Bullwinkels Blickwinkel

Die Schweiz auf dem Speiseplan

In Zeiten der hochfahrenden Machtblöcke droht die Schweiz von der rosinenpickenden Intermediär zur Gejagten zwischen den Fronten zu werden. Wenn sie der Wirtschaft keine Marktanschlüsse bietet, wird die Wirtschaft zu den Märkten gehen, kommentiert Chefredaktorin Ina Bullwinkel.

Woko Schweiz Speiseplan
Die Schweiz will nicht im Magen der grossen Player landen. (Bild: Adobe Stock)

«Wir müssen gemeinsam handeln. Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf dem Speiseplan» – diese deutlichen Worte des kanadischen Ministerpräsidenten Mick Carney aus seiner Rede in Davos hallen noch immer nach. Carney spielte auf Donald Trumps Politik der Macht des Stärkeren an und appellierte an die internationale Zusammenarbeit. Auf dem Speiseplan will auch die Schweiz nicht stehen. Die Frage ist nur, wie hoch der Preis sein wird, den sie dafür zahlen muss. 

HKBB EU Podium Wirtschaft: Kaspar Sutter, Jürg Erismann, Ina Bullwinkel, Elisabeth Schneider-Schneiter, Lorenz Amiet, Thomas Ernst
Podium

Am gemeinsamen Podium von Bajour und HKBB diskutierten Vertreter*innen aus Politik und Wirtschaft, was Basel braucht, um zu gedeihen – in Zeiten von US-Zöllen und EU-Verhandlungen.

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Die Weltpolitik verschiebt sich in Richtung Protektionismus: USA first, Europe first, China first … die Liste hört hier nicht auf. Zölle werden aufgefahren, höhere Subventionen gesprochen, mit bilateralen Deals der Freihandel unterwandert. Die Schweiz ist ein kleines, aber wirtschaftsstarkes Land. In der Vergangenheit ist sie als Exportnation mit niedrigen Steuern und liberalem Arbeitsmarkt gut gefahren. Auch weil die Länder um sie herum und in der restlichen Welt mehr auf Kooperation als auf Isolationismus gesetzt hatten. Doch damit ist es spätestens seit Trumps Zoll-Aufschlag zum vermeintlichen Freedom-Day vorbei. Die Schweiz sitzt seither wie eine Katze neben dem Ping-Pong-Tisch und beobachtet, wie die Bälle zwischen den grossen Blöcken fliegen – in der vergeblichen Hoffnung, zwischen den Fronten nicht getroffen zu werden.

Ohne neues EU-Vertragspaket sitzt die Schweiz noch weiter weg vom Verhandlungstisch.

Die Schweizer  Wirtschaft ist stark, aber die Eidgenossenschaft verfügt in Zeiten der Abschottung über keinen langen Hebel. Die USA sind nicht in so grossem Masse auf uns angewiesen wie andersherum. Und auch die EU kann locker ohne Schweiz. Sie hat zwar ein Interesse, mit ihrem reichen Nachbarland Geschäfte zu machen, aber bei der neuen Strategie der EU, vor allem «made in Europe» zu kaufen, bleiben Schweizer Anbieter unter Umständen aussen vor. Bilaterale III hin oder her. 

Die Rechten verkaufen dieses neue Szenario so, als brächten die Bilateralen III sowieso nichts. Dabei wird andersherum ein Schuh draus: Ohne neues Vertragspaket sitzt die Schweiz noch weiter weg vom Verhandlungstisch. Die Basler Wirtschaft und mehrheitlich auch die nationale hat das erkannt und kämpft seither beherzter um das Abkommen und gegen die 10-Millionen-Initiative. Ironischerweise steht das kleine EWR-Mitglied Liechtenstein inzwischen deutlich besser da, als die wesentlich wirtschaftsmächtigere Schweiz. 

Genauso wie der Bundesrat in den USA den Goldbarren-Knicks gemacht hat, muss das exportorientierte Land die Bilateralen III – mit allen Kompromissen – als letztes Ticket zum goldenen Binnenmarkt annehmen.

Die Schweiz zieht den Kürzeren. Wenn Trump findet, dass die Medikamentenpreise in seinem Land zu hoch sind und Roche und Novartis sich auf einen teuflischen Pharma-Pakt einlassen und hier die Preise erhöhen. Die Schweiz zieht den Kürzeren, wenn die Schweizer Maschinenhersteller wegen Europe First tatsächlich aussen vor bleiben. Bei der Schweiz stehen nicht mehr die gepickten Rosinen früherer Jahre auf dem Menü. Die Schweiz selbst steht auf dem Speiseplan.

Wie sagte es Roche-CEO Thomas Schinecker vergangenen Sommer: «Als Unternehmen finden wir Lösungen. Wir sind geografisch flexibel. Die Schweiz ist geografisch nicht flexibel. Und wir müssen – wenn wir wirklich die Interessen der Schweiz verfolgen – gemeinsam eine Lösung mit der EU finden.»

Genauso wie der Bundesrat in den USA den Goldbarren-Knicks gemacht hat, muss das exportorientierte Land die Bilateralen III – mit allen Kompromissen – als letztes Ticket zum goldenen Binnenmarkt annehmen. Dass die Schweiz geregelte Verhältnisse mit der EU braucht, findet ja auch die SVP. Fraglich ist aber, ob die EU sich – nach Jahren der Verhandlungen – auf ein Abkommen ohne Personenfreizügigkeit einlassen würde. Und wenn nicht, wie hoch der Preis ist, den wir dafür zahlen müssten. Die Roche ist zumindest geografisch flexibel – und andere auch.

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Kommentare

Gerhard R. Müller
06. Februar 2026 um 06:13

Den Kommentar halte ich für begründet und in der Schlussfolgerung zutreffend. Eine Formulierung ist mir als EU-Bürger jedoch sauer aufgestossen: «Mit allen Kompromissen».

Jede Seite verhandelt im eigenen Interesse und will das Beste für sich erreichen. Das Beste für die eine Seite ist aber nicht immer dass Beste für die andere Seite. Daher Kompromisse, die immer noch ein Gewinn gegenüber dem Status Quo sind. Die Bilateralen III sind so ein Kompromiss. Die Schweiz muss EU-Recht dynamisch umsetzen und bei Weigerung mit Ausgleichsmassnahmen der EU rechnen. Auf der Haben-Seite stehen aber verbriefte Rechte, die es bisher nicht gab. Der Ausschluss von Horizon war z.B. völlig legal. Diese Rechte sind zudem vor einem unabhängigen Schiedsgericht einklagbar. Ein Abkommen ohne Personenfreizügigkeit kann die Schweiz jederzeit haben. Grossbritannien hat so eines nach dem Brexit ausgehandelt. In der Folge fielen die Warenexporte in die EU bis 2024 inflationsbereinigt um 18%.

Beobachter
09. Februar 2026 um 17:00

Nicht inspirierend für die Zukunft - und PFZ schadet mir mittlerweile nur noch

Carney ist ein Vertreter des unipolaren Globalismus als westliche Weltherrschaft aus dem Block der Extremen Mitte (Studie T. Ali, H. Flassbeck). Sie sind für die Deindustrialisung und die Finanzialisierung der Wirtschaft verantwortlich, was jetzt als Boomerang aus dem Nicht-Westen zurückkommt. Er hat am WEF gesagt, dass deren regelbasierte Weltordnung genauso nach dem Recht des Stärkeren organisiert war, lediglich weniger offen formuliert als Trump (all die Kriege seit den 90ern, Regime Changes, Neoliberalismus). Er wird daher nicht viele verbündete Mittelmächte finden, es fallen mir nur die EU ein, nichtmal Australien. Die EU wird zunehmend zu einer autoritären Schicksalsgemeinschaft der Mitte. Zwei anachronistische Identitätsmodelle konkurrieren im Westen: 1. das liberalistisch-transnationale metaphysisch-idealistische Modell des Menschen als rationale Funktion ohne Herkunft, Geschichte und Kulturalität. 2. Das wiederkehrende Modell der Nation als ethnisch homogen geschlossen.