Iraner in Basel

«Im Iran lernt man, sich selbst zu zensieren»

Der iranische Filmemacher Mojtaba Zarghampour studiert in Basel and der HGK. In seiner Heimat können kritische Filme Gefängnis bedeuten. Im Interview spricht er über Hoffnung trotz Bombardierungen und den Wunsch vieler junger Menschen nach einem normalen Leben.

Moji
Mojtaba Zarghampour kennt wie viele Iraner*innen seiner Generation kein anderes Leben im Iran als das unter dem aktuellen Regime. (Bild: zVg)

Sie leben seit einigen Jahren hier in Basel, sind aber im Iran geboren und aufgewachsen. Was hat Sie nach Basel geführt?

Das Filmemachen. Ich habe schon als Kind damit angefangen. Professionell wurde es, als ich 2016 meinen ersten Kurzfilm gemacht habe. Seitdem arbeite ich als Filmemacher – immer zusammen mit meinem Freund Mahdi Hosseingholi. Als wir noch im Iran waren, hatten wir mit viel Unterdrückung, Zensur und verschiedenen Einschränkungen zu tun. Deshalb hatten wir immer die Idee, das Land zu verlassen und irgendwo anders hinzugehen.

Wie kam es dann dazu?

Etwa 2023, während der Bewegung «Frau, Leben, Freiheit» hatten wir die Möglichkeit, einen unserer Filme in Basel zu zeigen. Es gab ein spezielles Programm im Stadtkino mit Fokus auf iranische Filme, die sich mit den aktuellen Ereignissen beschäftigten. Ein Professor der HGK war bei der Vorführung. Ihm gefiel der Film sehr gut. Deshalb nahm er Kontakt mit uns auf und bot uns die Möglichkeit, an der Fachhochschule zu studieren. 

War es eine schwierige Entscheidung, den Iran zu verlassen?

Ja, es war schwierig, denn unsere Familien sind alle noch im Iran, ebenso unsere Freund*innen. Wir hatten hier niemanden, der uns wirklich nahestand. Ich bin Einzelkind. Die Verantwortung für meine Eltern liegt also auch bei mir. Deshalb war es wirklich eine schwierige Entscheidung.

Und wie denken Sie heute darüber?

Bisher bin ich froh über diese Entscheidung. Wenn unser Land eines Tages die Freiheit bekommt, die wir uns wünschen, würden wir vielleicht sogar zurückgehen.

Am 28. Februar starteten die USA und Israel Angriffe auf den Iran. Wie geht es Ihnen in der aktuellen Situation?

Als Iraner – besonders jetzt, während dieses Kriegs – habe ich gemischte Gefühle. Um das zu verstehen, muss ich etwas ausholen. Wir – das iranische Volk – kämpfen seit mindestens 30 Jahren für Freiheit. Nach dem Ende des Kriegs zwischen Iran und Irak begannen verschiedene politische Bewegungen im Land. Am Anfang wollten wir keine Revolution, wir wollten Reformen. Wir wollten das System verbessern. Aber das iranische Regime ist nicht bereit, Veränderungen zuzulassen.

Was hat sich dann verändert?

Seit 2022, als diese junge Frau namens Mahsa wegen ihres Hijabs getötet wurde, haben viele Iraner*innen entschieden, dass sie diese Regierung nicht mehr wollen. Sie haben erkannt, dass sich nichts ändern wird. In den letzten 30 Jahren ist das Regime immer unterdrückender, radikaler und brutaler geworden. Deshalb glauben viele Menschen, dass ein Leben unter diesem Regime nicht möglich ist. Es muss verändert werden. Aber gleichzeitig ist ein militärisches Eingreifen von aussen problematisch. Viele unschuldige Menschen werden sterben, das Land wird zerstört werden. Die Menschen wissen das.

Aber sie sehen keine andere Möglichkeit?

Genau. Seit Beginn des Krieges sind in sieben Tagen etwa 400 bis 700 Menschen gestorben. Unser eigenes Regime hat während den Protesten innerhalb von zwei Tagen 40’000 Menschen getötet. Also stellt sich die Frage: Was ist gefährlicher?

Gibt es Hoffnung?

Von aussen wirkt alles sehr düster. Aber wenn man mit Menschen im Iran spricht, sind sie hoffnungsvoll und glauben an eine bessere Zukunft.

«Wir hoffen auf eine demokratische Zukunft, aber niemand kann das sicher sagen.»
Filmemacher Mojtaba Zarghampour

Das Internet im Iran ist weitgehend ausgeschaltet. Wie bleiben Sie mit den Menschen vor Ort in Kontakt?

Man kann nur noch telefonieren – ohne Datenverbindung. Aber auch das ist stark eingeschränkt. Ich kann etwa drei Minuten pro Tag mit meinen Eltern sprechen. Aber sie müssen mich anrufen. Von hier aus kann ich sie nicht erreichen. Ich habe es oft versucht, aber es funktioniert nicht.

Lesen Sie viele Nachrichten über den Krieg, oder versuchen Sie sich auch abzuschirmen?

Als Iraner im Ausland beginnt der Tag meistens damit, dass man sofort aufs Handy schaut, um zu sehen, was passiert ist und was als Nächstes passieren könnte. Ein grosser Teil meines Tages besteht daraus, Nachrichten zu lesen.

Fühlt es sich seltsam, vielleicht auch unfair an, dass hier alles wie gewohnt weitergeht und wir in Sicherheit sind? 

Ich empfinde es nicht als unfair. So sollte das Leben überall auf der Welt sein. Ich fühle mich nicht schuldig, aber ich fühle eine Verantwortung: Ich muss die Stimme der Menschen im Iran sein. Viele grosse Medien haben lange weggeschaut, als im Iran Proteste stattfanden. Deshalb versuchen viele Iraner*innen in der Diaspora selbst zu berichten, was dort passiert.

Hat Sie der Angriff der USA und Israels überrascht?

Die Spannungen haben schon lange zugenommen. Während der Proteste sagte Trump, dass Hilfe kommen werde. Viele Menschen rechneten mit einer militärischen Intervention.

Glauben Sie, dass nach dem Krieg eine Demokratie entstehen kann?

Das Schwierige an einem Krieg ist, dass niemand weiss, was passieren wird. Wir hoffen auf eine demokratische Zukunft, aber niemand kann das sicher sagen. Wenn eines Tages die Bombardierungen aufhören und sich die Situation stabilisiert, werden die Menschen auf die Strassen gehen und versuchen, die Kontrolle über wichtige Institutionen zu übernehmen.

«Alles, was sie wollen, ist ein normales Leben.»
Mojtaba Zarghampour

Wie haben Sie und ihr Umfeld im Iran auf den Tod des Obersten Führers Ali Khamenei reagiert? 

Es waren alle froh darüber. Im Moment gibt es im Grunde drei Gruppen im Iran. Die erste Gruppe unterstützt das Regime. Sie ist zwar eine Minderheit, aber selbst zehn Prozent der Bevölkerung wären immer noch einige Millionen Menschen. Die zweite Gruppe will das Regime loswerden, glaubt aber nicht, dass Krieg der richtige Weg ist. Sie möchten den Kampf langfristig weiterführen. Die dritte Gruppe unterstützt die militärischen Angriffe, weil sie glaubt, dass nur so Veränderung möglich ist. Die beiden Gruppen, die gegen das Regime sind, haben jedoch eines gemeinsam: Viele von ihnen haben den Tod wichtiger Vertreter des Regimes gefeiert.

Welche Rolle spielt Religion dabei?

Das iranische System basiert vollständig auf islamischem Recht. Es gibt viele religiöse Menschen, die das Regime unterstützen. Aber es gibt auch religiöse Menschen, die sagen, dass Religion so nicht vertreten werden sollte. Gleichzeitig führt die Situation dazu, dass viele Menschen im Iran zunehmend religionskritisch werden.

Viele junge Menschen kennen nichts anderes als dieses Regime. Wie verändert das eine Generation?

Die meisten, die gegen das Regime kämpfen, sind junge Menschen. Sie sind mit dem Internet aufgewachsen und sehen, wie Menschen in anderen Ländern leben. Alles, was sie wollen, ist ein normales Leben.

«Ich wünsche mir, dass mein Volk das bekommt, wofür es so viel bezahlt hat: Freiheit.»
Mojtaba Zarghampour

Wie war es als Filmemacher – also als Künstler – im Iran zu leben und zu arbeiten?

Filme müssen mehrere Genehmigungsprozesse durchlaufen. Bevor man drehen darf, muss das Drehbuch genehmigt werden. Nach dem Dreh muss der fertige Film erneut geprüft werden, bevor er veröffentlicht werden darf. Wenn man unpolitische Filme macht und nichts Kritisches sagt, kann man relativ sicher arbeiten. Aber selbst dann kommt die Finanzierung oft von staatlichen Organisationen, die Einfluss auf den Inhalt nehmen. Kurzfilme sind etwas freier, weil sie ein kleineres Publikum haben. Aber sobald man einen grossen Kinofilm drehen will, wird es ernst.

Gibt es Konsequenzen für kritische Filme?

Ja. Wenn ein Film international Aufmerksamkeit bekommt, können Filmemacher*innen ins Gefängnis kommen. Einige bekannte Regisseur*innen sitzen oder sassen im Gefängnis.

Wie war es für Sie, hier in die Schweiz zu kommen, wo es diese Einschränkungen nicht gibt und Sie Ihre Kunst frei ausüben können?

Es ist natürlich ein grosser Unterschied. Aber trotzdem hat man die alten Regeln noch im Kopf, man wendet sie unbewusst an, wenn man über etwas nachdenkt oder ein Drehbuch schreibt. Manchmal merkt man erst beim erneuten Lesen, dass man im Iran gelernt hat, sich selbst zu zensieren.

Erleben Sie eine iranische Community in Basel?

Ja, aber sie ist nicht sehr gross. Menschen aus verschiedenen Fachrichtungen treffen sich, unterstützen sich gegenseitig und feiern iranische Feste. In letzter Zeit organisieren sie auch Demonstrationen, um ihre Unterstützung für die Menschen im Iran zu zeigen.

Was wünschen Sie sich für die Menschen im Iran?

Ich wünsche mir, dass mein Volk das bekommt, wofür es so viel bezahlt hat: Freiheit. Viele Menschen haben ihr Leben verloren.

Und was wünschen Sie sich von den Menschen hier?

Dass sie den Stimmen der Iraner*innen zuhören. Und ich wünsche mir, dass westliche Regierungen ihre politischen Beziehungen zur Islamischen Republik beenden.

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Das Interview wurde am Freitag, den 6. März, auf Englisch geführt.

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