🚀
.

Roher, kalter, geiler Beton

08/02/20, 10:11 PM

Aktualisiert 08/05/20, 07:26 AM

Die Dreirosenbrücke ist, man sollte hier nicht differenzieren müssen, das beste, schönste, allerdemokratischste Bauwerk Basels.

Das war nicht immer so: Vor Baubeginn 1999 wurde die Brücke mit zwei Volksabstimmungen erfolglos bekämpft. Aber heute ist das der Fall. Die Dreirosenbrücke ist so gut, sie überquert nicht den Rhein. Der Rhein fragt jeweils, ob er kurz unten durch kann. Die Dreirosenbrücke ist der urbanste Fleck in diesem gross gewordenen Dorf Basel. Die Dreirosenbrücke ist, wir sollten uns langsam entscheiden, das Wahrzeichen dieser Stadt.

Zeit für eine Liebeserklärung. 

Fangen wir an mit der Behauptung, Basel sei nirgends so urban wie hier. Urbanität im kalten 21. Jahrhundert, was kann das anderes heissen als Beton, roher Beton und ausserdem kein Heckmeck. Keine Geranien, keine Allee, keine Pflanzen oder irgendwelches Aufwertungsgebüsch. Roher, kalter, geiler Beton. Wer die Brücke hinauffährt aus Richtung Kleinbasel, den umhüllt dieses technoide Gefühl einer entwurzelten Moderne wie eine zweite Haut aus Alufolie. Ein Raumfahrer*innengefühl. 

Auf der Dreirosenbrücke wirst du aufs Grellste auf dich selber zurückgeworfen. Sie ist ein Kraftort. 

Vielleicht ist dir das nicht aufgefallen, aber die Dreirosenbrücke ist die einzige Rheinquerung in ganz Basel, die den Horizont aufreisst. Das heisst: Wenn du an einem Brückenkopf stehst, siehst du das andere Ende nicht, denn diese Brücke wölbt sich. Der fantastische Regisseur Wim Wenders, der in seinen Filmen viel mit dem Horizont als Stilmittel arbeitet, sagt, die Grenze zwischen Himmel und Erde helfe ihm, Geschichten zu erzählen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Der Horizont ist immer eine Einladung, er triggert in uns Gedanken an das, was dahinter liegen mag. Auch darum ist dieses Brücke so wertvoll. Sie lässt uns träumen.

Sag mir einen Ort in Basel, der ein ähnliches Gefühl von Freiheit verspricht. Überall sonst: Häuser, Fassaden, Türme. Oder Hügel. Der Gempen, die Chrischona, der Jura. Wer auf dem Marktplatz sitzt, sitzt im Gedankenkäfig. Nirgendwo entgleist der Blick so eindringlich und visionär ins Nichts, wie mit Blick von den Brückenköpfen auf die Dreirosenbrücke. 

Höchst plastische, laserklare Gedanken sind die unausweichliche Folge. Nicht alle können mit dieser Brücke umgehen.

Dieser Blick. Plastische, laserklare Gedanken sind die Folge.

Dieser Blick. Plastische, laserklare Gedanken sind die Folge.

Auf Google Maps haben 334 User*innen die Dreirosenbrücke bewertet. Schnitt: 4.4 von 5 Sternen (drittbester Wert aller Basler Brücken). Christopher Bosch sagt:

Mit Verlaub, aber Christopher Bosch hat keine Ahnung. Auf dieser Brücke kann man Rollschuhe fahren und skaten, man kann auf den Betonbänken sitzen und lesen. Man kann Menschen beobachten und Menschen treffen. Die Brücke lässt einen dabei vollkommen in Frieden. Sie weist nicht wie auf anderen Brücken aufdringlich darauf hin, dass es langsam Zeit wäre weiterzugehen weil man den Pendler*innenstrom stört, wie das die Mittlere Brücke oder die Johanniterbrücke tun. Diese Brücke ist knapp 30 Meter breit, allein der Boulevard für Fussgänger*innen misst 10 Meter Breite.

Wir haben unsere Leser*innen gefragt, was sie mit der Dreirosenbrücke verbinden. Hier sind einige Antworten:

Auch über Instagram erreichen uns Berichte, wonach sich Menschen hier zum ersten Mal geküsst haben. Es ist verständlich.

Auch über Instagram erreichen uns Berichte, wonach sich Menschen hier zum ersten Mal geküsst haben. Es ist verständlich.

Von 1934 bis 2001 stand anstelle der heutigen die alte, erste Dreirosenbrücke. Sie war nur 18 Meter und damit beinahe halb so breit wie die Brücke heute.

Von 1934 bis 2001 stand anstelle der heutigen die alte, erste Dreirosenbrücke. Sie war nur 18 Meter und damit beinahe halb so breit wie die Brücke heute.

Auf der Dreirosebrücke verplempern Menschen ihre Zeit, und zwar alle. Die Hausbesetzer*innen aus der Elsi, die Yuppies aus dem St. Johann. Die Novartis-Angestellten. Die Wassermelonenesser*innen aus dem Kleinbasel und manchmal, wenns ganz inklusiv wird, dann kommen diese jungen, sehr gut aussehenden Erwachsenen in weissen Kleidern (wahrscheinlich aus dem Gellert-Quartier, alle haben Lastenfahrräder von Obst und Gemüse dabei) und stellen Tische auf und legen weisse Tischtücher drauf und machen dann einen auf Candlelight-Dinner. Auch das geht, denn das Tollste ist: 

Die Brücke wird dadurch nicht aufgewertet. 

Auch das ist eine absolut bestechende Eigenart dieser Brücke, sie entzieht sich jeder kommerziellen Verwertbarkeit (auf der A3 im UG herrscht natürlich Autobahnvignettenpflicht).

Wir müssen jetzt über Wahrzeichen und den demokratischen Wert dieser Brücke sprechen. Ich behaupte, es gibt Städte mit horizontalen Wahrzeichen und Städte mit vertikalen Wahrzeichen. Und zu welcher Sorte Stadt eine Stadt gehört, ist absolut ausschlaggebend für die Identität ihrer Bewohner*innen und die Wahrnehmung von aussen.  

Vertikale Städte sind Stressstädte. Ellenbogenstädte. Kapitalistische Turbocities. Das liegt in der Natur dieses Vektors. Er schafft ein Oben und Unten, Aufstieg versprochen, Glasdecke vorhanden. Liftgesellschaft. Nach oben buckeln, nach unten treten. Aufstiegsgesellschaft. Abstiegsgesellschaft. Goldener Fallschirm. Freier Fall. Kometenhafter Aufstieg. Ihr versteht. Beispiele: New York (alles). Paris (Eiffelturm, auch sonst klarer Fall einer vertikalen Stadt). London (Big Ben, ausserdem alles).

Dann gibt es horizontale Citys. Die berühmteste ist San Franscisco. Wahrzeichen: Die Golden Gate Bridge. Und was halten wir von San Francisco? Na, Lümmeln und Kiffen eben. Regenbogenknutschen auf den Verandas viktorianischer Villen. Eine Supercity. Eine warme Stadt. Eine sympathische Stadt. Ausserdem auch toll und früher ein Symbol für ethnische Vielfalt: Mostar mit seiner Stari Most in Bosnien-Herzegowina.

Zurück nach Basel. Diese Stadt steht heute an einer Weggabelung seiner Geschichte. 

Denn die Türme schiessen auch in diesem Sommer wie Pilze aus dem vom globalen Wettbewerb ganz aufgekratzten Stadtboden. Die Menschen wundern sich zu spät, das wird so weitergehen. Aber wir, die Bewohner*innen dieser Stadt, sollten uns zusammenraufen und entscheiden: Was soll in Zukunft unser Wahrzeichen sein, womit identifizieren wir uns? Mit den Rochetürmen, oder einem dieser Hotels, die sich keiner leisten kann? Mit diesen Blickmagneten und Orientierungsdiktatoren, die keine Fragen offen lassen, sondern alles sofort beantworten? 

Oder denken wir mit Basel an eine Brücke? An eine, die keinen Eintritt kostet? An eine, auf der einmal jährlich die wildeste Wasserschlacht der Schweiz zwischen Gross- und Kleinbasel ausgetragen wird und vorbeifahrende Cabriolets aufs Herrlichste in fahrende Aquarien verwandelt werden, blubb blubb? Eine gute-Laune-Brücke?

Diese Frage muss jede*r für sich beantworten. Ich wünsche allen einen hervorragenden Sommer auf der Dreirosenbrücke. 

Facts

Über die Brücke fahren durchschnittlich 21’323 Motorfahrzeuge am Tag (Tagesschnitt Mo-So, 2018). Die Brücke wurde 2004 eröffnet, und sie ist die erste doppelstöckige Verkehrsbrücke der Schweiz. Sie wiegt viel und ist 226 Meter lang. Im Basler Brückenquartett sticht sie alle anderen Brücken aus. Wegen optimaler Mischrechnung aus Nutzen und Style. 

ps: Ob die Wasserschlacht dieses Jahr stattfindet, ist noch offen.

pps: Zum Schluss laden wir dich ein zum Leser*innen(gegen)check. Die hier als unumstössliche Wahrheit verkaufte Behauptung, die Dreirosenbrücke sei die beste von allen: Stimmt das so für dich?