«Die Klimakatastrophe ist kein Hollywood-Film»

Tadzio Müller besetzte einst Kohlegruben, heute ist er «Climate Doomer»: Er glaubt nicht, dass der Klimakollaps noch verhindert werden kann. Vor seiner Lesung in Basel spricht er mit Bajour darüber, wie man trotzdem optimistisch in die Zukunft blicken kann.

Tadzio Müller
Tadzio Müller hat als Klimaaktivist schon viel erlebt. Dass die Klimakatastrophe noch abgewendet werden kann, glaubt er heute nicht. (Bild: Nikita Teryoshi)

Die Klimakrise akzentuiert sich immer deutlicher und auch das 1,5-Grad-Ziel, für das die Klimabewegung lange Jahre gekämpft hat, ist überschritten. Dennoch: Die Klimakrise ist seit Beginn des Jahrzehnts nicht mehr Mittelpunkt des medialen Fokus – entsprechend ist auch die Klimabewegung weniger präsent. Die Aktivist*innen kämpfen um Aufmerksamkeit, während sich die Krise weiter zuspitzt.

Tadzio Müller ist seit mehr als 15 Jahren einer der prägendsten Klimaaktivist*innen in Deutschland. Er hat «Ende Gelände» mitgegründet und den Klimastreik mit Besetzungen von Braunkohlerevieren radikaler gemacht. Aus einer schweren Zukunftsdepression hat er nun gelernt, den Kampf gegen die Klimakrise als gescheitert zu betrachten – und jetzt Aktivismus aus der Ausweglosigkeit zu betreiben.

Tadzio Müller, sind Sie ein optimistischer Mensch?

Ich gehe gerne durch die Welt und geniesse das Leben. Bei «Ende Gelände» wurde ich mal «Motivationstanzbärchen» genannt. Ich habe den Leuten versprochen: «Wenn ihr morgen den Bagger besetzt, bricht übermorgen die klimagerechte Revolution aus.» Bewegungsstrategen können grundsätzlich keine Pessimisten sein. Mein Job ist es, positive Zukunftsszenarien aufzuzeigen und Strategien aufzubauen, wie wir zu dieser positiven Zukunft kommen.

Ihr Optimismus wurde aber von der Realität getrübt. Was ist passiert?

Irgendwann zwischen 2018 und 2021 haben viele Menschen in Europa zum ersten Mal physisch die Klimakatastrophe gespürt: Sei es beim Urlaub in Spanien bei 43 Grad oder bei der Flutkatastrophe im Ahrtal – bei mir war das, als es in Berlin Anfang April nach Waldbrand roch. Man hat gemerkt: Der Klimakollaps ist nicht mehr zu vermeiden – denn er hat schon begonnen. In der Bewegung waren wir überzeugt, dass spätestens dann relevanter Klimaschutz gemacht wird, wenn die Katastrophen bei uns im Globalen Norden ankommen. Das ist nicht der Fall. Alle Regierungen, ob links oder rechts, wollen Wirtschaftswachstum. Kein relevanter Klimaschutz wird jemals durchgesetzt werden, er ist gescheitert.

Was hat diese Erkenntnis mit Ihnen gemacht?

Ich mache ja seit 2007 Klimaaktivismus – mit dem Ziel, dass es irgendwann eine post-fossile Weltwirtschaft gibt. Unsere Ideen einer besseren Zukunft sind extrem wichtig für das Jetzt – als «Fluchtpunkt», sozusagen. Dieser Fluchtpunkt war aber bei mir komplett weggefallen. Plötzlich gab es nur noch eine dunkle Zukunft von Klimakatastrophe und Faschismus.

Lesung im Labyrinth

Beiträge aus seinem Blog «Friedliche Sabotage» hat Tadzio Müller jetzt in einem Buch gebündelt. Seine Konzepte wird er bei einer Lesung am 3. April ab 19 Uhr in der Buchhandlung Labyrinth (Nadelberg 17) vorstellen – mehr Infos gibt es hier.

Eine Klimadepression also, von der auch andere Aktivist*innen berichten. Wie hat sich das ausgedrückt?

Es war ein traumatischer, schrecklicher, schmerzhafter, dunkler Prozess. Er hat zu politischen Konflikten mit anderen Klimaaktivist*innen geführt. Denn ich habe gesagt: «Leute, der Kollaps ist hier, es geht den Bach runter». Das kam nicht gut an – es war nicht das, was die anderen von mir hören wollten. Als Corona kam, verlor ich alles, was mir Halt gab: den Aktivismus als sinngebenden Faktor in meinem Leben – und die Community der Bewegung, die während Corona quasi auseinanderbrach.

Wie gingen Sie damit um?

Man kann sich vorstellen, wie mein Eskapismus als schwuler, drogenaffiner Berliner Partyboy aussah: Ich wollte nur Drogen nehmen und vögeln, bis ans Ende meines Lebens. Das wäre immer noch besser, als von Faschisten ermordet zu werden. Meine Depression war das Gefühl totaler Sinnlosigkeit. Ich war sicher, dass alles Schöne verschwinden würde.

«Wir sind als Gesellschaft weit weg von einem rationalen Verständnis, wie fucked wir sind.»
Tadzio Müller, Klimaaktivist

Haben Sie sich in die Apokalypse reingesteigert?

Es ist totaler Quatsch, dass der Ruf nach Akzeptanz der Realität apokalyptisch ist. Wir sind als Gesellschaft weit weg von einem rationalen Verständnis, wie fucked wir sind. Hinter vorgehaltener Hand sagen alle Klimawissenschaftler, dass alles viel schlimmer ist, als wir dachten und sie eine Todesangst haben. Ich habe mich nicht in die Apokalypse reingesteigert, sondern habe es geschafft, sie zu akzeptieren. Es ist vielmehr die Gesellschaft, die sich in die Verdrängung reinsteigert.

Wie meinen Sie das?

Niemand setzt sich gern mit der eigenen Scheisse auseinander. Wir haben die Welt kaputt gemacht, fühlen uns jetzt deswegen mies und gucken einfach weg. Das wollen wir verdrängen. Und alle, die uns daran erinnern wollen, schieben wir weg. Die Gesellschaft will nichts davon hören, dass das Klima kaputt geht. Aktivisten und Klimawissenschaftler können noch so sehr probieren, mehr Wissen anzubieten – es wird keine Verhaltensänderung geben. Der Punkt am Verdrängen ist nicht Nicht-Wissen, sondern das Nicht-Wissen-Wollen.

Was bedeutet das für die Klimabewegung?

Wer an das Verdrängte erinnert wird, reagiert negativ. Das betrifft nicht nur die Gesellschaft, die nicht hören will, dass sie beim Klimaschutz versagt hat. Sondern auch die Klimabewegung und die Klimawissenschaft, die in ihrer Funktion, der «Feueralarm» zu sein, ebenso gescheitert ist. Wir wollen uns genauso wenig mit dem eigenen Scheitern auseinandersetzen. Momentan wird die Klimabewegung auch zu einer Verdrängungsbewegung.

«In der Katastrophe gibt es nicht weniger Anlass, die Gesellschaft zu verbessern und für mehr Klimagerechtigkeit zu sorgen.»
Tadzio Müller, Klimaaktivist

Haben Sie selbst auch verdrängt?

Ich glaube, ich habe weniger die Radikalität der Krise oder die Möglichkeit des Scheiterns verdrängt. Ich habe mir aber eingeredet, dass die Klimabewegung uns alle retten könnte – im Grunde ist das genauso unrealistisch wie «der Markt wird das Problem lösen». Was ich also verdrängt habe, war die Unlösbarkeit des Problems.

Waren die radikalen Protestformen im Endeffekt Zeitverschwendung?

Das waren alles vernünftige Moves. Unvernünftig war die Gesellschaft. Im Nachhinein kann man sagen, wir konnten nicht gewinnen. Trotzdem war es wichtig, das Spiel zu spielen. Aber jetzt ist es halt verloren. Unsere Strategie war nicht falsch, nur weil sie gescheitert ist. Jetzt geht es darum, anzuerkennen, dass sie gescheitert ist.

Ist es klug, so zu kommunizieren? Man könnte ja auch sagen: Warum sollte man überhaupt noch Klimaaktivismus machen, wenn eh alles den Bach runtergeht?

In der Katastrophe gibt es nicht weniger Anlass, die Gesellschaft zu verbessern und für mehr Klimagerechtigkeit zu sorgen. In jeder Situation, egal wie dunkel, ist es unsere Aufgabe, Schönheit und Licht, also Solidarität, in die Welt zu bringen. Diese Mission ändert sich nicht. Man muss sich der neuen Situation anpassen. Deswegen sind wir Linke. Die Katastrophe wird jetzt vom Ausnahme- zum Dauerzustand – und damit zum strategischen Raum, in dem wir uns neu orientieren müssen.

Kein globaler Klimastreik in Basel?

Am 11. April findet der nächste globale Klimastreik statt. Demonstrationen sind in Bern, Zürich, Luzern, Aarau und Neuchâtel angekündigt – allerdings nicht in Basel. Auf Nachfrage heisst es aus der Klimabewegung, dass es statt einer Demonstration «zur Feier des globalen Klimastreiks» einen öffentlichen Filmabend geben soll. Laut der Ankündigung auf Instagram gibt es ein gemeinsames Znacht und die Vorführung des Dokumentarfilms «Outgrow the system» samt Diskussion.

Wie kann dieses Anpassen aussehen? Was kann die Klimabewegung jetzt noch bewegen?

Der klassische Klimaaktivismus führt jetzt nur noch dazu, dass die Aktivisten eine Entmächtigung erleben. Es geht darum, wieder selbstwirksam zu werden, wieder Handlungsfähigkeit in der Katastrophe herzustellen. Ein Freund von mir, Andrew Boyd, hat einem Buch den grandiosen Titel «I want a better catastrophe» gegeben. Wir müssen jetzt Klimagerechtigkeit nicht mehr gegen die Katastrophe, sondern in der Katastrophe machen. Ich bezeichne das als «Kollapsbewegung» beziehungsweise «Bewegung für einen gerechten Kollaps».

Was bedeutet das konkret?

Wir müssen aufhören, die Katastrophe zu betrachten wie einen Hollywood-Film, wie die Johannes-Offenbarung oder ein Hieronymus-Bosch-Gemälde. Wir brauchen eine realistische Vorstellung davon und müssen uns überlegen: Was würde ich in so einer Kollapssituation wirklich tun – während einer Hitzewelle oder eine Flutkatastrophe? Wie bereitet man sich zum Beispiel darauf vor, dass es in einer Notsituation keinen Strom, kein Wasser, keine Medikamente, keine Nahrungsmittel mehr gibt? 

«Hoffnung kommt nicht aus der Aussicht auf Erfolg, sondern aus den Beziehungen, die wir mit Menschen entwickeln, wenn wir versuchen, die Zukunft besser zu machen.»
Tadzio Müller, Klimaaktivist

Preppen – also das Horten und Vorbereiten für eine Katastrophe – hat keinen guten Ruf und gilt ja eher als Metier von Rechtsextremen.

Ich nutze daher den Begriff «solidarisches Preppen». Menschen kommen in Krisenzeiten solidarisch zusammen, anstatt sich individuell zu isolieren, dafür gibt es genug historische Beispiele. Es ist rational, sich in einer Gemeinschaft mit anderen Leuten zu vernetzen und sich zu überlegen, was man tun würde, um sich auf eine Krise vorzubereiten – man kann sowieso unmöglich alles Mögliche selbst horten. Wir kümmern uns dann auch besonders um die Nachbarschaft, in der ärmere und ältere Menschen leben. Das ist Klimagerechtigkeit in der Katastrophe.

Sie schlagen beispielsweise Kollaps-Camps vor, um sich vorzubereiten. Wie kann man sich das vorstellen?

Im Kollaps-Camp kommen Menschen zusammen, um sich darauf vorzubereiten, in Katastrophen handlungsfähig zu werden. Es geht darum, praktische Kompetenz zu erwerben. Ein Beispiel: Wie verhalten wir uns bei einer gefährlichen Hitzewelle in einer Grossstadt? Zum Beispiel brauchen die Menschen Informationen, die wir Aktivist*innen verteilen können – damit die Leute wissen, dass sie eben nicht das Fenster aufmachen sollen. Das «Lüften» lässt nämlich nur noch mehr Hitze rein, lieber sollte man abdunkeln. Das sind banale Dinge, aber diese Dinge muss man den Leuten vermitteln.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Mitten in meiner Zukunftsdepression bin ich nach Lützerath gekommen, wo eine Siedlung für den Braunkohle-Abbau abgerissen wurde. Ich habe in einem der besetzten Häuser gelebt, die von der Polizei umzingelt wurden. Die Gemeinschaft in diesem Haus hat mich mit Hoffnung und transformativer Kraft gefüllt – auch wenn wir den Kampf um Lützerath letztlich verloren haben. Die Hoffnung kommt nämlich nicht aus der Aussicht auf Erfolg, sondern aus den Beziehungen, die wir mit Menschen entwickeln, wenn wir versuchen, die Zukunft besser zu machen.

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Das ist David (er/ihm):

Von Waldshut (Deutschland) den Rhein runter nach Basel treiben lassen. Used to be Journalismus-Student (ZHAW Winterthur) und Dauer-Praktikant (Lokalzeitungen am Hochrhein, taz in Berlin, Wissenschaftsmagazin higgs). Besonderes Augenmerk auf Klimapolitik, Wohnpolitik, Demopolitik und Politikpolitik. Way too many Anglizismen.

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