Wenn Antibiotika versagen: Eine neue Therapie bleibt blockiert
Phagen können resistente Bakterien gezielt bekämpfen. In der Schweiz bleiben sie jedoch fast unzugänglich – trotz steigender Antibiotikaresistenzen. Ein Forum in Basel soll nun Lösungen diskutieren.
Überall in unserer Umwelt gibt es winzige Viren, die Phagen heissen und aussehen wie kleine Schrauben mit Spinnenfüssen. In den menschlichen Körper gebracht, bekämpfen sie gezielt Bakterien, ohne diesen selbst zu schädigen. In Zukunft könnten sie medizinisch immer wichtiger werden. Denn Antibiotika, die grosse Errungenschaft des frühen 20. Jahrhunderts, retten zwar nach wie vor Leben, doch zunehmende Resistenzen schränken ihre Wirksamkeit immer stärker ein.
Die Phagentherapie hingegen fristet ein Schattendasein im rechtlichen Graubereich. Dabei wird sie seit mehr als hundert Jahren angewandt und kann bei bakteriellen Infektionen helfen, die mit Antibiotika nicht ausreichend behandelbar sind.
In Basel machte vor zwei Jahren eine Maturantin aus Münchenstein Schlagzeilen und verschaffte den Phagen ein wenig Prominenz, weil sie im Rahmen ihrer Maturarbeit im Kot von Zootieren sogenannte E.-Coli-Phagen entdeckte, die bislang unbekannt waren.
Das Projekt Phagenforum organisiert nun eine Veranstaltungsreihe in Basel, Lenzburg, Zürich und der Westschweiz mit dem Ziel, die Bevölkerung sowie Akteur*innen aus Forschung, Medizin, Behörden und Politik zusammenzubringen. Das Forum soll über die Therapieform aufklären, Hürden aufzeigen und für das Thema sensibilisieren. Auch die Maturantin ist im Projekt engagiert.
Fehlende wirtschaftliche Anreize
Der Projektleiter des Phagenforums, Thomas Häusler, sagt, die Veranstaltung hätte eigentlich schon vor fünf Jahren stattfinden können, weil das Thema bereits damals brisant gewesen sei. Seither habe die Dringlichkeit eher noch zugenommen. Seit Jahren versuche man, der Antibiotikaresistenz entgegenzuwirken und die Forschung in diesem Bereich voranzubringen. Pharmafirmen hätten allerdings oft kein Interesse daran, Medikamente gegen Infektionen zu entwickeln, so Häusler. Antibiotika und andere Antiinfektiva sollen möglichst selten und kurz eingesetzt werden, um Resistenzen zu vermeiden. Das bedeutet geringe Absatzmengen. Medikamente gegen chronische Krankheiten hingegen werden oft über Jahre oder lebenslang eingenommen und bringen deutlich stabilere Einnahmen. Für Unternehmen rechnet sich die Entwicklung von Antiinfektiva deshalb häufig nicht.
Die Folgen seien konkret und gravierend, so Häusler: «In akuten Fällen sterben Menschen.» In der Schweiz komme es im Zusammenhang mit Antibiotikaresistenzen zu rund 300 Todesfällen pro Jahr. Viel häufiger seien jedoch Fälle, in denen Patient*innen über Jahre mit schweren Infektionen lebten, «die man irgendwie in Schach hält». Viele würden jahrelang stark leiden und teilweise zahlreiche Operationen durchstehen müssen. Als Beispiel nennt Häusler den diabetischen Fuss; pro Jahr müssen deshalb in der Schweiz über 1900 Füsse amputiert werden.
In einigen Fällen könnten Phagentherapien helfen. Allerdings ist diese Form der Therapie in der Schweiz nicht zugelassen. In Notfällen und unter strikten Regeln dürfen sie zwar angewandt werden, dies jedoch nur in Ausnahmefällen, wenn sämtliche zugelassenen Therapien ausgeschöpft sind. Dies geschieht jedoch sehr selten. In der Schweiz wurden in den letzten jahren eine Handvoll Patienten mit Phagen behandelt.
Die Basler SP-Nationalrätin Sarah Wyss sagt, politisch sei man sich der Schwierigkeiten bewusst: «Die Antibiotikaresistenzen sind ein Problem. Der runde Tisch Antibiotikaresistenzen ist deshalb zentral, und es ist richtig, dass Alternativen gesucht werden.»
Keine klar definierte Patientengruppe
Obwohl die Therapie seit über hundert Jahren bekannt ist und, wie Häusler sagt, «auch nach der Einführung der Antibiotika in den 1940ern hinter dem Eisernen Vorhang weiter praktiziert wurde», gab es im Westen bis vor zehn Jahren wenig Forschung dazu. Das liegt unter anderem daran, dass der Ansatz sehr individuell ist. Für jede Infektion muss der passende Phage gefunden werden. Dafür sind Tests nötig, teilweise wird weltweit nach geeigneten Phagen gesucht.
Da jede Therapie neu abgestimmt werden muss, lässt sich kein standardisiertes Medikament herstellen, das einmal zugelassen und dann breit eingesetzt werden kann. Für Pharmafirmen gilt die Forschung deshalb als wenig lukrativ.
«Schlussendlich ist es eine Abwägung zwischen schneller Verfügbarkeit und Patient*innensicherheit. Diese Gratwanderung ist anspruchsvoll.»Basler SP-Nationalrätin Sarah Wyss
Basta-Grossrat und Komiteemitglied der Initiative Pharma für alle, Oliver Bolliger, warnt vor den Folgen: Wenn die Hürden der Zulassung aus wirtschaftlichen Gründen bestehen, um mögliche Markteintritte zu verhindern oder teure Medikamente zu legitimieren, dann seien diese problematisch. «Unser Verständnis ist so, dass das Patientenwohl immer im Vordergrund stehen muss.» Auch Sarah Wyss betont, dass hier eine politische Abwägung nötig sei: «Schlussendlich ist es eine Abwägung zwischen schneller Verfügbarkeit und Patient*innensicherheit. Diese Gratwanderung ist anspruchsvoll.»
Hinzu kommt, dass die betroffenen Menschen keine klar abgegrenzte Patient*innengruppe bilden. «Die zugrunde liegenden Krankheiten sind sehr unterschiedlich», erklärt Häusler. Moderne Krebstherapien schwächten das Immunsystem, angeborene Erkrankungen wie Mukoviszidose (angeborene Stoffwechselerkrankung) erhöhten ebenfalls das Risiko. Oder beim Einsetzen von künstlichen Gelenken kommt es in ein bis zwei Prozent der Fälle zu Infektionen, die chronisch werden können. «Das wird nicht als eine Patientengruppe verstanden», sagt er. Zudem seien häufig ältere Menschen betroffen, «die nicht auf sich aufmerksam machen».
Internationale Vorbilder
In den letzten Jahren intensivierte sich die Forschung und die Datenlage wurde besser. 2024 wurde eine belgische Studie publiziert, die in rund 70 Prozent der 100 behandelten Fälle einen Erfolg zeigte. Erfolg bedeutet dabei nicht zwingend Heilung, sondern eine deutliche Linderung des Leidens – bei Patient*innen, die zuvor über Jahre erfolglos mit Antibiotika behandelt worden waren. Die Studie hatte allerdings keine Kontrollgruppe, die zum Vergleich mit einem Placebo behandelt wurde.
«Wenn die Phagentherapie einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Antibiotika-Krise leisten kann, dann müsste diese Therapieform weiter erforscht und entsprechend mit finanziellen Mitteln ausgestattet werden.»Basta-Grossrat Oliver Bolliger
In Belgien ist die Phagentherapie inzwischen leichter zugänglich, die Phagenpräparate werden dort vom Militär finanziert. Diese Präparate werden für Behandlungen in Europa und weltweit kostenlos zur Verfügung gestellt. Jährlich reisen viele Patient*innen nach Georgien, wo die Phagentherapie seit Jahrzehnten praktiziert wird. Andere bestellen Phagen im Internet und suchen Ärzt*innen, die bereit sind, die Therapie anzuwenden. So entstehe nicht nur eine Zweiklassenmedizin, sondern auch ein rechtlicher Graubereich und ein erhebliches gesundheitliches Risiko, so Häusler.
Hohe Hürden im Schweizer Zulassungssystem
Wäre die Phagentherapie in der Schweiz zugelassen, könnte man dies verhindern. Allerdings sind die hiesigen Zulassungsregularien nicht auf eine derart individualisierte Therapieform ausgerichtet. Die Entwicklung und Zulassung eines neuen Medikaments kostet von der Forschung bis zu den klinischen Studien bis zur Herstellung teilweise mehrere hundert Millionen Franken.
Phagen werden zudem oft kombiniert, um neue Resistenzen zu verhindern. Im bestehenden System müsste jede neue Zusammensetzung erneut zugelassen werden. Sarah Wyss beschreibt hier die staatliche Verantwortung als zentral: «Vor allem sehe ich unsere Aufgabe in den Rahmenbedingungen, die wir setzen: ein sicheres, aber einfaches und schnelles Zulassungsverfahren, neue Finanzierungsmodelle und einen attraktiven Forschungsstandort.»
Suche nach einem Schweizer Weg
Derzeit dürfen nur Patient*innen, die ohne Phagentherapie sterben würden, damit behandelt werden, und auch nur, wenn sich eine Ärztin oder ein Arzt findet. Mehrere Patient*innen mit derselben Therapie zu behandeln, ist nicht erlaubt, da dies als Studie gelten würde. Bei der Frage nach Anpassungen schwingt die Sorge eines Dammbruchs mit.
Oliver Bolliger sieht auch eine Chance für neue Modelle: «Die Förderung der Phagentherapie könnte ein Ansatz im Sinne einer Public Pharma sein – die Herstellung ist relativ kostengünstig und nicht auf maximale Gewinne ausgerichtet.»
Das Phagenforum will eine Diskussion darüber anregen, ob es einen spezifischen Schweizer Weg geben soll, um die Phagentherapie zugänglicher zu machen. Beispiele dafür gebe es etwa in Belgien oder Australien, wo Einzelbehandlungen im Rahmen grösserer Studien möglich seien. Als positives Signal wertet Häusler die Teilnahme von Julia Djonova von Swissmedic am Phagenforum in Basel. Das Interesse der Zulassungsbehörde zeige, dass sie das Problem ernst nehme. Gemäss Häusler sind bislang kaum Nebenwirkungen der Phagentherapie bekannt.
Für Bolliger ist dennoch klar: «Wenn die Phagentherapie einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Antibiotika-Krise leisten kann, dann müsste diese Therapieform weiter erforscht und entsprechend mit finanziellen Mitteln ausgestattet werden.» Und dies solle in der Logik einer Public Pharma stattfinden, damit die Kosten überschaubar bleiben und der Nutzen für die Bevölkerung weltweit gewährleistet werden könne.
Wenn eine Therapie sehr wahrscheinlich in manchen Fällen helfen könne, sagt Häusler, müsse man sich auch aus ethischen Gründen fragen, ob es einen guten Weg gebe, um dieses Potenzial zu nutzen.
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Das Forum in Basel findet diesen Samstag, 31.1. statt. In Lenzburg am 14.2., in Zürich am 9.5. Das Forum in Lenzburg findet im Stapferhaus statt und lässt sich mit einem Besuch der hochgelobten Ausstellung «Hauptsache gesund» kombinieren.