Konkurs de l’Eurochanson

Basels eigener Retro-ESC

Vor 25 Jahren haben bunte Vögel aus der Basler Musikszene einen Amateur-ESC veranstaltet. Die Gesangswettbewerbe wurden zu schrägen Kurztrips durch Europa. Erinnerungsstücke werden derzeit am Spalenberg ausgestellt.

Karl Rottweiler
Karl Rottweiler mit dem Hirsch, dem Wanderpokal von Basels «originalem» ESC – dem Konkurs de l'Eurochanson. (Bild: David Rutschmann)

Basel und der ESC, diese Geschichte ist älter als man denkt. Denn lange vor Nemos Sieg – genauer gesagt sogar in Nemos Geburtsjahr 1999 – ging erstmals ein kleiner Eurovision in Basel über die Bühne: der Konkurs (ja, genau so geschrieben) de l’Eurochanson.

«Das war eine Hommage an das Eurovision, das wir aus unserer Kindheit auf den ersten Farbfernsehern gesehen haben», erzählt Karl Rottweiler. Eigentlich heisst er Baumgartner mit Nachnamen und ist Textildrucker – Karl Rottweiler ist quasi seine «Medien-Persona». Unter diesem Namen hat er einige abgespacete Projekte organisiert – und er ist einer jener bunten Vögel, die Anfang der 2000er Basels ganz eigenen ESC organisierten. Nach der Erstausgabe 1999 fand der «Konkurs» 2000 bis 2006 im Zwei-Jahres-Rhythmus statt.

Wenn Rottweiler vom «Konkurs» spricht, dann mit der vermutlich liebevollsten Intonation, die man dem Wort «Konkurs» geben kann – weil es eben keine Liquidation meint, sondern ein kleines Stück Basler Szenegeschichte. Die Szene war das Roxy Records am Rümelinsplatz, der Musikladen der Stadt. Und dort arbeitete Zoltan, der die Vision hatte, alle Friends aus der Bubble des Plattenladens auf eine Bühne zu bringen.

Konkurs de l'Eurochanson
In der Galerie Kunstpart erinnert derzeit vieles an den «Konkurs»: VHS-Kasetten und CDs – und sogar an Panini-Bildchen angelehnte Künstler*innen-Porträts. (Bild: David Rutschmann)

«Zoltan war in einer Sache besonders gut: Leute überreden», erinnert sich Rottweiler. «Und er kannte viele Leute, denn er hat im Roxy an der Kasse gearbeitet – alle haben ihn gekannt.». Klar, dass er ein paar Musiker*innen für die Idee gewinnen konnte. Aber eben auch Nobodys ohne jegliche Bühnenerfahrung.

Karl Rottweiler trat beim ersten «Konkurs» noch selbst an, damals für Italien. «Zu Italien habe ich eigentlich gar keinen Bezug und italienisch kann ich auch nicht wirklich.» Beim «Konkurs» habe es die Regel gegeben, dass alle Länderbeiträge auch in der Landessprache gesungen werden müssen. Einer, der für Polen antrat, habe «Campari Soda» von Taxi singen wollen, erzählt Rottweiler: «Drei Minuten vor der Show hat er erfahren, dass er nur auf Polnisch singen darf. Also hat er spontan eine polnische Performance mit starkem Schweizer Akzent hingelegt.»

Auch wenn der Konkurs jeweils in Basler Locations – zum Beispiel in der legendären Zwischennutzung «Erlkönig» auf dem «n/t Areal» – stattfand, wurde er wie der richtige ESC jeweils so veranstaltet, als würde ihn das Siegerland aus dem Vorjahr austragen. Also wurde kurzerhand ein kleines Skopje, Mazedonien, oder (noch kleineres) Vaduz, Liechtenstein, in Basel aus dem Boden gestampft.

Konkurs de l'Eurochanson
Programmhefte vom Liechtensteiner Konkurs. (Bild: David Rutschmann)

«Wir haben damals beim Tourismus-Büro Liechtenstein angefragt, ob wir für die Vaduz-Ausgabe Merchandise haben dürfen – sie haben uns zwei Paletten zur Verfügung gestellt. Ich habe noch heute Liechtenstein-Bleistifte», sagt Rottweiler. Die Confiserie Schiesser habe extra für die Show «Fürsten-Konfekt» produziert. «Vielleicht haben sie gedacht, dass das wirklich für den Fürst sein soll», fügt Rottweiler an und lächelt verschmitzt.

Als Belarus den «Konkurs» gewann, gaben sich Rottweiler und Zoltan besonders viel Mühe: Weil die Einreise in den damals noch «Weissrussland» genannten Staat so schwierig war, mussten alle Gäste der Show vorab bei einem provisorischen «Passbüro» vorstellig werden und ein Visum beantragen – erst dann erhielten sie ihr Ticket, mit allen offiziellen Stempeln. 

Die letzte Ausgabe fand 2006 statt – in der Schweiz, natürlich in «Bern». Danach war Schluss. Zunehmend sei das Fernsehen mit Casting-Shows geflutet worden, erinnert sich Rottweiler. Viele junge Leute hätten die Hommage des «Konkurses» nicht mehr ganz verstanden. Klar, man nahm den ESC ein bisschen auf die Schippe. Und es ging auch nicht darum, ernsthaft gut singen zu können. Aber es sollte niemand blossgestellt werden.

Konkurs de l'Eurochanson
Punktezettel und Flyer für den «Konkurs» in «Minsk». Viel Werbung wurde damals nicht gemacht: Den Anlass kannte man hauptsächlich via Mund-zu-Mund-Propaganda. (Bild: David Rutschmann)

«Der ‹Konkurs› hatte seine Zeit, aber irgendwann war diese Zeit auch vorbei», sagt Rottweiler. Und so ruhte der «Konkurs» bis letztes Jahr. 2024 sass Rottweiler gemeinsam mit Zoltan vor dem Fernseher und sah zu, wie Nemo den echten ESC gewann. «Okay!», dachten sie, «it’s coming home.» Sie seien sich einig gewesen, dass man nicht nochmal eine «Konkurs»-Show veranstalten wolle – aber trotzdem irgendwas machen müsste. «Was ich nicht wusste: Zoltan hatte quasi alles noch. Den ganzen ‹Konkurs› im Keller.»

Das heisst: CDs, DVDs, sogar noch VHS-Kassetten, Original-Deko, Voting-Zettel, Moderationskarten, Fotos, Zeitungsartikel, die Absage der Migros-Kulturförderung – und allen voran der fast mannshohe Hirsch-Pokal, den Karl Rottweiler mal in der Brocki fand und der fortan der Konkurs-Wanderpokal wurde. 

Das alles wird derzeit in der Galerie Kunstpart am Spalenberg 30 ausgestellt – eine kleine museale Hommage an eine zutiefst Baslerische Eurovision-Show. In den kleinen Ausstellungsräumen kann man auch bunte ESC-Shirts und Kunstwerke kaufen oder einen Drink geniessen. Karl Rottweiler freut sich über Besuch.

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David Rutschmann

Das ist David (er/ihm):

Von Waldshut (Deutschland) den Rhein runter nach Basel treiben lassen. Used to be Journalismus-Student (ZHAW Winterthur) und Dauer-Praktikant (Lokalzeitungen am Hochrhein, taz in Berlin, Wissenschaftsmagazin higgs). Besonderes Augenmerk auf Klimapolitik, Wohnpolitik, Demopolitik und Politikpolitik. Way too many Anglizismen.

Kommentare

Josimar
13. Mai 2025 um 21:21

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