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Es wird eng

«Wir sollten nicht an der Gymiquote schrauben»

Künftig dürfen Schüler*innen aus den Nachbarkantonen nicht mehr die Basler Gymnasien und FMS besuchen. Wieso? Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) über Gründe und Grundsatzdebatten.

01/07/21, 05:04 PM

Aktualisiert 01/08/21, 08:35 AM

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Am 6. Januar wurde in einer Pressemitteilung kommuniziert, dass Schüler*innen aus den Nachbarkantonen künftig nicht mehr alle die FMS oder Gymnasien in Basel-Stadt besuchen dürfen. Die wichtigsten Punkte der «harmonisierten Mittelschulplanung»:

  • Ab Schuljahr 2025/26 werden die Gymnasien in Basel-Stadt schrittweise keine Schüler*innen aus dem Kanton Aargau mehr aufnehmen.
  • Ab 2028/2029 schrittweise keine mehr aus den Baselbieter Gemeinden Allschwil und Schönenbuch.
  • Die FMS Basel-Stadt wird ab Schuljahr 2022/23 schrittweise keine Schülerinnen und Schüler aus den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft mehr aufnehmen.
  • Fricktaler FMS-Schüler*innen besuchen ab dem Schuljahr 2022/23 Schulen im Baselbiet.

Conradin Cramer, in Zukunft dürfen Baselbieter oder Aargauer Kinder nicht mehr unsere Basler Gymnasien besuchen. Die Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) sprach gegenüber der «BaZ» von einem «akuten Notfall». Was ist da los?

Conradin Cramer: Tatsächlich werden wir an der Fachmaturitätsschule FMS und später auch an den Gymnasien Engpässe haben, wenn die Zahlen so bleiben, wie sie sind. Von einem akuten Notfall würde ich aber trotzdem nicht sprechen. Wir müssen handeln, das stimmt. Bei einem Notfall müsste aber alles sofort passieren. Das ist nicht der Fall.

Was ist der Grund für die Umstrukturierung: Der Platz oder die Anzahl Schüler*innen?

Das eine bringt das andere natürlich mit sich. Tatsache ist: Wir haben ein Bevölkerungswachstum und müssen als Kantone planen. Das ist jetzt in Gang gekommen.

Es liegt aber nicht nur am Bevölkerungswachstum: Basel-Stadt hat im Schweiz-Vergleich nach wie vor eine hohe Mittelschulquote. Und jetzt kommt die Mitteilung: Es wird eng. Verklären Sie mit dieser Massnahme nicht das eigentliche Problem?

Man muss differenzieren: In den letzten zwei Jahren haben wir die Gymnasialquote gesenkt, was dafür sorgte, dass die Quote bei der FMS leicht anstieg. Und wir haben nur einen FMS-Standort im Kanton. Da macht es Sinn, die Schülerinnen und Schüler in der Region besser zu verteilen.

Die gymnasiale Übertrittsquote in Basel-Stadt liegt momentan bei 37 Prozent, der Schweiz-Durchschnitt bei knapp 25 Prozent. Sie haben die Quote bereits mit Massnahmen gesenkt. Weiter senken wollen Sie aber nicht?

Unser Ziel ist eine Stabilisierung. Es kann sein, dass die Quote im Zuge dessen noch um ein paar Prozent sinkt, aber strengere Selektionsmassnahmen wie eine fixe Quote oder Eintrittsprüfungen will ich nicht einführen.

Wieso nicht?

Solche Massnahmen greifen zu stark in die Entscheidungsfreiheiten der Jungen ein.

Diese Haltung bringt Ihnen auch Kritik ein. Gerade aus der bürgerlichen Ecke erklingt in Zusammenhang mit Bildungsmassnahmen oft das Wort «Kuschelpolitik».

Auffällig ist: Der Berufsbildungsweg wird politisch von allen immer hochgehalten. Sobald jedoch das eigene Kind betroffen ist, werden die politischen Grundsatzdebatten weniger interessant. Das habe ich oft beobachtet. Sobald man wirklich an der Quote schrauben will, ist eine grosse Mehrheit der Eltern und politischen Exponenten plötzlich dagegen. Das ist also kein gangbarer Weg.

Was ist denn der richtige Weg?

Die Berufslehre zu stärken.

Was nicht gelingt. Gerade 17 Prozent aller Basler Schulabgänger*innen fangen eine Lehre an. Das sind sehr wenig. Wieso haben Lehrberufe so ein schlechtes Image?

Das Image ist das eine. Genauso wichtig ist aber die Realität der Schülerinnen und Schüler: Viele von ihnen sind interessiert daran, noch ein paar Jahre im Schulsetting mit entsprechender Betreuung zu bleiben. Aber es stimmt schon: Es ist sehr schwierig, Menschen aus dem Ausland, die das Konzept der Berufslehre nicht kennen, oder Akademikerfamilien, denen gymnasiale Ausbildung wichtig ist, von einer Lehre zu überzeugen.

Es braucht also einen Kulturwandel?

Richtig. Wir, die Schulen, Lehrbetriebe und Berufsverbände setzen sich seit Jahren dafür ein, die Berufslehre attraktiver zu machen. Und die Quote bleibt stabil, sie sinkt nicht weiter. Bereits das braucht grosse Anstrengungen. Wir leben in einer akademisch geprägten Stadt, man darf nicht unrealistische Erwartungen haben.

Sie selbst sind ein LDP-Politiker. Wieviel von Ihrer bürgerlichen Haltung fliesst in Ihre Arbeit ein?

Gute Bildungspolitik lässt sich nicht ins Links-Rechts-Schema einordnen. Wichtig ist in erster Linie, dass alle jungen Menschen die bestmögliche Ausbildung und eine Zukunftsperspektive erhalten. Was ich aber sagen kann: Für mich als bürgerlicher Politiker ist die Schule nicht nur ein sozialer Ort, sondern eine Vorbereitung auf das Arbeitsleben, das durchaus hart sein kann. Eine Schule soll lebenstüchtige Menschen entlassen. Und selbstkritisch sein: Wir brauchen den interkantonalen Vergleich und dürfen uns nicht abschotten. Nur so können wir uns verbessern.

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