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Experiment

Eine Schulklasse tanzt sich frei

Wegen der Schulschliessung drohte ein tänzerisches Experiment zwischen dem Kammerorchester Basel, 16 Schüler*innen und einer Ballerina zu platzen. Dank schnellem Umdenken ist das Stück nun online zu sehen.

03/30/20, 07:33 PM

Aktualisiert 03/30/20, 07:33 PM

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Von grauen Herdentieren zu bunten Charakteren: Die Schüler*innen der 3D tanzen ihren Weg.

Von grauen Herdentieren zu bunten Charakteren: Die Schüler*innen der 3D tanzen ihren Weg.

Als die Klasse 3D der FMS Basel von der Schulschliessung erfuhr, war die Stimmung am Boden. Es bedeute für die 16 Schüler*innen das Ende von „Suite de danses expérimentales“ – eine Coming-Of-Age Choreografie, die sie im letzten Semester erarbeitet hatten. Sechs Monate hatte die Klasse sich existenziellen Fragen gestellt: Wie findet man sich selber? Wie drückt man die fragile Findungsphase aller Heranwachsenden – den Wandel vom Herdentier zur individuellen Persönlichkeit – in Tanz aus?

Unter der künstlerischen Leitung von Andrea Tortosa Vidal vom Ballett Theater Basel, hatte die Klasse die Choreografie erarbeitet. Musikalisch wurden sie begleitet von sieben Musiker*innen des Kammerorchesters Basel und von Komponist Janiv Oron.

Doch dann platzte dieses Experiment: Das Publikum durfte wegen Corona weder zur Premiere, noch zu den weiteren geplanten Vorstellungen kommen. Nur ein paar Schulkameraden konnten intern vorbeikommen. 

Das Kammerorchester reagierte schnell. Eine Film-Crew musste her, und zwar rasch. Man fand sie beim Theater Basel: Da dort der Betrieb auch ruhte, konnten zwei Tänzer einspringen, die üblicherweise die Tanz-Clips des Ballett Theaters filmen. 

Geiles Video gegen die Krise

Letzte Woche wurde die Show im Netz veröffentlicht und beeindruckt mit der so natürlichen wie stolzen Perfomance der Schüler*innen. Ein selbstbewusster Tanz gegen die klassischen Teenager-Ängste.

Das Video hat auch die Enttäuschung der Schüler*innen über die abgesagten Aufführungen abgeschwächt. «Als wir gefragt wurden, ob wir einverstanden sind, wenn die Kameras filmen kommen, dachte ich einfach: ok, voll easy, filmt ruhig», erinnert sich Juan Helou, einer der involvierten Schüler, am Telefon: «Nun finde ich das Video aber so richtig geil! Die Aussensicht ist der Beweis für das eigene Gefühl, mein Vertrauen in die Qualität der Show.» 

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Die Schule vermisst Juan Helou derzeit nicht, die Klasse seit dem Tanzprojekt umso mehr.

Die Schule vermisst Juan Helou derzeit nicht, die Klasse seit dem Tanzprojekt umso mehr. (Foto: zvg)

Das Vertrauen hatte er zu Beginn des Projektes nicht: Er besuchte als Junge zwar ein paar Jahre Ballett-Unterricht, doch seither hatte er nichts mehr mit Tanz am Hut.  «Als Andrea zu Beginn fragte: 'Wer seid ihr und wie wurdet ihr so?' konnte ich mir erst nicht vorstellen, wie man diese Frage tänzerisch umsetzt.» Thematisch traf die Choreografin aber genau seinen Nerv. «Ich machte mir gerade viele Sorgen zu meiner Zukunft: Wo will ich hin und was werde ich bereuen, wenn ich diesen oder jenen Weg einschlage? Das Stück hat mir im persönlichen Prozess geholfen, Ängste abzubauen.» Nun ist klar: Hat er die Fachmaturität in der Tasche, will er an der Jazzschule Schlagzeug studieren.

«Das Stück hat mir im persönlichen Prozess geholfen, Ängste abzubauen»

Juan Helou, Schüler.

«Das Stück ist wie das Leben», resümiert auch Schülerin Janina Gasser über «Suite de danses expérimentales». «Am Anfang sind wir ja alle gleich, machen ungefähr dieselben Bewegungen und Entwicklungen. Dann entwickelt man solo seine Eigenheiten, tauscht seine Eigenschaften mit anderen Menschen aus, trifft auf Gegensätze und entwickelt sich immer weiter – wie in der Choreo.»

Janina Gasser hatte nie Tanzunterricht, doch schnell gelernt: «Den Kopf braucht man nur für die Choreo, tanzen tut man mit dem Herz!»

Janina Gasser hatte nie Tanzunterricht, doch schnell gelernt: «Den Kopf braucht man nur für die Choreo, tanzen tut man mit dem Herz!» (Foto: zvg)

Sie hat nur kurz Zeit, über das Projekt zu plaudern – das Home Schooling ruft! In 15 Minuten muss sie einen Aufsatz schreiben. Umso schneller schwärmt sie vom Projekt, es sprudelt nur so durchs Telefon. Sie habe nie Tanzunterricht gehabt, nur von klein auf immer mal wieder für sich vor dem Spiegel getanzt. «Andrea hat in uns allen Power gesehen, diese geweckt und gezeigt, wie wir die rausbringen, wie wir uns mit Tanz ausdrücken können. Wie man mit dem Körper Gefühle ausdrücken kann.»

Positive Lehre fürs Leben

Die Liebesszene, die sie mit einem Klassenkameraden in der Choreografie tanzt, war für sie kein Problem: «Ich bin es vom Theater her gewohnt, dass man sich gegenseitig körperlich spürt und vertraut.» Sie genoss es, dass die ganze Klasse dank dem Tanzprojekt näher rückte. «Es war schön, zusammen so eine Geschichte zu erzählen. Ich war mit ganzem Herzen dabei und habe enorm viel Zuversicht mitgenommen.» Davon zehrt sie auch jetzt, «wo es gerade nicht einfach ist, so isoliert zu sein.»

Der Gedanke, die Klasse wahrscheinlich gar nicht mehr zu sehen, macht sie traurig. Doch schnell demonstriert sie, was sie an positivem Denken gelernt hat: «Falls man sich nicht mehr sieht, hatten wir immerhin den schönsten Abschluss. Und dank dem Video die beste Erinnerung daran!»

Hier könnt ihr das ganze Video schauen: