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Aufklärung

Jedes Kind kennt den Penis. Und die Vulva?

Im US-Bundesstaat Texas soll in den Schulen gar nicht mehr über Sexualität geredet werden. In Basel wird, aber oft noch ungenügend, findet eine Basler Sexualpädagogin. Hier redet sie Klartext.

03/17/22, 02:22 PM

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Nadia Kohler (33)  ist Sexualpädagogin und Lehrerin. Sie betreibt einen Podcast für Jugendliche und bietet Sexualunterricht für Schulen und Beratung für Eltern und Jugendliche an.

Nadia Kohler (33)  ist Sexualpädagogin und Lehrerin. Sie betreibt einen Podcast für Jugendliche und bietet Sexualunterricht für Schulen und Beratung für Eltern und Jugendliche an. (Foto: zvg)

Kürzlich gab ich in einem Jugendzentrum einen Kurs zum Thema Menstruation und Zyklus. Wir fragten die Jugendlichen, welche Wörter sie für die Vulva/Vagina kennen. Ein Mädchen streckte auf und sagte «Schwanzloch». Ich war fassungslos. Dass junge Menschen kein eigenes Wort für die Vulva haben und sie sich allein über den Dienst am Penis definieren – das zeigt mir, wie nötig wir eine fundierte Sexualkunde haben.

Ich bin Sexualpädagogin und Lehrerin in der Mittelstufe, also 3. bis 6. Klasse. Der Penis ist omnipräsent, überall wird er hingekritzelt. Jedes Kind kann einen zeichnen. Aber wenn ich frage, wollt ihr nicht einmal eine Vulva zeichnen, weiss keines, wovon ich rede. Menstruierende kommen zu mir und flüstern mir ins Ohr, dass sie rasch zur Toilette müssen. Menstruationsblut finden sie eklig. Im Turnunterricht sagt mir ein Mädchen, es tue ihr «da unten» weh. Im Klassenlager erklärt ein Junge, er wolle die Toilette nicht putzen, er sei doch kein Mädchen. Unter ihren Pulten halten sie einen Lineal an ihren Schritt und tun so, als würden sie sich selbst befriedigen. Es verschwinden Drähte aus den Schränken, damit sie sich für Tiktok-Videos Piercings basteln können. Die Kinder fragen mich: Wieso bist du nicht verheiratet? Und: Was, du willst jetzt noch Kinder? Dann wirst du aber eine alte Mutter sein.

Für mich gehört das alles zusammen. Sexualität ist mehr als nur der Körperakt, es prägt deine Einstellung zur Welt, deine Erfahrungen, dein ganzes Leben. Es ist ein dynamisches System. Es starr vermitteln zu wollen, bringt überhaupt nichts.

Aber genau das wird noch viel zu oft getan. Dabei kannst du nicht einer bereits menstruierenden Sechstklässlerin erklären, schau das ist ein Zyklus, hier hast du eine Binde und gut ist. Genausowenig wie du von Sex ausschliesslich als Handlung zwischen Mann und Frau reden kannst, bei der ein Penis in eine Vagina geschoben wird. Das ist weder zeitgemäss, noch entspricht es der Lebensrealität der Schüler*innen. Denn die ist sexualisierter, als viele wahrhaben wollen.

«Die meisten Kinder sind zwischen 9 und 11 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal pornografisches Material sehen.»

Einmal erzählte mir eine Schülerin von einem Video, das sie in einer Whatsapp-Gruppe gesehen hatte. Eine Kollegin sei dabei deutlich beim Sex mit ihrem Freund zu erkennen, mit lautem Stöhnen, aber ohne dieses Gummidingsbums. Dabei sei die doch erst vierzehn! Das hat sie sehr beschäftigt. Ich erklärte ihr, was ein Porno ist und dass sie sich strafbar mache, wenn sie das Video teilt und weiter verbreitet. Dass es mich freue, sei sie damit zu mir gekommen. Und dass sie aus der Gruppe austreten soll, wenn sie sich unwohl fühlt.

Die meisten Kinder sind zwischen 9 und 11 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal pornografisches Material sehen. Gewollt oder ungewollt. Das ist im ersten Moment schockierend, aber es ist die Realität. Hier kann eine ganzheitliche Aufklärung helfen, sich abzugrenzen. Im entscheidenden Moment Nein zu sagen. Oder auch Ja. 

In vielen dritten Klassen wird mit dem Parcours «Mein Körper gehört mir!» gearbeitet, einem Präventionsangebot des Kinderschutzes Schweiz. Ich finde den Inhalt wertvoll, aber bemängle den Zugang: Bevor ein Kind Grenzen setzen kann, muss es erst einmal ein positives Verhältnis zum eigenen Körper aufbauen. Das wird leider selten berücksichtigt. Viele Lehrpersonen würgen explizite Fragen von Kindern ab (als Grund dafür wird oft «es ist noch zu früh, um sich damit auseinanderzusetzen» genannt) und die Unterrichtsmaterialien ignorieren das Thema geradezu. Ein Beispiel: Es gibt diese Aufgabenblätter für die Unterstufe, wo Kinder ihre Körperteile benennen müssen. Kopf, Beine, Arme und so weiter. Die Sexualorgane sind nicht aufgeführt. Als würden sie nicht dazugehören.

Die lustvolle Seite von Sexualität lässt man sowohl in der Unter-, wie auch in der Oberstufe komplett aussen vor. Man fragt die Kinder nicht: Was gefällt dir an deinem Körper, was findest du schön, wo tut es dir gut, berührt zu werden?

Junge Menschen bekommen so suggeriert, dass Sexualität etwas ist, worüber man nicht redet. Etwas, das jede*r für sich im stillen Kämmerchen praktiziert. Wenn diese Haltung erst etabliert ist, wird es später in der Oberstufe schwierig, noch an sie ranzukommen. Da bringt es nichts, eine Fachperson hinzuzuziehen, die dann mit den Jugendlichen zwei Lektionen zusammensitzt und sie ermuntert, Fragen zu stellen. Kein Wunder, will da niemand etwas sagen!

Deshalb plädiere ich für einen sexpositiven Unterricht, der bereits im Kindergartenalter beginnt. Sexualkunde muss ganzheitlich verstanden und vermittelt werden. Lehrpersonen müssen entsprechend ausgebildet werden – was an einigen Pädagogischen Hochschulen bereits der Fall ist, an anderen nicht. Es muss zu einem gemeinsamen Ziel werden, Kinder und Jugendliche in ihrer sexuellen Kompetenz zu stärken. Dafür braucht es sexualpädagogische Konzepte an den Schulstandorten und entsprechende Weiterbildungsangebote. Was der Kanton an Angeboten zur Verfügung stellt, ist gut gemeint. Aber viele Lehrpersonen fühlen sich erschlagen von der Menge und wissen oft gar nicht, wonach sie suchen sollen. 

Es braucht also einen Sinneswandel, auch in der Politik. Es darf nicht sein, dass sexuelle Bildung von der Initiative von einzelnen Lehrpersonen abhängt - das widerspricht dem pädagogischen Konsens von Bildungsgerechtigkeit. 

Als Beraterin für sexuelle Bildung wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der ohne Scham über sexuelle Themen geredet wird. Dafür brauchen wir einen achtsamen, sexpositiven, genderfreundlichen Austausch. Nicht nur untereinander sondern auch und in erster Linie da, wo wir aufs Leben vorbereitet werden: in der Schule.

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