Film-Kritik

«99 Moons» – wenige Worte, viel Körperlichkeit

Kann man einen Menschen gleichzeitig lieben und hassen? Dieser Frage geht der Schweizer Filmschaffende Jan Gassmann in seinem neusten Film «99 Moons» auf intime Art und Weise nach und lässt lieber Körper statt Münder sprechen. Eine Kritik von Akut.

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Szene aus "99 Moons" (Bild: Yunus Roy Imer, Still 99 Moons)
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Viel Text mussten die Darsteller:innen von Jan Gassmanns neustem Film nicht auswendiglernen. Dafür, wie Intimität vor der Kamera glaubhaft dargestellt wird. Es gibt bis dato wohl keinen anderen Schweizer Film, der so viele Sexszenen und so wenige Dialoge enthält wie «99 Moons».

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(Bild: 99 Moons)

Mit einer feinfühligen, minimalistischen Inszenierung bringt Gassmann eine Liebesgeschichte auf die Leinwand, die mit ihrer Echtheit berührt. Die vereinzelten Dialoge sind zwar etwas platt, aber im echten Leben fällt einem ja auch selten im richtigen Moment eine Shakespeare-Line ein. Mitverantwortlich für die Authentizität in «99 Moons» ist nicht zuletzt die Besetzung der Rollen. Statt ausgebildeten Schauspieler:innen brillieren zwei Laiendarsteller:innen in den Hauptrollen: die Künstlerin Valentina Di Pace und der Filmemacher und DJ Dominik Fellmann. «Wir haben diesen Entscheid weniger von der Vita der Darstellenden abhängig gemacht, sondern mehr von unserem Bauchgefühl. Es ging uns um die Chemie zwischen den Schauspieler:innen, um Ablehnung, Anziehung, Reibung. Um ihre Beziehung zu ihrem Körper», erklärt Gassmann.

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(Bild: 99 Moons)

Valentina Di Pace und Dominik Fellmann leihen in «99 Moons» Bigna und Frank ihre tiefsten Blicke, ihre Mimik und ihre Körper, um die Geschichte zweier Menschen, die sich zufällig begegnen und durch eine aussergewöhnliche Anziehung immer wieder zusammengeführt werden, zu erzählen. Die 29-jährige Bigna ist eine Einzelgängerin, emanzipiert, Geologin, ihr Spezialgebiet die Erforschung von Tsunamis. Ihre Sexualität lebt sie gerne in bizarren Rollenspielen mit Fremden aus, die sie nie mehr als einmal trifft. Doch als sie Frank, einen typischen Züri-Hipster, der sich von Party zu Party schleppt, kennenlernt, kann sie nicht anders als ihre Grundsätze über Bord zu werfen. Sie verlieben sich und mit der Liebe kommt die Angst, die Angst vor dem Verlust. In sechs Kapiteln treffen und verlieren sich die beiden erneut und erneut.

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(Bild: 99 Moons)

Die Dreharbeiten für «99 Moons» fanden im Frühling sowie im Winter 2020 in Zürich statt. Gedreht wurde, soweit es möglich war, chronologisch. «Es gibt mir, aber auch dem Team, das Gefühl, sich in einer Geschichte und in einer Welt vorwärtszubewegen. Gleichzeitig ist chronologisches Drehen ein Luxus für die Regie und die Schauspieler:innen, da es zeitaufwendiger ist und eine kompliziertere Logistik erfordert. Für diesen Dreh war es das Richtige: Wir haben uns mehr Zeit genommen, und haben uns dafür gegen ein grösseres Team und mehr Gestaltungsmöglichkeiten entschieden», so Jan Gassmann.

Diese Flexibilität und Offenheit für Ungeplantes, die von Jan Gassmanns langjähriger Erfahrung als Dokumentarfilmregisseur zeugen, machen «99 Moons» zu einem aussergewöhnlichen fiktiven Werk, das aufwühlt.

«99 Moons» startet am 12. Januar 2023 in den Deutschschweizer Kinos. Seine Weltpremiere feierte der Film bereits am 20. Mai am Cannes Film Festival 2022, in der Sektion L’Acid Cannes. 

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