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Basler Forscher*innen am Anschlag

Unbezahlte Überstunden, lange Kettenverträge: An den Universitäten rebelliert der Nachwuchs gegen eine systematische Überlastung.

07/14/21, 02:48 AM

Aktualisiert 07/14/21, 09:07 AM

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Der Mittelbau der Universitäten steht zunehmend unter Spannung. Eine Petition will das nun ändern.

Der Mittelbau der Universitäten steht zunehmend unter Spannung. Eine Petition will das nun ändern. (Foto: Keystone/SDA)

An den Universitäten ist wieder einer dieser langen Sommer angebrochen, die zwar umgangssprachlich Semesterferien genannt werden – aber mit Ferien hat diese Zeit wenig zu tun. Gerade der Mittelbau, das heisst die Doktorierenden und Postdoktorierenden, bleiben beschäftigt, schreiben an Fachartikeln, bewerben sich um neue Verträge, weibeln um Geld für ihre Forschung, kurz: Sie arbeiten weiter unter Hochdruck an ihrem Ziel, wissenschaftliche Exzellenz zu erlangen. 

Der Mittelbau ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Systems Hochschule. Das System gerät allerdings in die Kritik, ein Fleischwolf zu sein, der seine wichtigsten Ressourcen, nämlich den Mittelbau, zerreibt. Die Doktorierenden beklagen sich über befristete Kettenverträge, systematisch unbezahlte Überstunden und fehlende Vereinbarkeit von Forschung und Familie.

«Ich kann nicht noch mehr Leistung bringen. Es ist einfach zu viel.»

Nadya, Postdoktorandin Uni Basel

Nehmen wir Nadya, sie ist Postdoktorandin an der Universität Basel und will aus Angst vor negativen Konsequenzen für die Karriere nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Nadya arbeitet an mehreren Forschungsprojekten in einer Disziplin der Life Science, der Naturwissenschaften. Neben der Forschungsarbeit unterrichtet Nadya Student*innen, korrigiert Arbeiten, leitet Projekt-Teams, übernimmt organisatorische Arbeiten für ihren Professor, schreibt Anträge für Fördergelder, reist für akademische Treffen quer durch Europa. 

Nadya hat einen Partner und hätte gerne Kinder. Sie hat aber, sagt sie, keine Kapazität um an Familienplanung zu denken. Ob sie in einem Jahr ihren Traum von einer Zukunft an der Uni ohnehin begraben muss, steht in den Sternen. Ihr Vertrag läuft in sechs Monaten aus. Nadya ist 33 Jahre alt. Sie sagt: 

«An der Uni zu forschen und zu arbeiten, ist ein Privileg. Aber ich kann nicht noch mehr Leistung bringen. Es ist einfach zu viel.»

Nadyas Situation ist kein Ausnahmefall. Sie ist auch nicht neu. Das zeigt zum Beispiel ein Blick in den Forschungsbericht von 2016 über «Exzellenz und/oder vielfältige Lebensentwürfe», den Doktorand*innen und Studierende der philosophisch-historischen Fakultät der Uni Basel veröffentlichten. Zitat aus der Einleitung:

In den Interviews [mit dem Uni-Personal] zeigt sich, wie schwierig oder gar unmöglich die Vereinbarkeit einer exzellenten wissenschaftlichen Laufbahn mit familialem, weiterem beruflichen, gesellschaftlichem und politischem Engagement ist. Viele Befragte befürchten, mit Tätigkeiten in anderen Lebensbereichen ihre wissenschaftliche Laufbahn zu gefährden. Es gilt, wie dies die Studentin C. W. kritisch formuliert, «all-in oder halt gar nicht.» 

Umfrage unter Post-docs liefert harte Fakten

Aber eine Umfrage unter 500 Postdoktorierenden, die im März 2021 erschien, macht aus der anekdotischen Evidenz harte Fakten. 192 Postdoktorierende haben die Umfrage beantwortet und wurden dabei zu ihrer Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen befragt. Urheberin der Umfrage ist die avuba, das ist die Interessenvertretung des Mittelbaus.

Die Broschüre von 2016 basiert auf Gesprächen mit Doktorierenden und Professor*innen und hatte damit, wie man an der Universität sagen würde, anekdotische Evidenz. Vielleicht waren die Befragten nun mal nicht so belastbar? Konnte ja sein. Das Echo auf die Veröffentlichung blieb jedenfalls ausserhalb der Uni gering. 

Umfrageergebnisse zeigen: Vor allem Frauen sind benachteiligt in diesem System.

Der Vorstand der avuba hat, um mit den guten Nachrichten anzufangen, erfahren, dass die überwiegende Mehrheit der Postdoktorierenden zufrieden ist mit der Erreichbarkeit ihrer Vorgesetzten. Sie ist zufrieden mit der technischen Ausstattung ihres Arbeitsplatzes, oder der Möglichkeit, mindestens einmal jährlich ihre Forschungsergebnisse präsentieren zu können. 

Bei den Arbeitsbedingungen sehen die Ergebnisse weniger positiv aus.

  • Fast die Hälfte der Postdoktorierenden mit einem Arbeitspensum von 100 Prozent geben an, mindestens 19 Stellenprozent mehr zu arbeiten als vertraglich festgelegt. Über die Hälfte der Postdoktorierenden, die mit einem 60 Prozent-Pensum angestellt sind geben an, mindestens 35 Stellenprozente mehr zu arbeiten.
  • Die Vereinbarkeit von Familie und Postdoktorat ist nur für 45 Prozent aller Postdoktorierenden «eher oder völlig» in Ordnung.
  • Nicht einmal ein Drittel (28 Prozent) der Postdoktorierenden mit Kindern empfinden die Angebote der Universität Basel als familienfreundlich.

Die Umfrageergebnisse sind öffentlich einsehbar und zeigen, dass Postdoktorierende an der Universität Basel viel unbezahlte Arbeit leisten. Die Vereinbarkeit von Laufbahn und Familie scheint ausserdem gering und auch wenn die avuba nicht explizit danach fragte: Das benachteiligt vor allem die Frauen in diesem System und Alleinerziehende, die in der Familienbetreuung immer noch den Grossteil der Care-Arbeit leisten.

Eine Petition macht Druck für einen Strukturwandel

Wie reagiert die Universität Basel?

Das Rektorat hat zunächst mit einer vorläufigen Antwort auf den Mittelbau reagiert. Sie will zum Beispiel prüfen, ob das Kita-Angebot ausgebaut werden kann, heisst es da. Ausserdem soll das monatliche Apéro zur «Vernetzung der Postdoktorierenden» wieder aufgenommen werden, sobald die Pandemie-Lage dies erlaubt. Eine ausführlichere Reaktion sei in Arbeit, erfahren wir auf Anfrage.

Nach Strukturwandel klingt das noch nicht. 

Aber so ein Strukturwandel sei nötig, heisst es zumindest von einem Netzwerk aus Postdoktorierenden und Mittelbau-Mitgliedern mehrerer Schweizer Universitäten, das von der Gewerkschaft VPOD, von Verband Schweizer Studierendenschaften und anderen Bündnissen unterstützt wird. 

Diese versammelten Mittelbauvertretungen haben im Sommer 2020 die Petition Academia lanciert. Diese Petition will die prekären Arbeitsbedingungen an den Unis auf nationaler Ebene ins Gespräch bringen. 

In der Gesamtwirtschaft sieht es anders aus

Die zentrale Forderung von Academia lautet, dass an den Universitäten mehr unbefristete Stellen für Forschende und Lehrende nach dem Doktorat geschaffen werden. 80 Prozent des hochqualifizierten akademischen Personals sei mit prekären Verträgen beschäftigt, heisst es im Petitionstext. «Wir glauben, dass eine wohlhabende, bildungsorientierte Gesellschaft wie die Schweiz es besser machen kann!»

Zum Vergleich: Laut dem Bundesamt für Statistik waren 2020 in der Schweizer Gesamtwirtschaft gerade mal 7,8% der Arbeitnehmer*innen in einem befristeten Arbeitsverhältnis angestellt.

Das Ideal der Academia-Initiant*innen: Mit unbefristeten Stellen würden die existenziellen Unsicherheiten im Mittelbau verringert und der mentale Stress reduziert. Mehr Hirnkapazität fliesse in die Kernaufgaben, Forschung und Lehre, anstatt in Zukunftsängste. Auf der Homepage der Petition sind 18 Begründungen für eine Verbesserung der Hochschullandschaft aufgelistet. 

Grosse Unterstützung für die Petition – ausser in Basel

In der französischsprachigen Schweiz hat die Petition eine mediale Diskussion ausgelöst. Doch das Echo in der Deutschschweiz ist bislang überschaubar. Im Oktober soll der Forderungskatalog zuhanden der Bundesversammlung eingereicht werden. 

Interessant: Die Petition wird von den Mittelbauvertretungen beinahe sämtlicher grösserer Schweizer Universitäten unterstützt. Nur zwei Unis fehlen: Die Kaderschmiede St. Gallen. Und die Universität Basel. Die avuba hat die Petition nicht unterzeichnet. 

Sie war dem Vorstand zu polemisch und unpräzise formuliert, erfahren wir auf Anfrage. 

«Wir haben mit der Universitätsleitung in Basel einen Dialog auf Augenhöhe», sagt avuba-Geschäftsführerin Patricia Eiche. «Das schätzen wir sehr. Wir holen das Beste heraus für unsere Leute.» Die Initiant*innen der Petition sagen gegenüber Bajour, dass sie die fehlende Unterstützung der avuba bedauern.

Das sagt die Uni Basel zum Forderungskatalog

Und was sagt die Leitung der Universität Basel selbst zur Kritik am Leistungsdruck, den unsicheren Arbeitsbedingungen und den befristeten Verträgen der Doktorierenden? 

Wir haben die Universität Basel mit den zentralen Kritikpunkten und Forderungen der Petition Academia konfrontiert. Die Antworten spiegeln das komplizierte, hybride Innenleben der Universität wider, die nur zum Teil über die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten entscheidet. Es gibt viele Player in der Hochschullandschaft. Die Kantone und die Swiss Universities, den Schweizerischen Nationalfonds und den Bund. Alle haben Verantwortung, aber niemand hat die Gesamtverantwortung.

Unis sind öffentliche Institutionen. Sie haben so viel Geld, wie die öffentliche Hand ihnen gibt, und wie sie über Forschungsfonds von Stiftungen oder Firmen für sich gewinnen. 

Ein Grossteil der Verträge werde über Drittmittel finanziert, sagt Uni-Sprecher Matthias Geering. Das bedeutet, dass sich die Postdoktorierenden beispielsweise bei Stiftungen um Geld für ihre Forschungsprojekte bewerben müssen. Die Verträge würden dann nicht mit der Uni geschlossen, sondern «in diesem Fall hängt die Anstellung von der Laufzeit der Drittmittel-Projekte ab», sagt Geering. 

Allerdings hat dieses System mit den befristeten Verträgen in den Augen der Universität auch Vorteile. Geering sagt: «Unbefristete Verträge für den Mittelbau würden dazu führen, dass für Nachwuchskräfte weniger Stellen zur Verfügung stehen würden – ganz einfach, weil die Positionen viel länger besetzt blieben. Dies wäre ein klarer Nachteil für junge Nachwuchskräfte.»

Postdoktorat: Ein Survival of the Systemkompatibelsten?

Hier liegt ein Kernkonflikt dieser Debatte: Die Unis sagen, der Wettbewerb im Mittelbau und die stetigen Wechsel fördern Innovation. Die Doktorierendenverbände dagegen sagen, der Brain-Drain für die Unis sei gewaltig. Das Potenzial ist nicht automatisch verloren, Naturwissenschaftler*innen sind in der Privatwirtschaft gefragte Leute. Aber für Geisteswissenschaftler*innen sieht es je nach Fachrichtung anders aus. Reüssieren sie nicht an der Uni, dann können sie ihre Expertise nicht einfach woanders einbringen. Sie müssen sich umschulen. 

In der Schweiz schaffen es laut einer Erhebung der Uni Bern nur gerade 10 Prozent der Postdoktorierenden zur einer Professur. Der Rest fällt aus dem Rennen und muss mit Mitte 30 einen neuen Weg einschlagen. Unisprecher Geering: «Die Hochschulen haben leider nicht die Mittel, all jenen eine berufliche Perspektive zu bieten, die dieses Ziel nicht erreichen. Postdoktorierende sollten immer einen Plan B haben.»

Drei Hierarchiestufen

Kritiker*innen entgegnen: Die Universitäten müssten neue Karrieren zulassen und breiter gefächerte Laufbahnen ermöglichen. Der Zuschnitt der Unikarriere auf drei Hierarchiestufen – Doktorand*in, Postdoktorand*in, Professor*in – gehöre reformiert.

Ansonsten bleibe das Rennen in der Schweiz ein Survival of the Systemkompatibelsten. Keine Familie, finanzielle Polster, ein stabiles Umfeld und keine Abhängigkeiten: Diese Leute kommen im System Hochschule gut zurecht, oder wie es die Studentin C. W. formulierte: All in oder gar nicht. 

H. S. vom Initiativkomitee sagt, es gehe der Petition nicht darum, mit dem Finger auf einzelne Unis zu zeigen. Aber damit sich grundsätzlich etwas ändere, brauche es eine koordinierte Kampagne. Einen Plan. «Die Öffentlichkeit muss mitreden, die Debatte muss endlich politisch werden», fordert H. S.,

Es gibt Länder, die Wege gefunden haben, etwa die Niederlande oder Grossbritannien. Dort gilt: Nur ein Drittel des Uni-Personals darf befristet angestellt sein.

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