Ist das der grösste ESC-Fan der Region Basel?

Philipp Bollinger hat seit seiner Kindheit keinen Eurovision Song Contest verpasst. Dieses Jahr fällt seine ESC-Party zum ersten Mal seit Jahrzehnten aus – und Bollinger freut sich ungemein. Ein Besuch zuhause in seinem «Kompetenzzentrum».

Philipp Bollinger ESC
Der aufgedruckte Textauszug aus dem Schwedischen ESC-Beitrag («Eins, zwei, drei, Sauna») sei zugegebenermassen etwas stupid, sagt Bollinger, der sich für das Porträt in Schale geworfen hat. (Bild: Michelle Isler)

Philipp Bollinger erinnert sich gut an den Tag, an dem er das erste Mal mit dem Eurovision Song Contest in Berührung kam. 1973 sass er als knapp Zwölfjähriger vor dem frisch gekauften schwarz-weiss Fernseher in seinem Elternhaus in Bottmingen und verfolgte den 18. «Concours Eurovision de la Chanson». Austragungsort war Luxemburg. Damals wusste der kleine Philipp noch nicht, dass dieser Fernsehabend in ihm ein Feuer entfachen würde, das über die nächsten 50 Jahre weiterbrennen würde. 

Seither hat Bollinger keinen einzigen ESC verpasst – meistens vor dem Fernseher, vier Mal auch live (2000 in Stockholm, 2010 in Oslo, 2011 in Düsseldorf und 2013 in Malmö). Bollinger zeichnet aber nicht nur aus, dass er den Contest über all die Jahre verfolgt hat. Vielmehr ist der heute 63-Jährige seit Jahrzehnten bekannt dafür, dass er jedes Jahr eine ESC-Party schmeisst, mit der er es gar einmal in die SRF-Tagesschau geschafft hat. So kennt man Bollinger in der Region zwar als langjährigen SP-Gemeinderat – «wirklich sehr viele Leute» würden ihn aber mit seinen Parties verknüpfen und ihn regelmässig darauf ansprechen, sagt er.

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Wie ernst es mit ihm und dem ESC ist, zeigt sich nicht nur darin, dass er eine auf CD aufgenommene, personalisierte Begrüssung der allerersten Schweizer ESC-Siegerin Lys Assia besitzt, die seinen Partygästen einen schönen Abend wünscht. Man spürt es auch schon beim Betreten seiner Wohnung. «Willkommen im Kompetenzzentrum», sagt Bollinger verschmitzt lachend. Für das Interview hat er sich extra in Schale geworfen: Er trägt ein blaues Shirt mit grossem gelbem Schriftzug über Brust und Bauch. «Yksi, kaksi, kolme, sauna!», steht da. Es sind Lyrics aus dem Song «Bara bada bastu», der am ESC 2025 für Schweden ins Rennen geht – und derzeit als Topfavorit gehandelt wird. 

Der schwedische Beitrag (gesungen in Finnlandschwedisch) ist ein Beispiel für das, was Bollinger im Gespräch beim Kaffee an seinem Küchentisch als «gestiegenen Klamaukfaktor» am ESC bezeichnet. Damit meint er Songs, bei denen ein auffälliger oder schräger Auftritt im Vordergrund steht. «Je länger ich den schwedischen Song höre, desto witziger finde ich ihn», gibt er zu. Dann lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkt die Hände hinter seinem Kopf und beschreibt, was ihn am ESC so gepackt hat: «In den 70er-Jahren fand ich viele Beiträge musikalisch schön – Chansons aber auch eingängige Popsongs, das hat mir gefallen.»

Heute sind diese Beiträge weniger geworden. Es gebe zwar jedes Jahr auch Lieder, die ihm persönlich gut gefallen – dieses Jahr etwa die Powerballaden «Maman» von Frankreich oder «A new day will rise» von Israel. Auch der Schweizer Beitrag von Zoë Më überzeugt ihn musikalisch.

Philipp Bollinger ESC
Bollinger hat alle ESCs auf DVD. (Bild: Michelle Isler)

Aber für gute Musik müsste er den ESC nicht schauen, das ist auch Bollinger klar. Er habe «durchaus ein kritisches Verhältnis zu den Darbietungen auf der Bühne», erklärt er und würde sich deshalb auch eher nicht als «grössten ESC-Fan» bezeichnen. «Ich bin aber vielleicht die Person in der Region mit dem grössten Sachverstand», sagt er unbescheiden. Dass man ihm durchaus eine gewisse Kompetenz zuschreibt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er seit etwa 20 Jahren im SRF-Radioprogramm «Musikwelle» jeweils eine ESC-Sendung co-hostet, für die er jeweils hörenswerte Beiträge aus der Vergangenheit ausgräbt – meistens ohne Klamauk.

«Das Musikalische hat heute an Bedeutung verloren», findet Bollinger und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. «Heute schicken die Länder nicht mehr ihre allerbesten Künstlerinnen oder Künstler.» Dafür sei es unberechenbarer geworden, wer als Sieger*in aus dem Contest hervorgeht. Das wiederum passt Bollinger gut, denn sein ESC-Enthusiasmus hat viel mit dem kompetitiven Charakter des Anlasses zu tun: Dass verschiedene Länder gegeneinander antreten, das Publikum mitvotet, man sich auch zuhause vor dem Bildschirm überlegen kann, wer gewinnen wird. Das steht denn auch im Zentrum seiner Parties.

Philipp Bollinger ESC
Hier! Die Excel-Tabelle, die ein Kollege von ihm für die ESC-Party entwickelt hat. (Bild: Michelle Isler)

Alle Gäst*innen bekommen einen vorgedruckten Bogen, in den sie während der Live-Show ihr persönliches Ranking der Länder eintragen – durchaus mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Damit sich alle ein gutes Bild der Songs machen können, gelte eine ungeschriebene Regel: «Bis zum ersten Refrain muss man still sein», erklärt Bollinger. Eine ausgeklügelte Excel-Tabelle rechnet dann am Schluss die Differenz zwischen persönlichem und offiziellem Ranking aus. Für den*die Gewinner*in winkt ein riesiger Wanderpokal, den ursprünglich einmal ein Velofahrer aus der Region von einem Giro d’Italia nach Hause gebracht hatte. 

Aber nicht nur dem*der Topplatzierten winkt ein Preis. Bollinger zieht eine grosse Box unter seinem Bett hervor, dessen Inhalt aussieht wie aus einer Brocki-Wühlkiste. Oder anders gesagt: Hier kommt auch der Klamaukfaktor seiner eigenen Party zum Tragen. Zu gewinnen gibt es etwa ein «Rätselbuch der Popmusik» aus den 90er-Jahren, eine kleine Statue eines Brautpaars, eine rosarote Plastikrose, einen alten Porzellanteller. «Ich mache vor dem ESC jeweils eine Runde an Bring-und-Hol-Tagen in der Region und trage diese Priisli zusammen», erzählt er. Es habe Jahre gegeben, in denen er die Partygäst*innen per Unterschrift dazu verpflichtet habe, dass sie am Schluss ihren gewonnen Preis nach Hause mitnehmen müssen. «Schliesslich will ich auf all diesem geschmacklosen Zeug nicht sitzen bleiben», lacht Bollinger.

Philipp Bollinger ESC
Alle Zeitungsberichte über ihn und seine Partys hat Bollinger fein säuberlich aufbewahrt. (Bild: Michelle Isler)

Ein Teil der Gäst*innen komme freiwillig, witzelte er vor 25 Jahren einmal in einem Interview mit der BaZ, die schon damals schrieb, seine Parties, an denen eine Mischung aus Politiker*innen, Kulturschaffenden, Freund*innen und Bekannten zusammenkommen, hätten «Kultstatus» erreicht. Über 900 Leute hat Bollinger gezählt, die über all die Jahre an seine Partys gekommen sind. Heute sind es meistens zwischen 20 und 30 Personen an einem Abend. Es habe aber in den 90er-Jahren ein solches Interesse gegeben, dass er einen separaten Veranstaltungsraum buchen musste, um knapp 80 Partygäst*innen zu hosten. «Schon bald werden wir die Joggeli-Halle mieten», zitierte ihn damals eine Zeitung. 

Seine Party hat es bisher nie in die Joggelihalle geschafft – zu Bollingers Glück dafür aber der ESC 2025. Ob sich damit ein Lebenstraum erfülle? «Das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen», findet Bollinger und schiebt nach: «Ich habe aber eine Woche Ferien genommen und freue mich ungemein.» Zwei Tickets hat er ergattert: für eine Hauptprobe des 1. Halbfinals und für das Public Viewing im Joggeli am Finalabend. In der Konsequenz heisst das aber auch: Zum ersten Mal seit 40 Jahren (wenn man seine Ausflüge zum Wettbewerb ausklammert) wird seine Party ausfallen – vermutlich aus dem einzig valablen Grund.

Wanted!

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Michelle Isler

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Nach einem Masterstudium in Geisteswissenschaften und verschiedenen Wissenschafts- und Kommunikations-Jobs ist Michelle bei Bajour im Journalismus angekommen: Zuerst als Praktikantin, dann als erste Bajour-Trainee (whoop whoop!) und heute als Redaktorin schreibt sie Porträts mit viel Gespür für ihr Gegenüber und zieht für Reportagen durch die Gassen. Michelle hat das Basler Gewerbe im Blick und vergräbt sich auch gern mal in grössere Recherchen.


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