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Fasnacht ohne Cortège? Wie geil!

Während halb Basel auf die Entscheidung der Regierung bezüglich der Fasnacht wartet, spürt man bereits die Euphorie unter Fasnächtler*innen – s’wird drey Dääg wild! Kann das nicht so bleiben? Ein Kommentar.

02/08/22, 04:00 AM

Aktualisiert 02/08/22, 12:35 PM

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So könnte es aussehen: Gässle, ohne Struktur und Ordnung.

So könnte es aussehen: Gässle, ohne Struktur und Ordnung. (Foto: Charles Habib )

Niemand mag Stau. Wieso sollte das zu Fuss dann anders sein? Der Cortège zeichnet sich durch Stau aus. Nicht umsonst hört man unter Fasnachächtler*innen nach dem absolvieren der Route oft: «Hüt sin mir widr ewigs gstande …» oder «Dr Cortège mache mir nit für uns». Freude begleitet einen selten an diesen zwei Nachmittagen.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man denkt über die Optimierung des Cortèges nach und versucht unter anderem Staus zu vermeiden. Oder man schafft ihn grad ganz ab. Bevor jetzt ein Aufschrei durch die Fasnachtsszene geht: Ich weiss, wovon ich rede. 14 Jahre lang bin ich den Cortège gelaufen. Zuerst in der jungen Garde, danach im Stamm. Deshalb ist mir bewusst, dass auch die Wagencliquen und Chaisen ein Recht auf ihr Publikum haben. Aber für Musizierende, oder zumindest die, die es sein wollen, fällt dieser Gang ins Mühselige ab. 

Wer denkt an die Kinder? 

Fragt mal die Kinder der jungen Garden, ob sie den Cortège mögen! Die Binggis würden doch gerne am liebsten selbst am Strassenrand stehen und das Zeugs einsammeln, welches die Waggis rumwerfen. Doch in Realität müssen sie auf einer stockenden, abgesteckten Route stehen und sich mit Schneckentempo begnügen. 

Dort, wo Gegenverkehr herrscht, wird man in seinem Spiel dann auch noch herausgefordert – ein Battle der Lautstärke. Wenn es auf beiden Seiten kaum vorwärts geht und daneben eine grosse, schränzende Gugge steht, dann macht man den zweiten Platz – «Usekeit, piinligg …». Neuer Versuch: «Die Alte, 4. Väärs, vorwärts, Marsch!» Und dann noch der latente Druck vor dem Comité-Halt, wo einem so ein unangenehmes Gefühl, ähnlich wie vor einer Prüfung, überkommt – zumindest bei mir. 

Alles muss passen vor dem Comité, wieso eigentlich? Ein wenig «Dene zeige mir’s jetzt»-Attitüde spielt herein – vielleicht. Wenn wir Pech hatten, mussten wir sogar den Trommelmarsch – der zur Pause für uns Pfeifer diente – überspringen, weil wir noch beim Comité standen – vor dem Comité macht niemand Pause! Kein einfaches Unterfangen wenn das junge Gesamtlungenvolumen noch nicht ausgewachsen ist. Einmal hatten wir vom Wettsteinplatz bis zum Münster fast so lange wie ein Fussballspiel, ohne Halbzeit – ein Trauma! 

Narrenfreiheit: Ohne Freiheit sind wir Narren 

Und sowieso, was hat ein Cortège mit der fasnächtlichen Freiheit und Wildheit zu tun? Von den «Drey scheenschte Dääg« werden zwei Nachmittage mit Konformität in Reih und Glied gefüllt. Eine Zeitverschwendung sondergleichen. 

Was also tun? 

Szenario eins: Ein Umzug von A nach B statt des klassischen Cortège. 

Klar, mit nahezu 500 teilnehmenden Formationen, die mitmachen, wäre ein Umdenken eine riesige Herausforderung. Der Cortège müsste von A nach B führen und nicht im Kreis, wo man sich immer wieder Ausscheren und wieder einfädeln kann – ohne Garantie auf Besserung. Ein Schritt in die richtige Richtung. 

Noch lieber wäre mir aber Szenario zwei: drei Tage lang tatsächliche Anarchie. Das würde dem Geist der Fasnacht richtig gerecht werden. Das bedeutet: Cortège ganz spülen. Die Fasnächtler*innen sollten für ihre Narrenfreiheit «yystoo», weil der Cortège repräsentiert nämlich das Gegenteil. Er ist mühsam, Punkt. 

Die Sujets könnte man auch den Kohlenberg durab würdig präsentieren, die Guggen ihre Platzkonzerte bereits am Nachmittag oder innerhalb des Bermuda Dreiecks bespielen und die Chaisen in altertümlichen Manier passend in der Altstadt herumkutschieren. 

Cortège oder Gässle?

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Bis es so weit ist, sieht meine Fasnacht so aus: Ich mache Morgestraich bis «nümm goot», sauge die Atmosphäre der Cortègevorbereitungen auf – nehme gleichzeitig Vorfreude und Anlaufschwierigkeiten wahr – und schwebe noch ein wenig im Glücksgefühl der vergangenen Stunden, bis ich mich mit meinem Schyssdräggziigli am Nachmittag treffe. 

Dabei sind meine Gedanken bei all jenen, die sich auf einer verstopften Route – meist vor einem Publikum, welches ohnehin nur auf Orangen, Dääfeli und Räppli-Regen wartet – ihre Beine in den Bauch stehen und eigentlich ‘s Gässle kaum erwarten können. 

Ich wär dann schon mal dran. Und, wegen Corona, dieses Jahr vielleicht auch alle anderen.

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