Eine Crèmeschnitte für die Zukunft der Fasnacht
Der Übergang ins Erwachsenenleben ist auch für Fasnächtler*innen ein Wendepunkt. Ohne Anbindung an den Stamm geben einige auf. Um das zu verhindern, gibt es das Gotte-Götti-System – und Kuchen in der Cortègepause.
Freundschaften fürs Leben, die grosse Liebe oder zumindest die Leidenschaft fürs gemeinsame Musizieren mit Trommel und Piccolo. All das können Fasnächtler*innen in den Cliquen finden – vor allem, wenn sie von klein auf dabei sind. Als Aktive sind sie das Herzstück der Basler Fasnacht, das macht stolz, wie der neunjährige Fabian von der Jungen Garde der Pfluderi erzählt. «Man steht nicht nur daneben und schaut zu, sondern ist wirklich Teil des Unesco-Weltkulturerbes.»
Wenn er von der Fasnacht erzählt, wird bereits nach wenigen Sätzen klar: Für ihn ist die Fasnacht gleichermassen besonders und alltäglich. Er ist in einer Fasnachtsfamilie aufgewachsen, seine Eltern, sein Bruder und seine Cousine, sie alle machen Fasnacht – in diesem Fall alle bei den Pfluderi. Für Fabian ist jetzt schon klar, dass er nicht so schnell damit aufhören wird. Das Üben unterm Jahr macht ihm nichts aus, es gehört dazu. Er verdeutlicht die Selbstverständlichkeit mit einem Schulterzucken.
Die Crèmeschnitte
So wie Fabian geht es aber nicht allen Kindern und Jugendlichen in den Cliquen. Viele von ihnen haben keine Geschwister in der Jungen Garde und vor allem keine Eltern, Tanten oder Onkel im Stamm. Und das kann zu einem nachhaltigen Problem werden, nämlich dann, wenn es darum geht, von der Jungen Garde in den Stamm zu wechseln. Wenn die Anbindung zum Stamm fehlt, geben junge Tambour*innen und Pfeifer*innen ihre Leidenschaft an diesem entscheidenden Punkt oft auf.
In dem Alter ist ohnehin viel im Wandel. An der Schwelle zum Erwachsenwerden verändern sich die Prioritäten und die Peergroup, einige gehen auf Reisen, die meisten haben mit dem Abschluss der Schule einen neuen Alltag. Wenn die Jungen keine Bezugspersonen im Stamm haben, ist es schnell vorbei mit der Fasnachtskarriere.
Deshalb pflegen viele Cliquen das Gotte-Götti-System. Jedes Kind darf sich jemanden von den Erwachsenen als Gotte oder Götti aussuchen. Diese Person ist dann ein Jahr lang die Bezugsperson im Stamm. Während der Fasnacht bedeutet das vor allem, dass der grosse Halt am Mittwochabend gemeinsam verbracht wird. Die wichtigste Aufgabe der Gotten und Göttis dabei ist – zumindest bei den Pfluderi – den Kindern im Barbarakeller eine Crèmeschnitte zu spendieren. Dann wird gequatscht und gelacht.
Jasmin Frey war ein Jahr lang Fabians Fasnachtsgotte, als er mit sieben Jahren mit dem Trommeln angefangen hat. Die beiden kennen sich schon, seit Fabian zwei oder drei Jahre alt war und seine Eltern ihn mit zu den Anlässen der Clique nahmen. Sie mag die gemeinsamen Pausen gerne. «Man erfährt da immer sehr viel. Die Kinder kriegen so viel mit, das mir gar nicht aufgefallen wäre», sagt sie.
Die gemeinsamen Stammstunden
Jasmin ist ausserdem Obfrau der Jungen Garde der Pfluderi. Sie weiss, wie wichtig die Junge Garde für den Erhalt des Stamms ist und investiert viel, damit der Nachwuchs gesichert ist. Entscheidend ist dabei nicht nur die Begleitung der kleineren Kinder durch ihre Fasnachtsgotten und -göttis, sondern vor allem die der älteren Jugendlichen. Seit diesem Jahr nehmen sie deshalb schon ab 16 Jahren an den Übungsstunden des Stamms teil und bekommen eine Person als Gotte oder Götti, die sie über mehrere Jahre begleitet um den Zusammenhalt zu stärken und den Schritt in den Stamm zu erleichtern. «Die Idee ist wirklich, dass die Jugendlichen von ihren Fasnachtsgöttis aktiv in die Stammstunden eingeladen werden und diese dann auch gemeinsam besuchen», erzählt Jasmin. So lernen die Jugendlichen die Erwachsenen schon mal kennen und haben später beim Übertritt – so die Hoffnung – weniger Hemmungen, den Schritt in den Stamm zu wagen, weil sie schon eher wissen, was sie erwartet.
Damit die aktive Fasnacht weiter besteht, braucht es nicht nur Jugendliche, die dranbleiben, sondern auch Kinder, die den Weg in die Junge Garde finden. Dafür nehmen die Pfluderi an Aktionen wie der 1. Lektion kurz nach der Fasnacht teil oder empfangen Schulklassen im Cliquenkeller und bringen ihnen die Fasnachtsluft näher. Am effektivsten ist natürlich – wie bei anderen Hobbys auch – die Werbung der Kinder untereinander. Auch Fabian hat schon versucht, seine Gspänli zu überzeugen. Aber ganz so einfach ist es nicht. Schliesslich gibt es viel zu tun, es gilt, ein neues Instrument zu lernen und bei den Pfluderi kaschieren die Kinder die Larven selbst. Ausserdem gibt es regelmässig gemeinsame Anlässe. Fabian schwärmt davon. Ihm gefällt vor allem der gemeinsame Besuch der Herbstmesse und die Übungsstunde auf dem Petersplatz im Sommer.
Wer sich (noch) nicht für ein Instrument und das Üben begeistern kann, darf auch einfach so am Cliquenleben teilnehmen und im Vortrab mitlaufen. «Wir – und ich denke die meisten Cliquen – sind für alle Kinder offen, die gerne ein aktiver Teil der Fasnacht wären. Ich würde mir wünschen, dass viele Kinder mit unterschiedlichsten Hintergründen die Fasnacht so erleben dürfen wie Fabian», sagt Jasmin.
Für Fabian wird diese Fasnacht ganz besonders. Er darf den diesjährigen Binggiszug als Tambourmajor anführen. Üben musste er dafür nicht lange – auch das ist für den Fleisch-und-Blut-Fasnächtler eine Leichtigkeit. «Mein Grossmami hatte mal vier oder fünf Tambourmajorstöcke vom Cortège mitgebracht und mit denen haben wir dann zuhause gespielt», erzählt er. Den Majorstock-Kurs für angehende Tambourmajor*innen im Schützenmattpark hat er trotzdem besucht.