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Rabbiner Moshe Baumel

«Wir fühlen uns wie Schutzjuden aus dem 18. oder 19. Jahrhundert»

Sieben Wochen nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel ist die jüdische Gemeinschaft in Basel sehr verunsichert. Gemeinderabbiner Moshe Baumel spricht über Antisemitismus, «No-Go-Areas» für Jüd*innen in Basel und über den neuen Kunsthalle-Direktor.

11/23/23, 12:50 PM

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Rabbiner Moshe Baumel in seinem Büro in der Israelitischen Gemeinde Basel.

Rabbiner Moshe Baumel in seinem Büro in der Israelitischen Gemeinde Basel. (Foto: Valerie Wendenburg)

Vor ein paar Wochen hat Bajour Sie bereits für ein Interview angefragt und Sie wollten sich nicht in der Öffentlichkeit äussern. Nun haben sie sich doch dazu entschlossen. Warum? 

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass es wichtig ist, darauf aufmerksam zu machen, wie ich als Rabbiner und jüdischer Mensch fühle und denke. Da so viele falsche Informationen verbreitet werden, ist es doch besser, die Dinge in den Medien differenzierter und klarer darzustellen. 

Sie wurden vor Kurzem in Basel auf der Strasse angespuckt und haben am Dienstagabend im SRF «Club» von No-Go-Areas in der Stadt gesprochen. Fühlen Sie sich noch sicher?

Ich verspüre keine Angst. Aber es ist natürlich ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn man in einer Stadt lebt, in der man als sichtbarer Jude nicht überall hingehen kann. 

Und das ist jetzt neu?

Nein, es gab immer schon Strassen in der Stadt, in denen man sich als sichtbarer Jude besser nicht zeigt.

Wo ist das?

An gewissen Orten im Kleinbasel. Vor dem Angriff der Hamas auf Israel musste ich dort mit blöden Bemerkungen rechnen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich auch physisch angegriffen werden könnte. Das ist der Unterschied zwischen vorher und nachher. Ich bewege mich mit Kippa schon immer nur im Umfeld der Gemeinde. Ansonsten ziehe ich immer eine Kappe über die Kippa. Viele jüdische Menschen in Basel machen seit Jahren die Erfahrung, dass hier und da ein dummer Spruch kommt, wenn sie die Kippa tragen. Die Gefahr, dass man physischer Gewalt ausgesetzt sein könnte, ist jetzt neu. 

Kerzen und Blumen als Zeichen der Solidarität auf dem Gemeindeareal.

Kerzen und Blumen als Zeichen der Solidarität auf dem Gemeindeareal. (Foto: Valerie Wendenburg)

Diese Woche wurde die Mauer am jüdischen Friedhof mit pro-palästinensischen Parolen besprayt. Hat sich Ihr Blick auf Basel und seine Menschen in den letzten Wochen verändert?

Es ist schwer einzuschätzen, ob das eine kleine Gruppe von Leuten ist, die diese Sprayereien machen. Ich betonte immer wieder, dass von Schweizer und auch von christlicher Seite sehr viel Solidarität gegenüber der jüdischen Gemeinde ausgedrückt wird. Es gibt immer wieder Blumen bei uns am Zaun des Gemeindeareals. Aus der Gesellschaft ist viel Empathie und Solidarität gekommen. Ich bin aber nach wie vor sehr enttäuscht, wie spät die Politik reagiert hat. Die Israel-Fahne am Rathaus hing nur einen Tag, danach gab es auch dort Schmierereien. An anderen Orten auf der Welt wurde der Anschlag auf Israel sofort verurteilt. Es hat mich verwundert, dass das in Basel so lange gedauert hat. 

Fühlen Sie sich denn jetzt von der Basler Politik unterstützt?

Es gab das Friedensgebet im Grossen Rat. Ich habe auch ein kurzes Gespräch mit Tanja Soland geführt, in dem sie sich im Namen der Regierung für die späte Reaktion der Regierung entschuldigt hat. Das fand ich gut. Die Regierung verspricht uns Schutz. Das ist wichtig und gut. 

Aber?

Problematisch ist, dass wir uns fühlen wie Schutzjuden aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, die den Schutz des Kaisers brauchten. Ich glaube, im 21. Jahrhundert wäre es besser, vorzusorgen, damit wir diesen Schutz gar nicht brauchen.

Wie am besten?

Prävention geschieht, wenn sich Stadt und Staat klar vom Antisemitismus distanzieren. Es braucht ein klares Zeichen, dass Antisemitismus keinen Platz hat in der Schweiz, dass er strafrechtlich verfolgt wird. Dann würden sich die Menschen scheuen, menschenverachtende Aussagen zu treffen. In Deutschland hat die Rede von Vizekanzler Robert Habeck gewirkt. Die Teilnehmer*innen an propalästinensischen Kundgebungen wissen jetzt, dass es nicht geduldet wird, wenn sie sich antisemitisch äussern.

Die Synagoge der Israelitischen Gemeinde Basel an der Leimenstrasse.

Die Synagoge der Israelitischen Gemeinde Basel an der Leimenstrasse. (Foto: Valerie Wendenburg)

Es gab in Basel eine Kontroverse über die Nominierung des Kunsthalle-Direktors Mohamed Almusibli. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Eine Person, die in der Öffentlichkeit steht und eine Meinung äussert, die relativierend wirken kann, empfinde ich als problematisch. Man muss in dieser heiklen Situation differenzieren, und das wird nicht gemacht. Im aktuellen Konflikt wirkt die Unterschrift von Mohamed Almusibli, als unterstütze er die Hamas. Ich denke, eine öffentliche Person in der Schweiz sollte solche undifferenzierten Briefe nicht unterschreiben. 

In der Zwischenzeit hat sich Herr Almusibli von den Briefen distanziert und einen Fehler eingeräumt. Schätzen Sie seine Stellungnahme?

Das ist sicher gut und richtig. Die Frage ist aber, warum diese Distanzierungen erst im Nachhinein geschehen, wenn der Fall doch von vornherein klar war. Der Terror hätte von vornherein verurteilt werden müssen. Ohne etwas zu unterstellen, hat man jedoch oft das Gefühl, diese Leute würden sich distanzieren, um Diplomatie zu betreiben. Hoffentlich irre ich mich aber. 

Gibt es aktuell einen interreligiösen Dialog in Basel?

Ja, diese Woche habe ich mich auf Vermittlung eines christlichen Pfarrers mit Vertretern der muslimischen Gemeinschaft in Basel getroffen. Ich merke in meinen Gesprächen aber immer wieder, dass die muslimische Seite sehr zurückhaltend ist. Wegen politischer Uneinigkeiten innerhalb ihrer Gemeinschaften können sie keine politische Stellung zu den Geschehnissen in Nahost einnehmen und üben sich daher in Zurückhaltung. Auch Muslim*innen sprechen sich gegen Rassismus und Antisemitismus aus, aber wenn es konkret wird, dann schweigen sie. 

Warum?

Unter den muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz gibt es keine einheitliche Position, oft verlaufen die Konfliktlinien auch innerhalb von Familien, wie mir mein Gesprächspartner sagte. Auch er hat Angst und möchte nicht mit Namen genannt werden. 

Sie meinen mit Zurückhaltung vor allem, dass der Terroranschlag der Hamas nicht verurteilt wird.

Genau, man hält sich dann ganz zurück. Man verurteilt weder die Hamas noch Israel. Man sagt einfach nichts in der Öffentlichkeit. 

Und das ist nicht förderlich aus Ihrer Sicht?

Ich finde, das ist nicht förderlich für den Dialog zwischen den religiösen Gemeinschaften und auch nicht für die Muslim*innen selbst. Wenn man schweigt, weiss die Öffentlichkeit nicht, was man eigentlich denkt. Ich denke, eine Minderheit hat den Auftrag, der Mehrheit zu zeigen, dass sie integrationsfähig ist und Terror und Ungerechtigkeit verurteilt. Ich denke, es wäre für die muslimischen Gemeinschaften in der Öffentlichkeit eher von Vorteil, wenn sie Stellung beziehen würden. 

Moshe Baumel ist noch bis Sommer 2024 als Gemeinderabbiner tätig.

Moshe Baumel ist noch bis Sommer 2024 als Gemeinderabbiner tätig. (Foto: Valerie Wendenburg)

Ist die jüdische Gemeinschaft da geschlossener und deutlicher? 

Wenn die fanatische Fraktion der Siedler in Israel Anschläge verüben würden, dann würden wir uns als Gemeinde davon distanzieren. Das Argument ist immer, dass solche Handlungen im Namen der Religion geschehen, aber das hat mit uns und unserer Auslegung von Religion nichts zu tun. Sollte etwas aus der fanatischen Gruppierung der Siedlerbewegung heraus passieren, würden wir uns sofort davon distanzieren. Diese Abgrenzung ist wichtig. 

Im Moment ist die Debatte sehr aufgeheizt. Wie kann man aus Ihrer Sicht konstruktiv über den Konflikt diskutieren?

Das ist eine schwierige Frage. Zunächst einmal finde ich, dass man auf keinen Fall den Konflikt im Nahen Osten auf die Schweizer Strassen verlagern sollte. Die muslimische und die jüdische Seite sollten miteinander im Gespräch sein. Man muss in der Lage sein, über Dinge zu reden, auch wenn es nur über alltägliche Dinge in der Schweiz ist. So kann Vertrauen entstehen, und dann kann man auch über Politik sprechen. Mein Zürcher Kollege hat ein persönliches Verhältnis zum Imam, das gefällt mir. Mit ihm kann er auch über heikle Themen reden, weil beide sich vertrauen. Ich würde den Dialog zwischen Muslim*innen und Jüd*innen nicht mit dem Nahostkonflikt beginnen, aber irgendein Gespräch sollte stattfinden. Es gibt dazu von meiner Seite aber eine Vorbedingung: Das Existenzrecht Israels darf nicht angezweifelt werden. 

Es sind aktuell einige Familien aus Israel nach Basel gekommen. Wie unterstützt die jüdische Gemeinde diese Familien?

Die geflüchteten Jüd*innen haben keinen Schutzstatus, daher ist unsere Handlungsfreiheit eingeschränkt. Die Gemeinde hat aber Wohnungen vermittelt, wir haben Spenden gesammelt. Jüdische Kinder besuchen unsere Schule, wir organisieren Kleiderspenden und leisten psychische Betreuung.

Wie ist die Stimmung innerhalb der Gemeinde?

Die Leute sind sehr verunsichert, weil Israel sich noch im Krieg befindet. Niemand weiss, wie er ausgeht. Es gibt so viele Fragezeichen. Auch die Verwandten, die in Israel sind, zum Teil sogar im israelischen Militär, sind in einer sehr unsicheren Situation. Es gibt eine grosse Sorge und Unsicherheit, was die Zukunft betrifft. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Gemeindemitgliedern Hoffnung zu vermitteln. Ich glaube, dass Israel trotz dieser grossen Katastrophe eine Zukunft hat. Israels Strategie, mit den arabischen Ländern Bündnisse einzugehen, wird sich langfristig bewähren. Israel hat verstanden, dass der Westen nicht viel bewirken kann und es sich mit den arabischen Nachbar*innen verbinden muss. Diese verhalten sich im Moment sehr zurückhaltend, das ist aus meiner Sicht sehr auffällig und macht mir Hoffnung. 

Rabbiner Moshe Baumel

Moshe Baumel ist seit neun Jahren Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel. Er wurde in Vilnius/Litauen geboren und wuchs in Berlin auf. Nach dem Abitur ging er an die Yeshiva Shaarei Torah in Manchester und bereitete sich dort auf das Rabbinatsstudium in Berlin vor. Nach der Ordination zum Rabbiner war er zwei Jahre als jüdischer Leiter des Gymnasiums der Zwi-Peres-Chajes Schule der Israelitischen Kultusgemeinde Wien tätig. Parallel zu der Tätigkeit begann er ein Studium an der Universität Wien, wo er in den Jahren 2010 bis 2012 das Studium mit einem BA und MA in Judaistik und Geschichte abschloss. Im Sommer 2012 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde Osnabrück. Von dort wechselte er 2015 zur Israelitischen Gemeinde nach Basel. 2019 wurde Rabbiner Mosche Baumel von der Universität Basel die Doktorwürde für seine Dissertation verliehen. Im Sommer 2024 wird er die jüdische Gemeinde Basel als Rabbiner verlassen, er wird mit seiner Frau und seinen fünf Kindern aber in Basel bleiben und als Schulleiter bei der Israelitischen Religionsgesellschaft Basel tätig sein.

Was kann man aus ihrer Sicht gegen Antisemitismus und Islamophobie tun?

Man muss sich für die Bildung einsetzen und in der Schule darüber informieren, was der Nahostkonflikt ist. Dafür müsste der Lehrplan angepasst werden. Auch das Likrat-Bildungsprogramm des Schweizerischen Israelischen Gemeindebunds ist zielführend. Wichtig ist vor allem aber auch der Austausch auf Augenhöhe, gerade unter Jugendlichen. Ich habe angeregt, dass sich Jugendliche der muslimischen Gemeinschaften in Basel mit jüdischen Jugendlichen treffen. Begegnung ist wichtig.  

Sie sind nur noch bis zum kommenden Sommer Rabbiner in Basel. Was wünschen Sie sich für die letzten Monate Ihrer Amtszeit?

Ich wünsche mir, dass Ruhe einkehrt in Bezug auf die Situation in Israel, dass unsere Mitglieder wieder mehr Hoffnung schöpfen können. Ich würde die Gemeinde ungern in dieser Unsicherheit verlassen, aber das kann ich nicht steuern. Ich hoffe, dass bis Juli 2024 mehr Klarheit herrscht. 

Wie blicken Sie auf Ihre Jahre Amtszeit zurück?

Mit viel Dankbarkeit, da ich von den Gemeindemitgliedern viel gelernt habe. Es war eine wunderbare Zeit mit vielen Begegnungen und Freundschaften. 

Wir sprechen mit den Menschen.

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