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«So lebt es doch endlich!»

Nora Bertschi, die grüne Hoffnung

Ihr Rucksack ist für eine knapp 35-Jährige prall gefüllt – und er wird voller: Heute Montag fängt Nora Bertschi als Co-Generalsekretärin bei Beat Jans im Präsidialdepartement an. Zudem wird sie als nächste grüne Regierungsratskandidatin für Basel-Stadt gehandelt. Wer ist diese Frau?

05/03/21, 04:00 AM

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Lässt sich nur bedingt in die Karten schauen: die Grüne Nora Bertschi.

Lässt sich nur bedingt in die Karten schauen: die Grüne Nora Bertschi. (Foto: Roland Schmid)

Sie ist grün, politisch erfahren, jung, gut ausgebildet. Und so etwas wie die beste Hoffnung der Basler Grünen für die Regierungswahlen in vier Jahren. Nach dem schlechten Ergebnis der Grünen Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann beim ersten Wahlgang vergangenes Jahr hoffte so manche*r aus dem linken Lager, Nora Bertschi würde die Probleme der Grünen lösen (fehlende Strategie, fehlendes Personal). 

Bertschi war aber gerade im Mutterschaftsurlaub und winkte ab. Sie schliesse nicht aus, nächstes Mal anzutreten, sagte sie. Inzwischen sagt sie, sie könne sich eine Kandidatur «irgendwann» vorstellen.

Wer weiss, ob die Regierung heute eine andere wäre, hätte Nora Bertschi anstelle von Heidi Mück 2020 kandidiert? Die Basta-Frau sprang ein, weil die Grünen keine geeignete Frau hatten. Doch Mück war vielen Wählenden zu links, zu extrem. Eine Nora Bertschi hätte da besser gepasst.

Dezidiert grün zwar, aber das ist es ja, was Basel will. Warum sonst hätte die Partei Sitze gewinnen sollen im Grossen Rat? Warum sonst hingen immer noch «Klimawahl 2020»-Fahnen an vielen Fassaden?

«Ich wünschte mir, dass wir nicht mehr darüber sprechen müssten, dass ich Kinder habe und Karriere mache.»

Gerade im Neubad, wo Bertschi mit ihrer Familie lebt, sind die Fahnen zahlreich. Ein Quartier, das mal als bürgerlich galt, ja konservativ. Aber das Klima beschäftigt längst nicht mehr nur in alternativen Gegenden. Passend, dass Beat Jans (SP) für sein Generalsekretariat nebst dem Genossen Sebastian Kölliker Nora Bertschi geholt hat. Kölliker ist ein Mann der Kultur, Bertschi kämpft für die «Klimastadt» und mehr Solarstrom. «Wenn es nach mir ginge, würden Autos nicht mehr so viel Platz einnehmen – nicht nur wegen des CO2, auch wegen des Raumes selber.»

Nora Bertschi, ihr Name fiel in den vergangenen Monaten oft, aber – was für ein Mensch steckt hinter diesem Namen? «Ich bin eine junge oder mittelalterliche Frau», sagt sie über sich selbst, «in Möhlin aufgewachsen und nach der Matur nach Basel gezogen. Ich habe grosses Interesse an der Politik und am Geschehen dieser Stadt. In den letzten Jahren habe ich mich auch beruflich damit beschäftigt. Die Schnittstelle zwischen Politik und dem rechtlich Möglichen fasziniert mich – neben den Menschen selbst.»

Eine Woche am Strand? Niemals!

Als sie von 2013 bis 2017 im Grossen Rat sass, reichte Nora Bertschi verhältnismässig viele Vorstösse ein. Ihre Kernthemen waren Gleichstellung, Umweltschutz, nachhaltige Ernährung und Sozialpolitik. Bei den Wahlen 2016 erzielte sie das für ihr Bündnis beste Resultat ihres Wahlkreises, trat jedoch zurück. «Ich habe mich für meine berufliche Karriere entschieden», sagt sie. Nach ein paar Jahren bei der KESB war sie bis zuletzt stellvertretende Leiterin des Amtes für Sozialbeiträge. 

Sie ist Juristin und Soziologin und hat eine Doktorarbeit über Leihmutterschaften geschrieben. Das Thema vereint alles, wofür sie sich interessiert: Nora Bertschi kämpft – für eine Grüne eher ungewöhnlich – für eine liberalere Gesellschaft. «Ich setze mich dafür ein, dass verschiedene Lebensformen möglich werden, das Thema Leihmutterschaft passte da hinein.»

Als Generalsekretärin wird sie im Dienste ihres Chefs Beat Jans agieren. Allerdings hat dieser Bertschi und Kölliker gerade deshalb geholt, weil sie politisch auf seiner Linie sind. Das brachte Jans viel Kritik von bürgerlicher Seite ein.

SVP-Grossrat Pascal Messerli kritisierte in einem Vorstoss die Doppelbesetzung und fragte: «Verkommt das Generalsekretariat des Präsidialdepartements zum Politbüro?» Jans verneinte. Ein «Gschmäggli» bleibt für die Kritiker*innen trotzdem. 

«Je mehr läuft, desto ruhiger werde ich.»

«Wir haben mit dieser Reaktion gerechnet», sagt Bertschi. Obwohl eigentlich klar gewesen sei, dass Jans für diesen Job Vertraute hole. Sie freut sich auf die Aufgabe, weil sie «das Dynamische» liebt, sie könne nicht Nichts tun. Eine Woche am Strand? Niemals! «Je mehr läuft, desto ruhiger werde ich.» Das trifft sich gut – ruhig ist es bei ihr wohl nie: Nora Bertschi und ihr Freund haben vier Kinder zwischen eins und sechs Jahren.

Doch eigentlich mag sie nicht darüber reden: «Ich wünschte mir, dass die Gleichstellung erreicht wäre und wir nicht mehr darüber sprechen müssten, dass ich Kinder habe und Karriere mache. Am liebsten würde ich sagen: So lebt es doch endlich!» Ja, sie bringe Kinder und Karriere unter einen Hut. Und nein, ein Vorbild für andere Frauen wolle sie nicht sein. «Es liegt mir fern, anderen zu sagen, wie sie leben sollen.» Sie lebe so, wie es ihr passt.

Ein offenes Haus habe sie, eine Freundin lebe bei ihnen, sie seien keine typisch kleinbürgerliche Familie. «Ich möchte nicht nur mit Eltern verkehren und über Kinder sprechen, sondern mit allen möglichen Leuten über alles Mögliche diskutieren.» Thema beendet. «Die Öffentlichkeit weiss ja auch nicht alles über die Familienverhältnisse von SP-Regierungsrat Kaspar Sutter, oder?»

«Auch wenn es anders aussieht: Ich plane meine Karriere nicht voraus.»

Stimmt. Aber gute Überleitung. Sutter war Generalsekretär und sitzt jetzt in der Regierung. Will Bertschi das auch: Wird sie in vier Jahren versuchen, den verlorenen Regierungssitz der Grünen zurückzuholen? 

Sie könne das jetzt noch nicht sagen, sagt Bertschi: «Auch wenn es anders aussieht: Ich plane meine Karriere nicht voraus.» Die Sporen hat sie sich nicht nur im Grossen Rat abverdient, sondern auch in der Geschäftsleitung der Grünen. Ausserdem hat sie eine Management-Ausbildung gemacht.

Sie denkt nie laut

Nora Bertschi ist keine, die irgendetwas daher sagt. Es wirkt eher so, als überlege sie sich jede Antwort genau. Sie denkt nie laut. Das gilt auch für ihre Arbeit, wie Partei- und Studienkollegin Michelle Lachenmeier bereits 2013 in der «bz» sagte. Nora Bertschi reiche keine Vorstösse ins Blaue hinaus ein, sondern recherchiere das Thema vorher genau.

Der gleichaltrige FDP-Grossrat Luca Urgese erinnert sich: «Ich habe sie als eher zurückhaltend, aber in ihren Themen interessiert und kompetent erlebt.» Er habe bedauert, dass sie den Rat für die Verwaltungskarriere verlassen habe.

Wie so oft bei Grünen geht es auch bei Nora Bertschi schnell ums Auto, wenn Verbesserungsvorschläge gewünscht sind. Ist das wirklich das einzige Problem? «Natürlich nicht. Wichtig ist mir etwa auch nachhaltige Ernährung. Aber ich muss gestehen: Beim Einkaufen bin ich überfordert.» Woher kommen die Produkte, reicht es, wenn ein Nachhaltigkeitslabel angebracht ist? Was ist mit dem Curry beim Thai?

Nora Bertschi ist Flexitarierin, sie isst Fleisch, aber selten. «Bei meinen Eltern gibt es meistens Fleisch und das esse ich gern, zu Hause kochen wir kaum welches.» Als Grossrätin forderte sie, die Stadtgärtnerei solle manche Beete für Gemüse nutzen. Der Vorschlag kam nicht durch. Ein Anzug zu Bio-Klappen ist hängig – unterschrieben ist er auch von Bürgerlichen.

Das Spannungsfeld zwischen links und rechts wird sie in ihrem neuen Job täglich zu spüren bekommen. Übung hat sie: Die Politiker*innensicht ist ihr genauso vertraut wie die der Verwaltung. Die ideale Ausgangslage für eine Regierungskandidatur? Wir werden sehen.

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