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Mein erster Morgestraich

Kann es bitte noch ganz lange dunkel sein?

Ina erlebt zum ersten Mal den Morgestraich. Wenn es nach ihr ginge, hätte der stille Augenblick im Dunkeln noch länger dauern können. Aber in der Melancholie will man ja auch nicht komplett versinken.

02/27/23, 08:59 AM

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Ina im Pop-up an der Schneidergasse 27.

Ina im Pop-up an der Schneidergasse 27. (Foto: Franziska Zambach)

Ein wenig kribbelte es schon seit Tagen in mir. Ich wusste, mein erster Morgestraich rückt näher. Und ich will ja nichts falsch machen: Verschlafen, im Weg stehen, zu laut sein, etwas Wichtiges verpassen. Oder: nicht so beeindruckt sein, wie es alle erwarten.

Richtig spannend wird es zum ersten Mal am Sonntagabend, als ich mich zum Bajour-Pop-up bei Blanche in der Schneidergasse Nummer 27 auf den Weg mache. Beim Petersplatz versammeln sich die ersten Pfeifer*innen, noch ohne Kostüm, aber mir wird klar: Da braut sich was zusammen. Im besten Sinne.

Es liegt eine leicht angespannte Vorfreude in der Luft, als ich die Stufen beim Totengässlein heruntergehe. Nicht nur bei mir, auch bei den anderen, die mir mit ihren noch verdeckten Laternen begegnen, spüre ich das. Das ist also die Fasnacht – am Abend vor dem Morgestraich. Ein Gefühl, ein bisschen wie vor der Bescherung an Weihnachten. Dazu gehört, dass viel im Verborgenen passiert. Dass viel vorbereitet wurde, von dem man nichts weiss, sich aber Gutes verspricht. Sonst würden ja nicht so viele zum Morgestraich gehen, sonst hätten ihn doch nicht alle so schmerzlich vermisst während Corona!

Als die Lichter noch an waren ...

Als die Lichter noch an waren ... (Foto: Ina Bullwinkel)

Auf welche Zeit stelle ich den Wecker und von wo beobachte ich den Morgestraich am besten? Als ich diese Fragen für mich geklärt (2.40 Uhr und Ecke Spalenberg/Schneidergasse) und meine Familie darauf eingeschworen hatte, dass wir auf jeden Fall pünktlich – spätestens um Viertel nach 3! – das Haus verlassen müssen, kann ich mich einigermassen beruhigt schlafen legen.

Nach dem Aufwachen sehe ich in den Wohnungen Licht brennen, auf den Trottoirs sind dick eingepackte und wortkarge, weil müde Menschen unterwegs. Es erinnert mich ein wenig an Silvester, wenn man sich um halb zwölf nach draussen begibt, um bald herunterzuzählen. Jetzt läuft auch ein Countdown, allerdings bis Vieri.

Die erste kostümierte Person, die ich sehe, fährt auf dem Velo an mir vorbei. Je näher ich dem Spalenberg komme, desto mehr Leute hat es. Es laufen einige in zivil herum, treffen Freund*innen am abgemachten Ort, grüssen sich herzlich, jauchzen auch mal. Alle haben die gleiche Mission, strömen in dieselbe Richtung. Es entsteht eine Gemeinschaft, die fremden Gesichter wirken jetzt ein bisschen weniger fremd. Es braucht nicht einmal Polizei, die irgendwas absperrt, begleitet oder sonst wie lenkt. Hier sind nur du und ich und wir sind uns einig.

«Hier sind nur du und ich und wir sind uns einig.»

Die Aktiven tragen zwar schon ihr Kostüm, lassen ihre Larven oder Trommeln aber noch neben sich baumeln. Wer schon mal während einer Theatervorstellung die Pause hinter der Bühne verbracht hat, kennt dieses Phänomen. Noch sind es Menschen wie du und ich, gleich aber verwandeln sie sich. Vorfreude!

Meine Erwartung: Keiner sagt ein Wort bis es vieri schloot. Realität: Die Leute sind viel zu aufgeregt, um nichts zu sagen. Manche quatschen noch schnell ins Telefon, andere reden mit den Kindern auf ihren Schultern oder drängen sich Hand in Hand in letzter Sekunde an den anderen Wartenden vorbei. Es ist 3.59 Uhr und in der Schneidergasse stehen die Opti-Mischte bereit. Gemurmel in der Menge. 4 Uhr, Lichter aus! Kurz ist es still, dann das berühmte Kommando, «Vorwärts Marsch!», und schon setzen die Piccolos ein.

Pscht!

Pscht!

Ich bin komplett im Moment gefangen und möchte mich nicht befreien. Ich kann verstehen, warum dieser frühe Start zu den Heiligtümern der Fasnacht gehört. Meine Augen, ein bisschen feucht, folgen den leuchtenden Laternen, meine Ohren registrieren die Beschallung, die Trommelschläge lassen meinen Körper angenehm beben. Von mir aus hätte der Augenblick im Dunkeln noch länger dauern können. Aber Schluss mit Ruhe, ab jetzt gilt Rambazamba und Remmidemmi. Und das ist gut so, sonst versinkt man noch in der Melancholie.

Die leuchtenden Laternen geniesst man am besten ohne Linse vor der Nase.

Die leuchtenden Laternen geniesst man am besten ohne Linse vor der Nase. (Foto: Ina Bullwinkel)

Ich laufe umher und filme viel, aber eigentlich bringt’s das nicht. Ohne Linse vor den Augen lassen sich die Lichter und Geräusche besser geniessen. Irgendwann, nach etwa anderthalb Stunden, habe ich das Gefühl: Jetzt habe ich es gesehen (was vermutlich nicht stimmt). Es sind so viele Eindrücke, so viele Kostüme und Sujets. Alles kann mein müdes Hirni nicht aufnehmen.

Während ich diesen Text schreibe, ziehen vor dem Schaufenster des Bajour-Pop-ups immer noch bunt leuchtende Laternen vorbei. Er geht länger als gedacht, dieser laute und fröhliche Auftakt der Fasnacht. Trotzdem denke ich mir, während ich die tanzenden Kopflaternen am Spalenberg vorbeiziehen sehe: Kann es bitte noch ganz lange dunkel sein?

Mir sin baraad

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