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Einer muss die Coronapolitik am Ende durchsetzen: Türsteher Almir Mehmedi über den Stand der öffentlichen Erregung

Türsteher hatten schon vor Corona die Macht, einem wilden Abend den Stecker zu ziehen. Wie hat die Coronapandemie den Job verändert? Sicherheitsfachkraft Almir erzählt.

01/20/22, 03:24 AM

Aktualisiert 01/21/22, 08:11 AM

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Hat seinen Job seit Ausbruch der Corona-Pandemie nochmal von einer anderen Seite kennengelernt: Sicherheitsmann Almir Mehmedi

Hat seinen Job seit Ausbruch der Corona-Pandemie nochmal von einer anderen Seite kennengelernt: Sicherheitsmann Almir Mehmedi (Foto: Daniel Faulhaber)

Die Coronapolitik der Schweiz lässt sich trefflich als Flickenteppich beschreiben, aber aus Sicht von Almir, dem Sicherheitsmann, ist ein anderes Bild viel passender. Diese Pandemie, für Almir ist sie wie ein Dominospiel und das letzte Steinchen, das fällt, fühlt sich manchmal an wie ein Schlag in die Magengrube.

Nicht buchstäblich, natürlich. Soll mal einer versuchen diesen Almir Mehmedi von der Basler Sicherheitsfirma Rhy Security GMBH in die Magengrube zu boxen.

Es sind die Worte und Beschimpfungen, die jeden neuen Bundesratsentscheid zuverlässig begleiten und insbesondere dort laut werden, wo neue Massnahmen in Kraft treten, wie es so schön heisst: Draussen vor der Tür nämlich. Wenn also die Landesregierung findet, es wäre gut, keine Gruppen über fünf Leuten im Restaurant beisammensitzen zu lassen oder eine Zertifikatspflicht für Weihnachtsmärkte einzuführen, dann muss das am Ende des Tages jemand durchsetzen. Und dieser jemand ist zum Beispiel Almir, 37 Jahre alt, mit Oberarmen vom Umfang junger Buchen.

Almir sagt immer wieder, es sei schon «sehr, sehr speziell, was da draussen abgeht zur Zeit». Er beobachte eine «grosse Erschöpfung», die bei manchen zu einem Tunnelblick geführt habe. Das Nervenkostüm ist dünn.

Wenn dann am Eingang zur Bar der Türsteher auch noch einen aktuellen Coronatest sehen will, obwohl man doch schon geimpft oder genesen ist, «dann flippen die aus.»

«Es ist einfacher, einen Betrunkenen vor dem Club abzuweisen als eine 45-Jährige Familienmutter vor der Adventsgasse, die kein Zertifikat dabei hat»

Almir Mehmedi

Und dann muss Almir wieder erklären, was 2G+ bedeutet und das macht ihn müde, so unendlich müde, sagt er, dass er seit drei Jahren so viel reden muss wie sonst überhaupt noch gar nie in seinem Leben. Almir bewacht vor allem Gastrobetriebe. Zu seinen Auftraggebern gehören die Markthalle, die 8Bar, das Atlantis, das Grenzwert, das Badhüsli und das JKF, die Adväntsgass und andere. Er hat viel zu tun.

Ein guter Türsteher lässt die Probleme zuhause

Almir sagt, ein guter Türsteher lässt seine eigenen Probleme zuhause, bevor er zur Arbeit erscheint. Der Auftrag lautet üblicherweise: Die wenigen Hitzköpfe auszusortieren, damit alle anderen einen schönen Abend haben. Im Kanton Basel-Stadt kann jede*r Türsteher*in werden, in Baselland brauchte es dafür früher eine Sicherheitslizenz. Heute braucht die nur noch der Chef des Sicherheitsunternehmens.

Es gibt unterschiedliche Strategien und Herangehensweisen. Es gibt die harten Bouncer, die machen auf Berghain und arbeiten mit unterkühlter Empathie an einer Art Legendenstatus. Dann gibt es andere, die versuchen, die Gäste mit freundlicher Heiterkeit auf den aktuellen Stand der Zurechnungsfähigkeit zu prüfen. So einer ist Almir, aber er hat es jetzt immer seltener mit Betrunkenen zu tun. Sondern mit Impfgegner*innen, Schummler*innen, Vergesslichen, Aggressiven.

«Es ist einfacher, einen Betrunkenen vor dem Club abzuweisen als eine 45-Jährige Familienmutter vor der Adventsgasse, die kein Zertifikat dabei hat», sagt Almir. «Der Betrunkene vor dem Club will vielleicht kurz deine Grenzen testen, aber der weiss im Innern schon, dass er im Unrecht ist.» Bei den massnahmenkritischen Klient*innen sei das anders. «Die denken, sie sind im Recht. Und zwar immer. Und dann gehen die Sprüche los.» Systemhure. Impfzwinger. Faschist.

Almir kann schon lächeln, aber dafür wird er schlussendlich nicht bezahlt. Sein Job ist es, an der Tür die Regeln durchzusetzen. Nicht alle verstehen das.

Almir kann schon lächeln, aber dafür wird er schlussendlich nicht bezahlt. Sein Job ist es, an der Tür die Regeln durchzusetzen. Nicht alle verstehen das. (Foto: Daniel Faulhaber)

Auch das rhetorische Niveau der Auseinandersetzungen hat sich seit Ausbruch der Pandemie verändert, erzählt Almir. In seinem früheren Leben als normaler Türsteher vor normalen Clubs kam es vor, dass sich seine «Kontrahenten» während ihrer Schimpftiraden zusätzlich an einer Strassenlaterne festhalten mussten, um vor Trunkenheit nicht aus den Latschen zu kippen. Das imponiert einem wie Almir natürlich nicht so sehr. Massnahmenkritiker*innen sind anders drauf. «Sie wollen dauernd über rechtliche Grundlagen diskutieren. Und sie lieben das Wort Allmend». ‹Du musst mich hier reinlassen, das ist Allmend.› Diesen Satz hat er oft gehört.

Der Bundesrat will das so

Das klingt zwar alles ziemlich stressig, aber man könnte das auch ganz anders sehen. In einer anderen Optik ist der Job von Almir mit der Pandemie leichter geworden. Denn vorher war es ja seine Entscheidung, wenn er jemanden irgendwo nicht hineingelassen hat. 

Jetzt kann er sagen: Tut mir leid, ohne Zertifikat geht hier nichts. Der Bundesrat will das so. Ist der Job wirklich einfacher geworden?

Das könne man so nicht sagen, findet Almir, denn er muss ja gerade auch den ausländischen Gästen oft erklären, warum ihr Zertifikat aus Ländern ausserhalb der EU in der Schweiz erst gültig ist, nachdem die Schweizer Behörde einen entsprechenden Antrag geprüft und digital freigeschaltet hat. Das kann bis zu fünf Tage dauern. Almir spricht Englisch. «Aber da geht es wirklich ins Detail, in Richtung juristischer und medizinischer Fachdiskussion», sagt er. Also nein, der Job wurde nicht einfacher, weil den ausländischen Gäst*innen kann er ja auch nicht einfach sagen: 

‹Rules are rules, please step aside.› Sowas will niemand hören. 

Ausserdem entscheidet sich für Türsteher nach wie vor nicht alles an der Corona-Frage: In Bars oder Clubs, wenn sie denn ausnahmsweise geöffnet haben und nicht, wie aktuell, praktisch alle geschlossen sind, gilt immer noch die gute alte Hausregel: Reinkommt, wer nicht sturzbetrunken ist. Das Problem sei neuerdings, sagt Almir, das manche Gäste den Eindruck haben, ein Corona-Zertifikat sei eine Art Passepartout. Aber wer ein Zertifikat hat und sturzbesoffen ist, kommt halt immer noch nicht rein. Nicht für alle ist das offenbar gleich gut nachvollziehbar. 

Es ist schön, mit Almir, dem Türsteher über den Stand der öffentlichen Erregung zu sprechen. Er hat einen feinen Blick für die Details im dritten Jahr dieser Pandemie und glaubt zum Beispiel, beobachtet zu haben, dass die Leute weniger Alkohol vertragen als früher. Vor manchen Clubs ist er Stammsecurity, er kennt die Gäste und weiss, wieviel die normalerweise zu trinken im Stande sind.

«Auf einmal hiess es: Du hast dieses Zertifikat, oder du hast es nicht. Das war scho ein harter Cut, die Tage danach waren für uns die anstrengendsten der gesamten Pandemie.»

Almir Mehmedi

«Es kommt jetzt häufiger vor, dass die schon um 02:00 Uhr den Club wieder verlassen und heimgehen.» Dann fragt Almir, was ist los, und sie antworten, dass es einfach nicht mehr geht. Die Leute gehen seltener aus als früher. 

Sonntags direkt nach der Schicht arbeitet Almir manchmal direkt weiter und zwar im Frühdienst bei der Post. Von 04:00 bis 08:00 Uhr verteilt er dann Zeitungen im Gundeli. Er schläft wenig. Tagsüber ist er zuhause, er ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Firma Rhy Security führt er seit 2017, fünf Mitarbeiter und ein paar Aushilfskräfte arbeiten da. Der Laden läuft gut. Seit die Clubs dicht sind und alle zuhause sitzen, macht er mehr Objektschutz. 

Bitte immer mit vollem Handyakku

Almir sagt, die Pandemie hat ihn unterm Strich zu einem besseren Türsteher gemacht. Früher hat er zwar mehr trainiert, beinharte Schichten im Ruderboot und an der Hantelbank. Aber die Pandemie zwang ihn, psychologischer zu arbeiten, die Menschen zu lesen. Heute gehören neben der Muskeln auch Argumente in das Gesamtabwehrdispositiv Almir Mehmeti, das wäre ja früher überhaupt nicht in die Tüte gekommen. Aber so ist das jetzt. Almir liest neuerdings Gesetze, Verordnungen, Massnahmen. 

Von allen Bundesratsentscheiden in Sachen Pandemiebekämpfung war die Einführung der Zertifikatspflicht im September 2021 die einschneidendste Massnahme für Almir. «Vorher war alles irgendwie dehnbar und eine Frage der Interpretation. Sitzen da jetzt sieben Leute an einem Tisch, oder vier und drei? Das war nicht immer ganz klar. Auf einmal hiess es: Du hast dieses Zertifikat, oder du hast es nicht. Das war scho ein harter Cut, die Tage danach waren für uns die anstrengendsten der gesamten Pandemie.»

Und was wünscht er sich von den Leuten? Die Frage ist durchaus philosophisch gemeint und ergebnisoffen für die ganz grossen Antworten. Ein bisschen Rücksicht, Demut, Dankbarkeit, solche Dinge. 

Aber Almir wünscht sich was anderes: «Ein gültiges Zertifikat, einen Ausweis, und genug Handyakku, bitteschön», damit er das Zertifikat mit seinem Scanner auch einlesen kann. Er rät auch, das Zertifikat an ein paar gute Freund*innen zu schicken, mit denen man öfters ausgeht. Damit die das im Fall eines plötzlichen Akkutods herzeigen können. Es kommt offenbar sehr oft vor, dass Menschen in Zeiten der Pandemie der Akku ausgeht. 

Wir bedanken uns für die Einsichten und verabschieden uns. Später fällt uns noch eine Frage ein, von der wir uns ein wenig Orientierung versprechen in dieser unübersichtlichen Zeit:

Almir, welchen Jahrgang haben die Leute, die dieses Jahr hoffentlich zum ersten Mal in einen Club dürfen?

«2004», sagt Almir. «Bier trinken ist in diesem Jahr erlaubt ab Jahrgang 2006.»

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