Bullwinkels Blickwinkel

Waggis international

Die Fasnachts-Integration ist quasi die Kirsche auf der migrantischen Zugehörigkeitstorte. Chefredaktorin Ina Bullwinkel denkt über ein Ausländer-Schyssdräggziigli nach. Vorwärts, Marsch!

Waggis Fasnacht 2025
(Bild: Dominik Asche)

Die drey scheenschte Dääg, kurz durchschnaufen, den Alltag hinter sich lassen. Wobei der Ernst des Lebens und der Welt nicht komplett ausgeblendet werden, die Fasnacht ist schliesslich im Grunde eine seriöse, wenn nicht höchstpolitische Veranstaltung. Das zeigt die Geschichte der Fasnacht, die immer wieder von der Obrigkeit verboten wurde. Ohne Erfolg. Die Basler*innen widersetzten sich.

Bis heute werden die drei Tage genutzt, um der Regierung, anderen Mächtigen und der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. An Kritik wird nicht gespart, sei es auf Laternen, Zeedeln oder Helgen. Wenn man so will, ist die Fasnacht die grösste Demo Basels. Das Volk geht auf die Strasse und macht mehr oder weniger, was es will, beziehungsweise das, was es sich über die letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte durch Protest und Aufmüpfigkeit erobert hat. Diesen vereinenden Geist der Basler Gesellschaft merkt man den drei Tagen bis heute an. Die Fasnacht hat in ihrem Kern etwas sehr Demokratisches.

Heute gibt es Meinungs- und Narrenfreiheit, wenn Trump oder Putin unvorteilhaft auf Laternen dargestellt oder im Värs auseinander genommen werden – zum Glück.

So frei waren die Fasnächtler*innen nicht immer. Nachdem in Deutschland 1933 die Nazis die Macht ergriffen hatten und Adolf Hitler und seine Schergen in Sujets und Kostümen durch den Kakao gezogen wurden, brütete der Basler Polizeidirektor ein Jahr später über der Absage der Fasnacht, um Spannungen mit dem deutschen Diktator zu vermeiden. Das Comité liess sich das nicht gefallen, die Fasnacht fand statt. Zensur gab es jedoch. Eine Laterne, die Hitler und Mussolini zeigte, musste zum Beispiel 1939 übermalt werden.

Heute gibt es Meinungs- und Narrenfreiheit, wenn Trump oder Putin unvorteilhaft auf Laternen dargestellt oder im Värs auseinander genommen werden – zum Glück. Auch die Nachbar*innen aus Deutschland nimmt man noch immer gern aufs Korn, mindestens genauso gern wie Zürcher*innen. Dieser ausgrenzende Humor kann auch etwas Ermüdendes haben, aber solange rassistische Entgleisungen in der Schublade bleiben, lass ich, die Norddeutsche, mich ganz gern als «Schwoob» verunglimpfen. Die Abgrenzung zum grossen Kanton ist tief verwurzelt im Brauchtum.

Ganz sicher sind es viele mit ausländischen Wurzeln, die heute an der Fasnacht pfeifen, trommeln und gässlen und die Traditionen der drei Tage am Leben erhalten.

Aber: Bei aller Narrenfreiheit ist mir bewusst, dass eine aktive Teilnahme an der Fasnacht ohne Basler Dialekt (und trotz 50 Lektionen Baseldytsch mit Ina) immer noch als heikel gilt. Die Fasnacht zeigt Zugewanderten auch, wo die Grenzen ihrer Integration liegen. Ganz so weltoffen ist die Basler Fasnachtsgesellschaft eben nicht. Ich frage mich, die sich an den meisten der 365 Tage mitten in Basel angekommen fühlt, wie viele Secondos wohl inzwischen zum harten Kern der Cliquen gehören?

Die «Fasnachts-Integration» ist ein schmaler Grat für uns Zugereiste. Ganz sicher sind es viele mit ausländischen Wurzeln, die heute an der Fasnacht pfeifen, trommeln und gässlen und die Traditionen der drei Tage am Leben erhalten. Es ist schön, so die Wertschätzung der neuen Heimat zu zeigen. Trotzdem gibt es einerseits einen gewissen Druck, Teil des Spektakels zu sein, so quasi als Kirsche auf der Integrationstorte, und andererseits, ja niemandem als Auswärtige auf den Fasnachtsschlips zu treten.

Aber eben, keine erfolgreiche Integration ohne sorgfältige Taktik. Mein Plan ist schon seit mehreren Jahren, ein «Ausländer»-Schyssdräggziigli ins Leben zu rufen. Quasi «Waggis international» – weit über das Elsass hinaus. So würde man die Tradition ehren und trotzdem seine Wurzeln nicht unsichtbar machen in der bunten Masse. Ganz im Sinne des vereinenden Fasnachtsgeists: Den Nicht-Stimmberechtigten eine Stimme geben. Gegen die da oben. Und sei es nur für einen Tag.

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Kommentare

ABC
22. Februar 2026 um 17:52

Verschiedene Definitionen

Man kann Meinungsfreiheit auch so definieren, dass die Meinung dann frei ist, wenn man das meint, was die Allgemeinheit vertritt und meint. Besser oder ergänzend wäre es, von der Freiheit der Kritik und der kritischen Rede zu sprechen. Kritik erkennt man am Widerstand der Realität (gegen die Kritik). Und eine solche Definition, Freiheit der Kritik als Meinungsfreiheit, entspricht nicht unbedingt der eingangs in diesem Kommentar definierten Meinungsfreiheit. Ohne Kritik gibt es keine Gewaltenteilung, sie ist das Grundparadigma unseres Systems, woraus sich alles andere ableitet.