Neues Spekulum soll Frauen Kontrolle geben
Das Vaginal-Spekulum ist ein fixer Bestandteil der gynäkologischen Jahreskontrolle und Grund, weshalb viele den Gang zur Frauenärztin fürchten. Die Basler Designerin Victoria Juretko möchte das ändern: Sie hat ein Instrument entwickelt, welches die Patient*innen bei der Untersuchung selber einführen können.
Victoria Juretko breitet die verschiedenen Spekula, die sie mitgebracht hat, auf dem Couch-Tisch vor uns aus. Wir befinden uns in einem grossen Atelierraum im Hochhaus der HKG und sitzen auf einem etwas abgewetzten Sofa. Hinter uns ist ein gemütliches Durcheinander, Design-Studierende sitzen an ihren Abschlussarbeiten und hantieren mit Textilien oder Computern. Hier hat Juretko für ihre Masterarbeit ihr erstes eigenes Spekulum entwickelt – und tüftelt nun an der Gründung des Medizintechnischen Start-ups «Peva-Project».
Die Medizin orientiert sich bis heute am männlichen Körper, ein Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2024 hält fest, dass selbst in der Schweiz mit ihrem qualitativ hochstehenden Gesundheitssystem viele frauenspezifische Krankheiten bis jetzt viel zu wenig erforscht sind. Da ist es wenig erstaunlich, dass gynäkologische Instrumente wie das Spekulum in einer frauenfreundlichen Gestaltung hinterherhinken – genau da setzt Juretkos Projekt an.
«Ich habe mich selten mega wohl gefühlt bei der Gynäkologin», erinnert sich Juretko an ihre ersten Berührungspunkte mit dem Spekulum. Ein Spekulum dient zur Betrachtung des Körperinneren und kommt in verschiedenen medizinischen Disziplinen zum Einsatz – am prominentesten aber in der Gynäkologie. Für vaginale Untersuchungen führt die Gynäkolog*in das Instrument ein und spreizt es dann im Innern des Körpers auf. So ist eine freie Sicht auf die Gebärmutter und die Scheidenwände möglich, wo auch der Abstrich gemacht wird. Für viele Frauen sind wegen des Instruments Vorsorgeuntersuchungen mit Stress und Schmerz verbunden.
Das Spekulum vom «Peva-Project» soll den Gang zur Gynäkologin nun angenehmer gestalten. Die besondere Design-Neuheit beim Pea-Spekulum vom «Peva-Project» ist, dass die Patientin das Instrument bei der Untersuchung selbst in der Hand halten und einführen kann. Der Name ist an die Schnabelform eines Pelikans angelehnt, das Instrument ist aus Kunststoff statt wie viele andere aus kaltem, hartem Metall gefertigt.
Die Gynäkologin und Sexualtherapeutin Astrid Ahler hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. «Die gynäkologische Untersuchung ist oft eine Blackbox», sagt sie. Man wisse nur, dass etwas eingeführt werde, das sei für viele Frauen beängstigend. Ahler hat viele Patientinnen, die Probleme bei der Untersuchung mit einem herkömmlichen Spekulum haben. Für sie sei das Ziel des Pea-Spekulums, der Patientin die Kontrolle für ihren Körper zurückzugeben. «Das ist schon ein ziemlich revolutionärer Schritt», findet Ahler. Dies wirke dem Arzt-Patientinnen Gefälle entgegen. Viele Patientinnen trauen sich nicht, mehr Zeit einzufordern was dazu führt, dass Ärzt*innen in vielen Fällen einfach stärker drücken, wenn es beim Einführen des Spekulums einen Wiederstand gibt – und das verursacht Schmerzen. Wenn die Patientin das Spekulum selber einführen kann, ermöglicht dies eine Untersuchung, die mehr auf Augenhöhe stattfindet.
«Ich hatte eine Zeit lang eine grosse Wut auf die patriarchalen Strukturen in der Medizin», erzählt Juretko. Sie wolle mit dem Spekulum eine Untersuchung schaffen, die mehr von der weiblichen Patientin her umgesetzt wird. Darum hat sie sich im Designstudium überlegt, wie sie so ein Vaginal-Spekulum entsprechend gestalten könnte. Sie stürzte sich in intensive Recherchen, die zu Form und Beschaffenheit von Sexspielzeugen brachten.
Wie realistisch ist es, dass künftig die Patient*innen das Spekulum selber einführen? «Es soll nicht komplett die Spekula ersetzen, die es jetzt gibt», sagt Juretko. Ihre Zielgruppe sind besonders junge Menschen oder Personen, die Vorerkrankungen oder traumatische Erfahrungen haben. In ihrem Bekannten- und Freund*innenkreis gebe es sehr viele Interessentinnen, die sich eine Alternative wünschen. Der Plan sei, mit Partnerpraxen zusammenzuarbeiten, die das Produkt dann ihren Patient*innen anbieten.
Auch habe ihr Spekulum einen gewissen Preis, sagt Juretko. Es könne diesbezüglich nicht mit den herkömmlichen Produkten mithalten. Sie zeigt uns ein Spekulum aus Kunststoff, das extra für das Spital entwickelt wurde – es ist ein Einweg-Modell. Vom Design her sei es gut, aber dass es möglichst günstig produziert worden ist, gefällt ihr nicht. Mit ihrem Produkt möchte sie eine nachhaltige und wiederverwendbare Alternative schaffen.
«Es braucht Frauen, die auf ihr Recht hinweisen und sich die Kontrolle bei der Untersuchung zurückholen.»Astrid Ahler, Gynäkologin und Sexualtherapeutin
Dass im Gesundheitswesen ein enormer Zeit- und Gelddruck herrscht, ist kein Geheimnis. Die Gynäkologin Astrid Ahler sagt, ihr werde für die Jahreskontrolle von der Krankenkasse aus jeweils 20 Minuten vergütet, die Untersuchungen dauern aber bei ihr immer mindestens doppelt so lange. Es gehe um die Frage, ob man als Gesundheitssystem effizient sein wolle oder sich die Zeit nehme, wirklich auf die Menschen einzugehen. Das Vaginal-Spekulum zum selber einführen sei ein Produkt für Praxen, die offen dafür sind, etwas mehr Zeit bei der Untersuchung einzusetzen. «Man gewinnt aber längerfristig an Effizienz, wenn die Patient*innen entspannter und weniger traumatisiert zur Untersuchung kommen», fügt sie hinzu. «Damit sich so ein Produkt nun durchsetzt, braucht es Frauen, die auf ihr Recht hinweisen und sich die Kontrolle bei der Untersuchung zurückholen», sagt Ahler.
Eine Idee die im Trend liegt
Juretko ist nicht die einzige, die an einem neuen Spekulum tüftelt. Unter anderem gibt es ein Forschungsprojekt aus den Niederlanden, in dem junge Ingenieur*innen den Prototypen Lilium entwickelt haben oder ein Projekt aus den USA, in dem gleich die ganze gynäkologische Untersuchung neu gedacht wird.
Das Basler Projekt findet derweil Anklang. Juretko und ihr kleines Team, bestehend aus Livia Simoni und einem wissenschaftlichen Beirat, haben 2025 den Design Preis Schweiz in der Kategorie Young Professionals erhalten sowie den Hauptpreis bei Innovation Basel. Das Projekt wird momentan noch von Stiftungsgeldern gefördert, so dass die Spekula vielleicht diesen Sommer auf den Markt kommen können. Vielleicht – denn momentan finden klinische Studien statt, in denen das Produkt getestet und verbessert wird. Eine offene Frage ist wie bei den anderen Projekten, ob das Thema von den Investor*innen als gewinnbringend wahrgenommen wird. Das Projekt aus den Niederlanden setzt deshalb zum Beispiel auf ein Crowdfunding.
Das Vaginal-Spekulum, das Juretko und ihr wachsendes Team entwickeln, könnte also für geeignete Personen einen wichtigen Unterschied machen. Bevor es jedoch in den Praxen angeboten werden kann, muss noch einiges geschehen. Juretko denkt derweil bereits an weitere Geräte aus dem Gynäkologie-Universum, die dringend ein Redesign benötigen – beispielsweise der gynäkologische Behandlungsstuhl oder Mammografie-Geräte.