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Energieversorgung

Die grüne Energie so schmutzig

Für viele ist die angekündigte Strommangellage Grund, persönlich einen Schritt in Richtung Energieunabhängigkeit zu machen. Sprich, Solarpanels sollen aufs Dach. Doch wie sehen aktuell die Lieferzeiten für Solaranlagen aus und wie schmutzig ist die saubere Energie? Wir fragen nach.

09/12/22, 02:40 AM

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Viele Solaranlagen werden von gefangenen Menschen hinter Stacheldraht hergestellt.

Viele Solaranlagen werden von gefangenen Menschen hinter Stacheldraht hergestellt. (Foto: Pixabay/Illustration Florian Scheller )

Die drohende Energiekrise ist in aller Munde. Die Schweizer Medienhäuser decken ihre Leser*innen mit Stromspar-Tipps ein, die Basler Regierung entscheidet, die öffentlichen Gebäude nur noch bis 19 Grad zu heizen und der Bundesrat spannt einen vier Milliarden teuren Rettungsschirm über die Axpo. Für viele betroffene Haushalte erscheint das eigene Kraftwerk auf dem Dach als eine praktikable Lösung. Auch der Bundesrat erkennt das Potenzial. 

450 Millionen Franken stehen 2022 für die Förderung von Photovoltaikanlagen zur Verfügung, damit der Rekord von 18’000 neuen PV-Anlagen aus dem 2021 geknackt wird. «Wir müssen mehr und schneller bauen als vom Bundesrat vorgesehen. 2050 soll Photovoltaik 45 Terawattstunden (TWh) Strom liefern, also 12-mal mehr als heute», findet der schweizerische Fachverband für Sonnenenergie, Swissolar. 

Aktuell werden jährlich 3.9 TWh Strom mit Sonnenenergie erzeugt. Das entspricht dem Verbrauch von ca. 975’000 Haushalten. Die Nachfrage ist aktuell dementsprechend gross und wird auch in Zukunft nicht kleiner werden.

Made in China

Diesen Hunger nach Solarenergie kann aktuell nur ein Land stillen: China. Denn die Produktion von PV-Anlagen, beinahe die gesamte Wertschöpfungskette, liegt in chinesischer Hand:

  • Acht von zehn der weltweit grössten Solarhersteller haben Sitz oder Produktion in China.

  • 80 Prozent der Produktion von Polysilizium, dem Halbleitermaterial, das die Basis für die meisten Solaranlagen bildet, kontrolliert das Reich der Mitte. 

  • Rund die Hälfte davon kommt aus der Provinz Xinjiang. 

Das Problem: UNO-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet hat unlängst China schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen an der uigurischen Minderheit in dieser Region vorgeworfen. Als Reaktion auf diesen UNO-Bericht hat das Schweizer Aussendepartement (EDA) den chinesischen Botschafter einbestellt.  

«Es handelt sich um kulturellen Genozid», sagt China-Experte Adrian Zenz gegenüber der Tagesschau über die Situation in Xinjiang. Das birgt ethische Probleme bei jeglicher wirtschaftlicher Interaktion in der Region.

Das macht auch Solarunternehmen in der Region Sorgen. Sie wünschen sich mehr gesetzlich vorgeschriebene Transparenz. Thomas Tribelhorn, Vorsitzender der Geschäftsleitung von der Energiegenossenschaft ADEV, sagt: «Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Solarpanels aus China von uigurischen Zwangsarbeiter*innen hergestellt wurden. Doch es fehlt die Transparenz bei den Lieferketten.» 

Für Schweizer Kund*innen ist es schwer nachzuvollziehen, ob Blut von Zwangsarbeiter*innen an den Solarmodulen klebt. Denn das aktuell geltende Gesetz schreibt vor, dass die Herkunft eines industriellen Produkts dem Ort entspricht, an dem mindestens 60% der Herstellungskosten anfallen. 

Da die meisten in der Schweiz verkauften PV-Module aus chinesischen Solarzellen bestehen, die in Deutschland zusammengesetzt wurden, ist eine Rückverfolgung der Lieferketten kompliziert. Die Herstellungskosten sind über den ganzen Globus verteilt und lassen nicht immer eruieren, von wo die Güter letztendlich stammen.

Also machen wir uns wieder abhängig von einem autokratischen Staat mit schweren Menschenrechtsverletzungen?

Für den gleichen Fehler muss die Schweizer Bevölkerung mit der aktuell hohen Energiemangellage und den Gasproblemen bezahlen. Denn wie bei Russland kann auch bei nicht China von einem vertrauenswürdigen Partner gesprochen werden. 

«Ohne die chinesischen Hersteller könnte die Nachfrage nicht einmal ansatzweise gedeckt werden.»  

Heinrich Holinger, Gründer von Solar4you

Verschiedene Anbieter von PV-Anlagen aus der Region versuchen deshalb, möglichst auf chinesische Module zu verzichten. So sagt Massimo Ravanelli, Stellvertretender Geschäftsführer von Allsol GmbH in Reinach: « Wir beziehen den grössten Teil von Hyundai aus Südkorea, den Rest mehrheitlich von europäischen Firmen aus Kroatien, Spanien und Deutschland. Doch etwa 90% des im Modul verwendeten Solarglases kommt aus China»

Das Unternehmen Solar4you verwendet seit acht Jahren nur Solarpanels aus Südkorea. Auch das Polysilizium kommt von dort, wie Firmengründer Heinrich Holinger sagt. Den Ausschlag für die Umstellungen gaben damals «Garantiegründe und der höhere Wirkungsgrad der Solarmodule, doch wir würden auch nicht PV-Anlagen verkaufen, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie von uigurischen Zwangsarbeiter*innen hergestellt wurden», sagt Holinger, der als Vorreiter der Schweizer Solarindustrie gilt und Solar4you vor 36 Jahren gegründet hat. Er gibt zu bedenken: «Ohne die chinesischen Hersteller könnte die Nachfrage nicht einmal ansatzweise gedeckt werden. Jedenfalls nicht aktuell.»  

Die angefragten Unternehmen wünschen sich mehr Engagement für Transparenz bei der Herkunft von Photovoltaikanlagen vonseiten der Politik.

Und es tut sich auch was: FDP-Nationalrat Cattaneo Rocco hat diesen Sommer eine Motion eingereicht. Sie fordert eine Änderung des Markenschutzgesetzes, «damit die Hersteller von Photovoltaikmodulen verpflichtet werden, anzugeben, wo die Solarzellen, aus denen ein Modul besteht, hergestellt wurden.» 

Cattaneo erhält Unterstützung von Fachverband für Sonnenenergie. Swissolar erwartet eine aktivere Rolle staatlicher Stellen und sieht vor allem des Staatssekretariat für Wirtschaft SECO in der Pflicht.

«Wir brauchen mehr europäische Produzenten, auch für mehr Unabhängigkeit.» 

Solarunternehmen

Der Bund wartet ab

Doch beim Bund will man aktuell offenbar nicht aktiv werden. Auf Anfrage von Bajour zeigt sich das Seco zwar «tief besorgt über Berichte betreffend schweren Menschenrechtsverletzungen in China». Aber: Strengere Bestimmungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie zu Transparenz- und Sorgfaltspflichten sind aktuell nicht vorgesehen. 

Das Seco will zwei Vorschläge zur Nachhaltigkeits- und Sorgfaltsprüfung abwarten, die durch die Instanzen der Europäischen Union kommen. «Die Bundesverwaltung analysiert, ob sich aus den Entwicklungen in der EU allenfalls auch Anpassungsbedarf für das Schweizer Recht ergeben könnte», sagt das Seco. Aktuell unterstützt der Bund Unternehmen mit Sensibilisierungs- und Schulungsmassnahmen für die Ausübung der menschenrechtlichen Sorgfaltsprüfung gemäss international anerkannten Standards. 

Auch das Bundesamt für Energie kann nicht ausschliessen, dass die Schweiz mit den 450 Millionen Franken Fördergeldern für Solanerergie chinesischen Staatsterror mitfinanziert. «Allerdings gibt es bisher auch keine Beweise, dass Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten der Solarbranche wirklich stattfinden». 

Transparenz ist das eine. Doch wie will sich die Schweiz aus der chinesischen Abhängigkeit bei den Solarzellen lösen? 

Für die Unternehmer Thomas Tribelhorn, Lukas Herzog und Heinrich Hollinger ist klar: «Wir brauchen mehr europäische Produzenten, auch für mehr Unabhängigkeit.» 

Doch auch hier gibt es vonseiten des Bundes keine Pläne. Er verlässt sich erneut auf Europa, wie das Seco schreibt. «Die EU verfolgt eine Initiative zum Wiederaufbau einer europäischen Solarbranche, bei der hoffentlich auch die Schweiz mit ihrem grossen Knowhow in diesem Bereich eine Rolle spielen kann.» 

Aktuell hat die Solarbranche der Schweiz noch weitere Probleme, Lukas Herzog von der Alteno AG nennt folgende drei Engpässe:

  1. Planer

  2. Material 

  3. Fachkräfte

In der Schweiz fehlen 15’000 Installateure: «Wenn jetzt die Planung für ein Projekt abgeschlossen ist, dann muss man sechs bis neun Monate auf einen Installateur warten», sagt Lukas Herzog. David Stickelberger, Geschäftsführer und Leiter Kommunikation von Swissolar, will dem Fachkräftemangel mit einer voraussichtlich 2024 startenden Berufslehre entgegenwirken. Ein Schritt, der von vielen bereits seit mehr als zehn Jahren verlangt wird. «Kurzfristig wirken die sehr gut besuchten Weiterbildungsangebote für Quereinsteiger», ergänzt der Branchenvertreter. 

Was das alles für Solarbegeisterte bedeutet, die noch ein paar freie Quadratmeter auf dem Dach haben, muss jede*r selber entscheiden. Es gibt Alternativen zu den chinesischen Produkten. Hersteller aus Europa und Asien, die qualitativ hochwertige PV-Anlagen herstellen. Doch es müssen mit Mehrkosten von etwa 15% gerechnet werden. Die Preise sind aktuell bei den meisten Solarherstellern noch nicht gestiegen, doch das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Aber vor allem die lange Umsetzungsdauer von mindestens sechs Monaten für ein Solarprojekt muss Interessierten bewusst sein. Wer den nächsten Sommer voll ausnutzen will, muss jetzt mit der Planung beginnen.   

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