus der Situation raus ist. Häusliche Gewalt hat eine sehr eigene Dynamik.

Haben Sie sich damals gefragt, warum niemandem etwas aufgefallen ist und Ihnen geholfen hat? 

Die meisten Leute, die damals in meinem Umfeld waren, haben gar nichts mitbekommen. Aber bei den Nachbarn wusste ich, dass sie es mitbekamen. Inzwischen weiss ich ein bisschen besser, wieso sie nicht reagierten. 

Und wieso?

Der Glaube ist, dass häusliche Gewalt privat ist. Aber das stimmt nicht. Das Thema geht uns alle etwas an. Wenn wir mitbekommen, dass es jemand anderem nicht gut geht, dann geht es uns etwas an. Wie stellen wir uns die Welt denn sonst vor, dass jeder für sich selbst schauen muss? Wenn man aus einer Situation nicht rauskommt, dann ist es halt so? Das kann doch nicht ernsthaft unser Weltbild sein. Man sollte handeln. Trotz der Angst, es möglicherweise zu verschlimmern, wenn die Polizei gerufen wird. Oder bei Zweifeln, dass die Nachbarn erfahren, wer sie bei der Polizei gemeldet hat. 

Ein sicheres Dach
Mit diesem Sticker macht der Verein «Ein sicheres Dach» auf Frauen-WCs auf sich aufmerksam.

Gibt es auch strukturelle Ursachen für häusliche Gewalt?

Ich glaube, wir müssen unser Bild vom «Täter» aktualisieren. Stellen Sie sich einen Täter vor. Es ist sicher irgendein böse aussehender Typ mit dominanter Ausstrahlung und Wifebeater-Tank-Top. Aber so sehen sie nicht aus. Es sind ganz normale Bürger, denen wir jeden Tag begegnen.

Woher kommt der Irrglaube?

Das ist ein Versuch, zu rationalisieren. Man denkt, vielleicht checkt der Täter nicht so ganz, was er da macht. Wir wissen aber inzwischen, dass das nicht stimmt. Häusliche Gewalt ist eine Strategie, um jemanden zu dominieren und zu kontrollieren. Auch das Bild eines Kerls, der durchdreht und dann das ganze Zimmer verwüstet, ist falsch. Es sind meistens nicht seine Sachen, die er zerstört. Das ist kein Kontrollverlust. Darüber müssten wir als Gesellschaft nachdenken, statt darüber, was Betroffene hätten machen sollen oder nicht. Wieso reden wir nicht darüber? Über die Person, die eigentlich verantwortlich ist, oder?

Wieso tun wir das nicht?

Wir leben in einer Welt, die vom Patriarchat durchdrungen ist. Wir sind noch nicht so weit mit der Gleichstellung, wie wir denken. Einfach alle Strukturen, auch staatliche und gesellschaftliche, sind durchdrungen. Es ist schockierend, wie normalisierte Gewalt in Filmen wie Fifty Shades of Grey so viel Erfolg hat. Auch die Vorstellung, Betroffene seien entweder unsichere Mauerblümchen oder kaputte, dysfunktionale Menschen, ist falsch.

«Ich würde mir wünschen, dass man bei Kindern früh anfängt, die geschlechtliche Rollenverteilung zu hinterfragen. Mit der Idee, dass wir in 20 Jahren eine andere Gesellschaft kreiert haben.»
Isabelle Mayer* (Name geändert), Gründerin Verein «Ein sicheres Dach»

Sie erleben die Menschen anders?

Jede Person, die zu uns in den Verein kommt, hat eine beeindruckende Ausstrahlung. Das sind intelligente, wache Menschen bei klarem Verstand, die etwas überstanden haben. Dabei haben sie eine Schatzgrube an Überlebensstrategien und Wissen angeeignet. Am wichtigsten ist jedoch die erfahrungsbasierte Empathie. Dadurch versteht und lernt man anders voneinander, als es Fachleute können.

Können wir die Gesellschaft sensibilisieren?

Ja, durch Präventionsmassnahmen und klare Anleitungen. Eigentlich sollten wir darüber informiert sein, was zu tun ist, wenn ich bei meinen Nachbarn immer wieder etwas mitbekomme. Wenn in der Familie etwas nicht stimmt oder es scheint, als würde es einer Arbeitskollegin nicht gut gehen. Wie handle ich dann? Wir sollten das Vorgehen kennen, so wie wir es bei einem brennenden Haus auch tun – Feuerwehr anrufen, Fenster nicht öffnen, alle Türen schliessen.

Wie könnten Präventionsmassnahmen aussehen?

Ich würde mir wünschen, dass man bei Kindern früh anfängt, die geschlechtliche Rollenverteilung zu hinterfragen. Mit der Idee, dass wir in 20 Jahren eine andere Gesellschaft kreiert haben. Das ist natürlich sehr idealistisch, aber man kann es sich ja wünschen.

Hilfe für Betroffene

Falls du betroffen bist, findest du hier Hilfe:

Falls du häusliche Gewalt ausübst, findest du hier Hilfe (Vertraulich.):

Hilfe für alle und zu jeder Zeit:

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