Die grosse Dandy-Show zu Beverly Holz

Auf dem Bruderholz geht während der Art Basel Aussergewöhnliches vor sich. Ein Streifzug.

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Hier wird Geschichte fortgeschrieben. (Quelle: Daniel Faulhaber)

Während des Höhepunkts dieses aussergewöhnlichen Ausritts auf eine Art-Basel-Wolke fernab der üblichen Leitplanken, zuckten vier athletische Körper in einem türkisen Pool. Vier Synchronschwimmerinnen recken dort unten ihre Beine in die Luft. Und oben, am Poolrand nämlich, halten schön angezogene Kunstmessenbesucher*innen ihre Handys in die Luft und hauchten entzückte Kommentare in den Frühsommerabend. 

Amazing!

Look at that!

Auf dem Bruderholz ging während der Art Basel eine für übliche Messe-Massstäbe aussergewöhnliche Sache über die Bühne. Vier gut vernetzte Persönlichkeiten hatten nämlich in Eigenregie eine leerstehende Villa an der Bruderholzallee 195 in eine Art Club-House verwandelt. Ihr Name: Basel Social Club. Ihre Mission: Zu bezaubern. Fehlt noch ein Name. 

Beverly Holz. Dies ist das Protokoll einer Begehung. Man sollte in Ausnahmefällen wie diesen nicht mit Sachlichkeit langweilen.

Eintritt in den Garten. Der Sicherheitsmann will kurz in den Rucksack schauen zu weiss Gott welchem Zweck. Werden Räuber*innen erwartet? Streifblick durch den Garten. Da ist der Pool. Eine Frau in kurzen Hosen fischt mit einem Sieb in der Hand heruntergefallenes Laub aus dem Wasser. Am Boden des Pools kann man, bedrohlich schimmernd, eine Versuchung erahnen. 

Dort liegt Geld. 500 Franken, um genau zu sein, aufgestückelt in goldene Fünfrappenstücke. 

Wer an diese Kunst ran will, muss abtauchen. 

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    Die Drinks haben Namen wie die Kinder von Angelina Jolie.

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    Gerade erst angekommen: Micha und Debbie.

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    Wer an diese Kunst ran will, muss abtauchen. Ein Werk von Jeremy Deller.

Am Pool sitzen Menschen. Da stürmt aus der Veranda des Hauses plötzlich ein schöner Mann heraus und wirft sich in hohem Bogen bäuchlings ins Wasser. Kreischende Freude am Ufer, ein paar sehr hübsche Kleider, Preiskategorie unbekannt, werden nass. Ein Handy auch. Nicht so schlimm, sagt die Frau am Handy, wirklich, es sei gar nichts passiert und das Kleid trockne schnell. 

Debbie und Micha sind erst gerade angekommen und gönnen sich einen Drink. Die Beine baumeln im Wasser. «Das ist doch die allerbeste Art und Weise, mit Kunst in Berührung zu kommen» sagt Micha. In so einem Haus, das ja im Prinzip nicht als Galerie gemacht sei. Debbie sagt: «Für mich ist das die perfekte Hommage an das, was Kunst am besten kann. Menschen zusammenbringen.» 

Dann redet sie über das Licht, das schräg über den Büschen in den Garten hineinfällt. Wie auf den Fotografien von Terry Richardson, findet Debbie. Der hat auch solche Szenen fotografiert. 

Partys. Szenen einer sich anbahnenden Extase. 

Die Drinks an der Bar haben Namen wie Kinder von Angelina Jolie. Bellini. Giselle Spritz. Rose. Die Karte ist mit Kreide auf den Holztresen gemalt. Auch andere Dinge wurden erst in letzter Minute fertig, erzählt der Kunstvermittler Jean-Claude Freymond-Guth, einer der Initianten dieser Angelegenheit. Eigentlich sei dieses ganze schillernde Experiment eine einzige Hauruck-Übung gewesen. Im März aufgeploppt, als Idee in Anlehnung an andere Kunst-Clubs ins London oder New York. 

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Haben den Basel Social Club auf die Beine gestellt: Der Basler Galerist Dominik Müller, der Kunstvermittler Jean-Claude Freymond-Guth, der Pariser Galerist Robbie Fitzpatrick und die Künstlerin Hannah Weinberger (von links nach rechts). (Quelle: Daniel Faulhaber)

Im Juni, während der Art Basel, wurde der Ort dann eröffnet. Ein neues Versprechen im routiniert vollgepackten Eventkalender rund im die Kunstmesse. 

Klar musste alles schnell gehen. Die Villa gehört einem Bruder der Macher*innen. Steht seit fünf Jahren leer, aber war trotzdem nie besetzt. Kostet darum keine Miete. Soll abgerissen werden, im nächsten Jahr dann. So erzählt das Freymond-Guth. Das Gründer*innenteam und sind bestens vernetzt mit Galerist*innen, die wiederum interessante Künstler*innen im Portfolio haben und so kam in windeseile ein «spannendes Programm» zusammen, das perfekt auf diesen Ort abgestimmt sei. 

Dieser Ort. Beverly Holz. 

Die Villa, Baujahr irgendwann in den 1930er-Jahren, steht da wie durch das Kaleidoskop eines geschmackstauben Innenarchitekten gedreht. Unsinn. Niemand baut sowas am Stück. Vielmehr haben sich die Stile der 50er, 70er, 80er wie Sedimente der Gezeiten in diesem Haus abgelagert. Irre, was hier abgeht. 

Es hat Badezimmer, gekachelt in smaragtgrünen Fliesen, daneben grelle Salons, eingekleidet in campy Tapeten. Hat hier ein Sonnenkönig gewohnt? Da! Fingerdicke Spannteppiche in DDR-Optik, brutal kombiniert mit zinnoberroten Vorlegern direkt nebenan. Man will vor Begeisterung ein paar Möbel ablecken – geht natürlich nicht, es wäre unschicklich. Da stehen zwei Flipperkasten. Eine Dartscheibe blubbert elektronische Töne. Eine Bar schenkt Gin aus. Überall schickes Design, Leihgaben einer Brockenstube. 

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    Blick in die Villa, bevor die Kunst Einzug hielt.

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    Bilder aus der Villa, nachdem die Kunst Einzug hielt.

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Ein Paar, entspannt, dabei nicht nachlässig gekleidet, kriegt gerade eine Führung durchs Haus. Der Pariser Galerist Robbie Fitzpatrick erzählt, dass nicht weniger als 50 Galerien anwesend seien. Darunter Hot Shots wie Karma International oder das Modern Institute, aber das sei ja im Prinzip gar nicht Entscheidend. Das Grossartige sei, dass hier der Ruhm und die Hoffnung zusammenkommen und sich niemand zu schade sei, eine Grösse wie Dadamaino neben einer lokalen Nachwuchshoffnung wie Marilola Wili auszustellen. 

«Das ist das Herz dieser Idee eines Clubs wie diesem. Dass sich Kenner*innen und Neugierige in einer ungewöhnlichen Umgebung treffen und dazwischen eine neue Energie entsteht», sagt Fitzpatrick. 

«Amazing», sagt sie. Dann schreibt das Paar «haben es sehr genossen, Grüsse aus London» in ein herumliegendes Gästebuch hinein. Auf viele Seiten dieses Buches sind bereits Visitenkarten getackert. Man will dabeigewesen sein.

Je länger man durch diese Villa streicht, desto tiefer nimmt die Great-Gatsby-Haftigkeit dieses Ortes von einem Besitz. 

Im Treppenhaus hängen verstrahlte Techno-Fotografien von Models auf Rennmaschinen. Ein Werk von Sagg Napoli, «get the Balance right». 

Im Keller läuft ein Video, das zeigt, wie ein bärenstarker grosser Mann und ein kleiner Mann in eine Art kämpferisches Liebesspiel verstrickt sind. 

In einem stockdunklen Zimmer unter dem Dach hängt eine Lampe, fein austariert wie ein Mobile, deren Leuchtelemente in der Finsternis hypnotische Halos verursacht. 

Jedes Zimmer, jedes Kunstwerk bildet seinen eigenen kleinen Kraftkreis. Und je länger man durch die Salons und Bäder, Balkone, Hausgänge und Treppenhäuser streicht, desto tiefer nimmt die Great-Gatsby-Haftigkeit dieses Ortes von einem Besitz. 

Das Restaurant im zweiten Stock, Peng Dumplings hat sich hier eingemietet, ist während der ganzen Woche komplett ausgebucht. Teile der Art-Szene pilgern später noch her zum Dinée. 

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Blick auf den Wachmann aus dem Fenster. Werden hier etwa Räuber*innen erwartet? (Quelle: Daniel Faulhaber)

Kurzer Blick aus dem Fenster, ob da jemand ist, der das alles in Frage stellt? 

Aber nein, von hier oben ist kein Widerstand erkennbar. Eine Gruppe junger Kunststudent*innen, gemessen am Style wären sie von allen Gästen noch am wahrscheinlichsten der Scheiss-auf-den-Elitarismus-Aktionsfront zuzuordnen, strecken gerade die Waffen am Pool. 

Subversion, sagt Jean-Claude Freymond-Guth, liegt in seinen Augen nicht zwingend im Dagegensein. Was das überhaupt soll, diese reflexhafte Erwartung, dass etwas subversiv zu sein hat, nur weil es neu sei und do-it-yourself. 

«Das ist doch die eigentlich konservative Haltung», sagt Freymond-Guth in einer fantastischen Umkehrung einschlägiger Annahmen: «Dass es immer anti sein muss, nur weil es neu ist.» 

Die Sache hier oben sei auf jeden Fall nie als Gegenveranstaltung zur Art Basel und ihrer Nebenmessen geplant gewesen. Man stehe auf gutem Fuss mit den übrigen Veranstalter*innen und habe sich frühzeitig bei allen vorgestellt. Niemand hat die Absicht, zu provozieren. Der Basel Social Club sei im übrigen auch nicht egoistisch im Quartier eingefahren wie ein Ufo mit Lärmemission und Partystress. Alle Nachbar*innen sind informiert und eingeladen, dabei zu sein. Um 22 Uhr ist immer Schluss. 

Und dann biegt der Abend sanft in die Stimmung ein, die hier erwünscht und mit zielstrebiger Professionalität auch herbeigeführt wird. Synchronschwimmerinnen im Pool, fantastische Idee! Hat nicht Jean Tinguely 1977 zur Eröffnung des Tinguely Brunnes auf dem Theaterplatz ein Wasserballett aufgeboten? Hat er! Hier wird Geschichte fortgeschrieben. 

Die Tänzerinnen sind alle genau gleich gross und haben zur Wassereintrittsvermeidung hautfarbene Klammern auf der Nase. Das Publikum postiert sich längsseits des Pools. Aus den Lautsprechern ertönt rhythmischer Sprechgesang. 

Für die folgenden sieben oder acht Minuten schauen dann all diese schönen und schön gekleideten und sich per Zufall oder Insiderkenntnis hier eingefundenen Menschen auf die Athlet*innen in diesem Pool hinab. Entzückte Rufe begleiten die Show. Man muss davon ausgehen, dass unter den Füssen dieser achtbeinigen Powershow das Geld am Grund des Pools ganz schön durcheinandergerät. Aber daran denkt in dem Augenblick niemand.

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