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Zahlensalat

Basel-Stadt senkt Impf-Ziel um 20’000 Personen (und niemand merkts)

Vor einem Monat haben die Basler Behörden versprochen, bis Ende Juni alle Impfwilligen zu bedienen. In der neuen Zielvorgabe ist nur noch von den «bereits Registrierten» die Rede. Was ist da passiert?

04/19/21, 03:35 PM

Aktualisiert 04/19/21, 04:11 PM

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Im März sagte das Basler Gesundheitsdepartement der «bz», bis Ende Juni seien etwa 62 Prozent der impfberechtigten Bevölkerung geimpft, macht 106’000 Geimpfte (grüne Linie in der Grafik). Dass die tatsächliche Anzahl geimpfter Personen langsamer steigt als die anvisierte Gerade, ist dabei kein Problem – im Mai und Juni werden mehr Impfdosen eintreffen als im April, die Kurve wird steigen.

Doch dann, vergangenen Donnerstag, gab es ein Update: «Das Gesundheitsdepartement kann festhalten, dass die Impfungen nun weiter Fahrt aufnehmen», die versprochenen Lieferungen vorausgesetzt, werden bis Ende Juni alle 54‘600 bereits registrierten Personen geimpft werden können. Wenn man nachrechnet (wie genau, siehe Box), merkt man: Das sind 20’000 weniger Personen als noch im März angekündigt. Doch über diese neu angepasste Zahl verlieren die Behörden kein Wort.

Bajour hat zweimal bei Anne Tschudin vom Gesundheitsdepartement nachgefragt: «Warum haben die Behörden das Impfziel (um 20’000 Personen nach unten) angepasst?» Sie sagt: «Ich kann Ihre Berechnungen nicht bestätigen. Es hat auch keine Anpassung des Impfziels stattgefunden. Unser Ziel, das wir am 23. März kommuniziert haben, lautete und lautet unverändert: bis Ende Juni werden voraussichtlich alle Erwachsenen einen Termin für die erste Impfung erhalten haben.»

Womit wir noch ein drittes Mal nachfragen könnten:

  • welche Erwachsenen genau, ALLE? 
  • Oder nur die, die sich bereits fürs Impfen angemeldet haben? 
  • Und was passiert mit den Registrierten, sollten sich weitere Risikopatient*innen anmelden? 

Wir von Bajour werden von jetzt an diese Impfgrafik täglich aktualisieren und auf unserer Seite und im Briefing publizieren. Man sieht darauf:

  • wie viele Menschen geimpft werden
  • welche Ziele die Behörden angeben
  • und welche sie tatsächlich erreichen

Das machen wir auch fürs Baselbiet. Dort ist das Ganze übrigens viel einfacher, auf eine klare Frage bekommt man eine klare Antwort. So schreibt Rolf Wirz vom Krisenstab auf Anfrage: «Wir haben aktuell etwas über 100'000 Registrierungen (inkl. diejenigen, die bereits geimpft sind). Mit den vom BAG prognostizierten Liefermengen darf davon ausgegangen werden, dass alle Impfwilligen in BL bis Jahresmitte geimpft sind».

Kurzkommentar

Das Basler Gesundheitsdepartement ist sicher nicht schuld, wenn sich Impfungen verzögern, weil weniger Impfstoff geliefert wird. Aber wir, die Bevölkerung, die wir uns seit über einem Jahr in Zurückhaltung üben und grösstenteils voller Hoffnung auf einen baldigen Impftermin warten, haben Klarheit verdient. Wenn weniger Impfstoff kommt, wenn es nochmals einige Wochen oder Monate länger gehen sollte, dann haben wir ein Recht darauf, das zu erfahren - direkt und ungefiltert. Und nicht hinter Klausulierungen versteckt.

Im vergangenen Jahr hat Basel-Stadt unter dem Strich einen guten Job gemacht. Aber in den letzten Wochen scheinen die Basler Behörden punkto Kommunikation einen Knopf zu haben. Drei Beispiele:

  • Eltern erfuhren am Wochenende vor Schulbeginn nach den Frühlingsferien, dass verschnupfte Kinder nur noch getestet in die Schule dürfen.
  • Die Behörden geben auf wiederholte Nachfrage keine klare Antwort auf die Frage, wieso Basel-Stadt so spät dran ist mit Massentesten an Schulen und wann es so weit ist.
  • Und jetzt wurde das Impfziel durch die Hintertüre angepasst.

Sehr geehrter Regierungsrat Lukas Engelberger, sehr geehrter Herr Kantonsarzt Thomas Steffen und sehr geehrte Frau Departementssprecherin Anne Tschudin: Kommunizieren Sie bitte offen, wenn es zu Fehlern kommt. Es ist nicht schlimm, wenn hochgesteckte Ziele nicht eingehalten werden – zumindest dann nicht, wenn Sie vollen Einsatz gegeben haben.

Dann spürt die Bevölkerung: Die Regierung gibt alles, aber sie kann auch nicht zaubern. Das verlangt auch niemand, aber Offenheit und Transparenz, das schon. Das schafft Vertrauen.