Eine Ersatzwahl zum falschen Zeitpunkt?
Landrat Isaac Reber hat seine Partei mit seinem Rücktritt überrascht. Manche zweifeln, ob die Chancen aktuell gut stehen, um den grünen Regierungssitz im Baselbiet zu halten – oder ob man besser bis zu den Gesamterneuerungswahlen 2027 gewartet hätte.
Auf den Punkt:
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Es war erst die dritte Sitzung des Landrats mit dem neuen FDP-Regierungsrat und Monica-Gschwind-Ersatz Markus Eigenmann, als Isaac Reber seinen eigenen Rücktritt ankündigte – knapp zwei Monate nach der letzten Ersatzwahl und rund ein Jahr vor der Gesamterneuerungswahl 2027. Aus der Bau- und Umweltschutzdirektion, der Reber vorsteht, heisst es: «Die Entscheidung über den genauen Rücktrittstermin obliegt selbstverständlich jedem Regierungsrat individuell.»
Bei Rebers Partei, den Grünen, wusste man auch nur einige Tage im Vorfeld, dass Reber zurücktreten wird, wie Parteimitglieder Bajour bestätigen. Der eigentliche Plan wäre gewesen, dass Reber die Legislatur fertig macht – dafür machten sich die Grünen im Hintergrund parat. Dass ihr Regierungsrat von diesem Plan abweicht und doch früher zurücktritt, kam also für viele überraschend. Und irritierte einige. Denn die Chance, die aussichtsreichste Kandidatur für den grünen Sitzerhalt in die Pole Position zu bringen, war bereits verstrichen.
«Ich habe die Weichen auf Bern gestellt – vor einem Jahr sah das noch anders aus.»Florence Brenzikofer, Nationalrätin Grüne BL
Nationalrätin Florence Brenzikofer hatte sich im Sommer 2025, als der Regierungssitz von Monica Gschwind frei wurde, ernsthaft eine Kandidatur überlegt. Weil sich damals aber die GLP die Unterstützung der SP für ihre Regierungskandidatur sicherte, mussten die Grünen sich einer breit abgestützten Mitte-links-Kandidatur anschliessen, um den FDP-Sitz ins Wanken zu bringen.
Für die aktuelle Vakanz steht Brenzikofer aber nicht zur Verfügung: «Ich habe die Weichen auf Bern gestellt, als Präsidentin des Tarifverbunds Nordwestschweiz (TNW) habe ich auch ein neues Mandat angenommen – vor einem Jahr sah das noch anders aus.» Gerade in der linken Bündnispartnerin SP ist man gemäss bz mit dieser Ausgangslage unzufrieden: Brenzikofer wäre die Wunschkandidatin gewesen. Sie betont aber auch, dass Rebers Entschluss zum Rücktritt jederzeit respektiert werde, nicht nur, wenn es für die Partei gerade am besten passe. Das unterstreichen auch die anderen Parteimitglieder, mit denen Bajour spricht.
«Wenn wir den Sitz verteidigen können, war es ein guter Zeitpunkt für den Rücktritt – wenn nicht, dann nicht.»Stephan Ackermann, Fraktionspräsident Grüne BL
Dennoch gibt es auch kritische Zwischentöne: «Wenn wir den Sitz verteidigen können, war es ein guter Zeitpunkt für den Rücktritt – wenn nicht, dann nicht», sagt Stephan Ackermann. Der Fraktionspräsident der Grünen ist einer von drei Kandidat*innen, die sich als Rebers Nachfolger*in zur Verfügung stellen wollen. Er glaubt, dass ein Doppelrücktritt mit Monica Gschwind im vergangenen Jahr für einen grünen Sitzerhalt die sicherere Bank gewesen wäre: «Dann wären ein grüner und ein bürgerlicher Sitz frei gewesen. Wahrscheinlich hätte es auch keinen zweiten Wahlgang gebraucht.»
Die Einzelvakanz macht die Sitzverteidigung auch nicht einfacher als bei den Gesamterneuerungswahlen, findet Ackermann: «Dort hat man wenigstens fünf Linien.» Er versteht auch, dass es aus Sicht der Wähler*innen «nicht erfreulich» ist, wenn eine Legislaturperiode «fast schon nonstop» Regierungsratswahlkampf ist. «Aber auch aus Sicht der Parteien ist das schwierig: Die Finanzen bei uns Grünen sind nicht riesig, wenn wir nächstes Jahr nochmal Gesamterneuerungswahlen und nationale Wahlen finanzieren müssen.»
Doch die Ausgangslage ist jetzt nun mal so, wie sie ist – und die Grünen machen nicht den Eindruck, dass sie Rebers Rücktritt auf dem falschen Fuss erwischt hat. Der Prattler Philipp Schoch stellte sich noch am Tag der Rücktrittsankündigung via Onlinereports zur Verfügung. Der frühere Parteipräsident kann sich auf die Fahne schreiben, schon mal das Unmögliche möglich gemacht zu haben: 2011 koordinierte er Rebers Wahlkampf und die Grünen konnten der SVP einen Regierungssitz abluchsen.
Der heutige Prattler Gemeinderat will es nun also richten, diesen Sitz gegen einen voraussichtlichen SVP-Angriff zu verteidigen. Seine Website ist bereits auf Staatsmännigkeit getrimmt, auf Instagram veröffentlicht er Reels zu den nationalen Abstimmungen – der Wahlkampf läuft für ihn längst.
Medial ist Schoch der Favorit unter den drei Kandidat*innen für die Nominierung. Doch letztes Jahr hat gezeigt: Die Basis kann auch anders entscheiden, als die Medien im Vorfeld werweissen – bei der FDP wurde anstatt Daniel Spinnler oder Nadine Jermann Markus Eigenmann nominiert, bei der SVP war es Caroline Mall statt Matthias Liechti.
«Weil der Rücktritt so plötzlich kam, musste ich einen Sprint für den Wahlkampf hinlegen.»Andrea Sulzer, Gemeindepräsidentin Waldenburg (Grüne)
Und bei den Grünen ist es nun Andrea Sulzer, die für Überraschungen bei der Nominierungsveranstaltung am Donnerstagabend sorgen könnte. Auf der Ebene der Kantonalpolitik ist die Gemeindepräsidentin von Waldenburg im Vergleich zu Schoch und Ackermann, die Teile des Parteiestablishments sind, noch ein Greenhorn. Aber sie ist eine Frau – und die einzige Kandidatin aus dem Oberbaselbiet, einer Region, die derzeit nur mit Reber in der Regierung vertreten ist.
Identitätspolitik ist gerade bei linken Parteien (es ist nicht nur die Grünen Basis, auch die SP muss die Kandidatur unterstützen) nicht unwichtig. Im Baselbiet ist – nach Gschwinds Rücktritt und Eigenmanns Wahl – mit Kathrin Schweizer (SP) nur noch eine Frau in der Regierung vertreten. Und historisch gesehen ist sie erst die vierte Frau in der Baselbieter Exekutive. Sulzer will sich allerdings nicht auf diese Identitätsmerkmale beschränken lassen: «Ich will Schwerpunkte auf Lebensqualität, Enkeltauglichkeit – also zukunftsgerichtete Klimapolitik – und die Entwicklung der Randregionen setzen. Als dynamische Person glaube ich, dass ich ein Feuer für grüne Werte entfachen kann.»
Sie ist erst seit wenigen Jahren in der Politik, doch zumindest in der maroden Gemeinde Waldenburg hat sie als Finanzvorsteherin und dann Gemeindepräsidentin einiges umkrempeln können. Immer wieder habe es aus der Bevölkerung geheissen, dass man sie sich auch auf höherer Ebene vorstellen könnte, erzählt sie. Mit Rebers Rücktritt gab sich Sulzer den Ruck, eine Kandidatur zu wagen: «Weil der Rücktritt so plötzlich kam, musste ich einen Sprint hinlegen. Eigentlich hatte ich zwei Wochen Ferien geplant, aber ich habe stattdessen ein Wahlkampf-Konzept und einen Kommunikationsplan ausgearbeitet.»
Am Donnerstagabend wird die grüne Parteibasis eine Entscheidung treffen, welches Gesicht sie im Wahlkampf vertreten soll. Die SVP, die erst Ende März eine Entscheidung treffen wird, wird diese Wahl genau beobachten.