«Sie verzieht nicht das Gesicht, wenn es nicht gut ist»
Auf dem Jugendbücherschiff haben Kinder und Jugendliche beim Vorlesen eine besondere Zuhörerin: die Lesehündin Boy. Sie hilft den Kindern, konzentriert und entspannt zu sein – und soll so indirekt die schwindende Lesekompetenz steigern.
Eine Schlange von wartenden Kindern hat sich vor der lieb dreinblickenden Hündin Boy aufgereiht. Sie haben alle ihr liebstes Kinderbuch unter den Arm geklemmt. Die neunjährige Emelie hat Boy soeben eine Geschichte über Einhörner vorgelesen und den Schäfermischling dabei immer wieder über das Fell gestreichelt. Emelie freut sich: «Der Hund verzieht nicht das Gesicht, wenn es nicht gut ist.»
Boys Besitzerin Sylvia Adili sitzt mit wachsamen Augen neben den lesenden und den Hund streichelnden Kindern. Boy folgt ihr auf Schritt und Tritt. «Boy gibt den Kindern Ruhe», sagt Adili über ihre Hündin. Es sei die Symbiose zwischen Tier und Kind, die den Kindern die Ängste nehme beim Lesen.
Adili hat das Konzept Lesehund, das ursprünglich aus den USA stammt, 2021 bei der GGG Bibliothek Neubad vorgeschlagen und seither dort durchgeführt. Studien bestätigen, dass Kinder beim Lesen mit einem Tier konzentrierter, motivierter und allgemein positiver sind. Adili ist bereits zum dritten Mal mit der Hündin auf dem Leseschiff anwesend und empfängt die Kinder und ihre Geschichten jeweils am Mittwoch-Nachmittag. «Es ist ein ruhiger, sehr zutraulicher Hund», sagt sie über Boy, «Je mehr Liebe sie kriegt, desto mehr Liebe gibt sie zurück». Bevor der Hund bei Adili ein neues Zuhause fand, lebte er in Marokko auf der Strasse.
Viviane Pescatore leitet das Jugendbücherschiff. Es sei grossartig für die Kinder, wenn sie beim Vorlesen nicht korrigiert werden, sagt sie über den Lesehund. «Der Hund ist mit seiner ungeteilten Aufmerksamkeit da und nimmt das, was ist.»
Mit dem Jugendbücherschiff wolle die Bibliothek Leidenschaft und Begeisterung fürs Lesen wecken und das schon eine ganze Weile: Das Schiff gibt es bereits seit 44 Jahren. Es ist die umgebaute MS Christoph Merian, die in der Zwischensaison für drei Wochen zur schwimmenden Leseinsel umgebaut wird. Die Bücher, die dort gelesen werden können, sind alle im vergangenen Jahr erschienen und werden danach Teil des Bestands der Bibliothek.
Das Leseschiff sei eine beliebte Attraktion, jedoch könne man nicht bestreiten, dass die allgemeine Lesekompetenz bei Kindern abnehme. Dieser Rückgang wurde in der jüngsten Pisa-Studie nachgewiesen. Pescatore sagt, dass es verschiedene Möglichkeiten für die Leseförderung gebe. Wichtig beim Lesen mit Tier sei aber vor allem, dass es regelmässig stattfinde. Sie nimmt die Eltern in die Pflicht, die schon ganz früh anfangen sollten, mit den Kinder Bücher anzuschauen.
Derweil lässt sich Hündin Boy immer noch fleissig von den Kindern streicheln und hört ihnen geduldig beim Vorlesen zu. Die zehnjährige Emilia sagt, dass sie froh sei, wenn die Hündin ihr zuhöre. Am liebsten erzählt sie ihm witzige Abenteuergeschichten.