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Basler Ballet-Crew tanzt sich vom Wohnzimmer direkt in die Herzen

04/06/20, 07:29 PM

Aktualisiert 04/06/20, 07:29 PM

Normale Arbeitstage beginnen für Rubén Darío Bañol Herrera um 8.30 Uhr im Fitnessstudio. Um 10 Uhr trifft er die anderen Arbeitskolleg*innen im Tanzsaal des Theater Basel. Dort trainieren sie bis um 17 Uhr, zu zweit oder in der Gruppe, mit viel Körperkontakt und vollem Einsatz. 

Rund zwei Mal die Woche zeigt das Ballett abends seine Kunst im Scheinwerferlicht vor vollen Rängen. Danach gehen alle gemeinsam essen – oder alleine und ausgepumpt nach Hause.

Rubén Darío Bañol Herrera ist ein Video geglückt, das nicht nur Tanzbegeisterte berührt (Foto Yaiza Davila)

Rubén Darío Bañol Herrera ist ein Video geglückt, das nicht nur Tanzbegeisterte berührt (Foto Yaiza Davila) (Foto: Yaiza Davila)

Dort sitzen die Tänzer*innen nun fest, getrennt. Diejenigen, die in St. Louis wohnen, stehen gar unter Ausgangsperre. «Was machen meine Kolleg*innen nun?», fragte sich Bañol nach einer Woche daheim. Das Ensemble ist ein eingeschworener Haufen internationaler Tänzer*innen. Viele stammen aus Spanien und Italien, wo das Corona-Virus heftig wütet. «Ich wusste, dass ein paar ziemlich besorgt oder traurig sind und wollte sie mit dem gemeinsamen Videoprojekt unterstützen.» 

Und weil der 34-Jährige Kolumbianer genauso leidenschaftlich Videos schneidet wie er tanzt, bat er die 30 Ensemble-Tänzer*innen um Clips aus der Isolation.

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Bañol schneidet auch für das Ballett Basel Videos, die sich nicht nur mit schönen Schrittfolgen befassen.

Bañol schneidet auch für das Ballett Basel Videos, die sich nicht nur mit schönen Schrittfolgen befassen.

Es sollte jedoch nicht nur ein munteres Potpourri witziger Wohnzimmertänze werden, wie man sie im Netz nun von vielen Tanz-Companies zu sehen bekommt. Bañol wollte wissen: «Wie fühlt ihr euch? Was sind eure Ängste und Hoffnungen? Mich interessiert das Zwischenmenschliche. Ob reich, arm, schwarz oder weiss, Banker oder Tänzer: In der jetzigen Krise leiden alle an ähnlichen Problemen.»

Die Sehnsucht nach Normalität

Tatsächlich zeigt das, was Bañol Herrera aus über 400 kurzen Videoschnipseln zusammengeschnitten hat, weit mehr als eine Momentaufnahme von tanzenden Profis ohne Bühne. 

Die Choreographie von «We are alive» ist ein Abbild des Alltags in der Krise. Da ist das Sinnieren eines Tänzers über Sartre und Salat-Setzlinge. Der Film zeigt, wie man sinnvoll Zeit totschlagen könnte – und warum selbst lang gefasste Vorsätze in der beklemmenden Lethargie der eigenen vier Wände ersticken. Da ist der Wunsch nach mehr Menschlichkeit und Nähe, während das von höchster Stelle verordnete Physical Distancing Familien und Freunde trennt. 

Da ist die Sehnsucht nach Normalität – und danach, einfach wieder arbeiten zu können.

Nix mit Eleganz: Beim Händewaschen sind wir alle gleich – in der Krise sowieso.

Nix mit Eleganz: Beim Händewaschen sind wir alle gleich – in der Krise sowieso. (Foto: zvg)

Klar, kein Normalbürger macht beim Staubsaugen, stehend und wie nebenbei, den Schwanen-Spagat. Sonst, und das zeigt der Film sehr schön, sind die auf der Bühne so entrückt wirkenden Tänzer*innen uns «Normalos» gar nicht so unähnlich. So weiss man zum Beispiel nun: Auch die sonst so elegant aussehenden Tänzer*innen schnarchen im Bett!

Wie schnell Blödsinn und Tiefsinniges in der Wohnung zusammenkommen – das Gefühl kennen wir derzeit alle. 

Die Crew machen das Kalb zur letzten Aufführung von «Cow»: Bañol hofft, das Ensemble bald wieder im Tanzsaal zu treffen. (Foto: Rita Bugová)

Die Crew machen das Kalb zur letzten Aufführung von «Cow»: Bañol hofft, das Ensemble bald wieder im Tanzsaal zu treffen. (Foto: Rita Bugová) (Foto: Rita Bugová)

Die Sorgen und Hoffnungen in «We are alive» sind uns vertraut. Nur hat das noch niemand so schön eingefangen und umgesetzt wie Bañol. Der leitet die Lorbeeren lieber an seine Arbeitskolleg*innen weiter: «Ich bin so stolz und froh, mit Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, die so spontan mitgemacht und ihre wunderbaren Gedanken so ehrlich geteilt haben.»

Denn im Gegensatz zur extrovertierten Bühnenpräsenz seien die meisten im Tänzer*innen eher introvertierte Persönlichkeiten. «Darum bleiben wir wohl auch meist unter uns», erklärt Bañol. Darum habe er nur drei Freund*innen aus Basel, obwohl er schon sechs Jahre hier lebe. «Aber nach acht Stunden tanzen mag ich abends nicht mehr in die Disco», schiebt er am Telefon lachend nach.

Liebe #gärngschee - Community: Kann jemand Untertitel machen?

Einer seiner Corona-Vorsätze lautet nun, mehr Menschen von hier kennenzulernen. Zum Beispiel, eine Person, welche für «We are alive» deutsche Untertitel schreiben kann. Die Kurzdoku ist auf Englisch, der gemeinsamen Ensemble-Sprache. «Für die Verwandten in Italien und Spanien schreiben wir die Untertitel selbst. Nur Deutsch kann von uns leider niemand gut genug.»

Der Film spricht uns auch so direkt aus dem Herzen.

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