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Für die Umwelt

Was mache ich jetzt mit meinem Auto?

Früher oder später muss der Benziner weg. Aber wie entscheide ich, wann der Zeitpunkt für den Umstieg gekommen ist? Und soll ich das Alte besser gleich verschrotten, statt es zu verkaufen?

12/06/22, 04:00 AM

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Gusti Gelegenheitsfahrer und Vreni Vielverbraucherin wollen ein E-Auto, ein echtes.

Gusti Gelegenheitsfahrer und Vreni Vielverbraucherin wollen ein E-Auto, ein echtes. (Foto: Pixabay)

Gusti hat ein älteres Benzinerauto, das er seit Jahren nur noch sporadisch fährt. Wenn immer möglich, sucht er andere Alternativen – der Umwelt zuliebe. Ganz auf ein eigenes Auto verzichten möchte er aber noch nicht. Aber wenigstens auf ein E-Auto umsteigen sollte er, denkt der Gelegenheitsfahrer. 

Ähnliches beschäftigt auch Vreni. Sie hat sich vor vier Jahren einen Nagelneuen gekauft. Für ihren Job im Aussendienst braucht sie ihn jeden Tag. Aber auch die Vielverbraucherin spürt eine Verantwortung gegenüber der Umwelt und plant, den Benziner nächstes Jahr loszuwerden und ihn gegen ein neues Elektroauto zu tauschen. 

Tschüss Verbrenner

Tschüss Verbrenner

Die Basler Stimmbevölkerung hat sich mit der Annahme des Gegenvorschlags zur Klimagerechtigkeitsinitiative das Ziel Netto-Null per 2037 gesteckt. Welche Massnahmen dazu nötig sind, ist noch nicht definiert. Klar ist: Verbrennungsmotoren haben keine Zukunft. Auf EU-Ebene sind ab 2035 nur noch emissionsfreie Neuwagen zum Verkauf zugelassen. In Basel-Stadt gilt ein Verbot ab 2050, jedoch ist dieses mit der jüngsten Abstimmung eventuell schon überholt. Für die gesamte Schweiz gibt es noch keinen vergleichbaren Beschluss, aber von verschiedenen Seiten kommen Forderungen. So macht sich der VCS zum Beispiel für ein Verbot ab 2030 stark, die Grünen fordern gar ein Verbot ab 2025.

Zuerst Grundsätzliches

Sowohl Gusti wie auch Vreni sind aber unsicher, ob sie ihr Auto jetzt verkaufen sollen. Denn insgesamt wird ja der CO2-Ausstoss nicht weniger, nur weil jemand anderes dann mit ihren Autos fährt. Wäre es klüger, sie würden ihre Autos grad ganz verschrotten? Hans-Jörg Althaus arbeitet beim Forschungs- und Beratungsunternehmen Infras und ist spezialisiert auf Ökobilanzen und nachhaltige Mobilität. Seine Einschätzung: 

«Langfristig ist es fürs Klima sicher gut, wenn man auf ein Elektroauto umsteigt.» Man erhöhe zwar kurzfristig die eigene Energiebilanz mit dem Kauf eines Elektroautos – denn dieses verursacht beim Bau mehr Emissionen als ein Benzinerauto. Aber nach zwei, drei Jahren sei ein Elektroauto heute energetisch amortisiert. «Wenn man das Auto ein paar Jahre fährt, spart man unter dem Strich bei der eigenen Energiebilanz», sagt Althaus. Er vergleicht das mit dem Ersatz von Heizungen durch eine Wärmepumpe oder von Glühbirnen durch LED-Lampen. «Über Zeit rechnet sich das.» 

Nach zwei, drei Jahren ist ein Elektroauto heute energetisch amortisiert.

Hans-Jörg Althaus, Experte für Ökobilanzen und nachhaltige Mobilität

Entscheid getroffen: E-Auto her. Und wohin mit dem alten?

Verschrotten wäre sehr konsequent, aber …

«Verschrotten ist natürlich die konsequenteste und direkteste Option», erklärt der Experte, «weil das umweltschädlichere Auto 1:1 ersetzt wird.» Wenn man das mit einem vierjährigen Auto mache, sei es «zwar ein Stück weit eine Ressourcenverschwendung», bestätigt er, «aber die Recyclingrate ist heute bei Autos sehr hoch und ein Grossteil des Materials wird zurück in einen Kreislauf geführt». Dieser Prozess brauche zwar ebenfalls Ressourcen, aber es sei deshalb «lange nicht alles verloren». 

Also ab zum Schrottplatz? 

Man könne so denken, findet Althaus. «Wenn jemand ein neues E-Auto kauft und das alte weiterverkauft, erhöht das eigentlich die gesamte Anzahl Autos, die gefahren werden.» Und das führt insgesamt zu mehr Emissionen. «Entscheidend ist in diesem Moment allerdings, wohin das alte Auto verkauft wird», erklärt Althaus.

Verkauf ist nicht gleich Verkauf

Fall 1: Das Auto bleibt in der Schweiz

In diesem Fall könne es durchaus auch aus Klima-Sicht sinnvoll sein, das Auto zu verkaufen. Der Grund: «In der Schweiz und auch in Europa ist der Occasionsmarkt in den letzten zwei Jahren völlig ausgetrocknet», erklärt Althaus. Gründe dafür sind Probleme in den Lieferketten und Schwierigkeiten bei der Rohstoffbeschaffung für die Produktion. 

«Da haben wir beobachtet: Wenn weniger Occasionautos auf dem Markt sind, werden ältere Autos länger gefahren. Es bringt der Umwelt also etwas, schlussfolgert Althaus, «wenn jemand sein 4-jähriges Benzinauto weiterverkauft und so noch ältere, umweltschädlichere Autos ersetzt werden».

Fall 2: Das Auto wird ins Ausland verkauft

Hier wird es komplizierter – und hypothetischer. Wir wissen zwar, wohin Occasionautos aus der Schweiz typischerweise verkauft werden: «Osteuropa oder Afrika sind die typischen Destinationen für Autos, die es in der Schweiz nicht mehr durch die Motorfahrzeugkontrolle schaffen», sagt der Experte. 

Und die Wissenschaft beschreibt auch, dass «bessere Fahrzeuge in weniger entwickelten Ländern einen Beitrag zu deren wirtschaftlicher Entwicklung beitragen» – und so auch zu mehr CO2-Ausstoss. Solche Autoverkäufe bringen also einen ganzen Rattenschwanz an Folgen mit sich. 

Belastbare Daten aus der Wissenschaft darüber, wie sich die Mobilität – und damit die CO2-Emissionen – in den Ländern entwickeln würde, wenn keine alten Autos aus der Schweiz dorthin exportiert würden, gebe es «praktisch keine», erklärt Althaus.

Ökobilanzvergleich

Ökobilanzvergleich

Einen Überblick über Kosten und CO2-Ausstoss verschiedener Automodelle bietet der Vergleichsrechner vom TCS mit Ökobilanzdaten des Paul Scherrer Instituts. In die Rechnung einbezogen wird der ganze Lebenszyklus der Autos, also auch die Herstellung.

zum Vergleich

Schnellerer Umstieg bei häufiger Nutzung

Fazit: Gemäss der Einschätzung des Experten sind verkaufen und verschrotten sowohl für unsere fiktiven Beispiele Vreni Vielverbraucherin als auch Gusti Gelegenheitsfahrer valable Optionen. Althaus gibt aber noch einen weiteren Faktor zu bedenken, der den Ausschlag geben könnte: Nicht in allen Fällen ist es sinnvoll, sofort vom Benziner- auf das Elektroauto zu wechseln. Für diese Entscheidung empfiehlt Althaus, die Nutzung in die Rechnung miteinzubeziehen.

«Als einfache Faustregel könnte man sagen: Je häufiger man das Auto braucht, desto sinnvoller ist es, dieses schnell zu ersetzen.» Ein durchschnittliches Auto legt in der Schweiz etwa 13’000 Kilometer pro Jahr zurück. «Alles unter 8’000 ist sicher sehr wenig, alles über 15’000 schon sehr viel», erklärt der Experte für nachhaltige Mobilität. 

Statistisch gesehen ist es wahrscheinlich, dass ein unterdurchschnittlich genutztes Auto bei einem Besitzerwechsel mehr gefahren wird. Und umgekehrt, dass ein sehr oft gefahrenes Auto bei einem*einer neuen Besitzer*in weniger zum Einsatz kommt. «Jemand, der sein Benzinauto sehr wenig fährt, behält es also vielleicht lieber noch bis zum Ende der Lebensdauer», schliesst Althaus.

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