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Energiekrise

Zeit, um nicht zu frieren

Wie richtig umgehen mit den zahlreichen Krise wie Energiemangel und Inflation? Einigeln kann nicht die Lösung sein, findet WOZ-Wirtschaftsredaktorin Bettina Dyttrich. Vielmehr können uns gemeinschaftliche Strukturen beim Ressourcensparen helfen.

10/24/22, 02:03 PM

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Dieser Artikel ist am 20.10.2022 zuerst bei der WOZ erschienen. Die Wochenzeitung gehört wie Bajour zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz.

Zämehebe ist die Devise.

Zämehebe ist die Devise. (Foto: Unsplash/Park Troopers)

So viele Gründe für Angst, und es werden immer mehr. Die atomaren Horrorszenarien. Die Inflation. Die Rezession. Die Rechten. Und dann noch die Energiekrise – drohen Kälte, Blackouts, Plünderungen?

Angst verengt das Denken. Wer vor der Weltlage Angst hat, rutscht schnell in eine Prepper*innenlogik: Ich muss irgendwie durchkommen. Notfalls baue ich einen Bunker mit Solarzellen auf dem Dach, pflanze Kartoffeln und verteidige alles mit dem Sturmgewehr. Ich – und vielleicht noch meine Kleinfamilie – gegen den Rest der Welt.

Das meiste, was gut situierten Westeuropäer*innen gerade Angst macht, ist für grosse Teile der Weltbevölkerung Normalität: dass Energie knapp ist, manchmal der Strom ausfällt, dass Währungen instabil sind und Erspartes entwertet wird. Die Angst vor all dem ist berechtigt.

Aber die Erfahrungen in weniger privilegierten Ländern zeigen vor allem: Wenn die Zeiten schwierig werden, ist es das Dümmste, sich einzuigeln. Die Streikenden in Grossbritannien (vgl. «Schluss mit höflich») und vielen anderen Ländern haben das verstanden. Kämpfe um Lohn sind bitter nötig in einer Welt, in der der Reichtum so grotesk ungleich verteilt ist, und sie helfen gegen das Gefühl der Ohnmacht. Aber es geht um mehr. Ein grosser Teil der Linken denkt immer noch in den Kategorien von Konsumgesellschaft, Kaufkraft und Kleinfamilie.

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Seit den sechziger Jahren sind in Europa Alternativszenen entstanden. Mit den informellen Strukturen in den Ländern des Südens lassen sie sich kaum vergleichen, aber etwas haben sie gemeinsam: Man tut vieles mit- und füreinander, ohne dass Geld im Spiel ist. Die einen können gut Haare schneiden, die anderen Briefe an die Behörden schreiben oder IT-Probleme lösen. Wer für zwanzig Leute aufwendig kocht, kann sich nachher neunzehnmal einladen lassen.

Biogemüse muss nicht teuer sein, wenn man auf dem Feld mithilft; Kleider lassen sich tauschen; gute Freund*innen sind zwar kein Ersatz für eine Psychotherapie, aber doch eine grosse Hilfe. Der selbstorganisierte Kurs an der Berner Reitschule bringt vielleicht genauso gute Ideen wie eine teure Weiterbildung. Und wer in grösseren Zusammenhängen wohnt, spart Wohnfläche und Energie.

Zeitmanagment ist die grösste Klassenfrage überhaupt

Wer in solchen Netzwerken lebt, braucht viel weniger Geld. Aber sie benötigen Zeit. Und Zeit ist heute vielleicht die grösste Klassenfrage überhaupt: Wer auf drei prekäre Jobs angewiesen ist, um durchzukommen, dazu noch Kinder oder bedürftige Familienangehörige betreuen muss, hat schlicht nicht die Zeit, um Netzwerke zu pflegen, die den Alltag günstiger, interessanter und schöner machen.

Feministische Ökonom*innen weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass Kämpfe um Zeit genauso wichtig sind wie Kämpfe um Lohn. «Wenn in einer Familie die Zeit für unbezahlte Arbeit schrumpft, sinkt der Lebensstandard», sagt etwa Mascha Madörin. Dass Klimastreik und Gewerkschaften dieses Jahr angefangen haben, gemeinsam Arbeitszeitverkürzungen zu fordern, ist ermutigend.

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Denn auch für die Dekarbonisierung brauchen wir dringend Zeit. Wer denkt, es könne einfach weitergehen wie bisher, nur mit anderen Energieträgern, unterschätzt die Tragweite des ökologischen Notstands, der eben nicht nur ein Klimanotstand ist. Konsumgesellschaft, Kaufkraft und Kleinfamilie sind untaugliche Kategorien für die Gegenwart. Es braucht mehr kollektive Strukturen im Alltag, gerade beim Wohnen – nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung des Service public.

Dass der Überkonsum von Ländern wie der Schweiz keine Zukunft hat, wissen fast alle. Darüber reden will aber fast niemand. Darum ist es den bürgerlichen Energiepolitikern mit ihrer Solaroffensive auch so leichtgefallen, die Umweltbewegung zu spalten. Die Solaroffensive schreibt einfach den Mythos weiter, alles sei technisch lösbar und unendlich verfügbar. Mit «weniger» lässt sich nach sechzig Jahren Konsumgesellschaft nicht punkten. Aber wer diesen Fragen ausweicht, verschiebt sie bloss in die Zukunft.

Die Angst wird nicht verschwinden. Aber helfen, die riesigen Herausforderungen anzugehen, kann kollektive Energie – und Zeit.

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