«Codes werden geschrien, dann fliegen Päckchen aus dem Fenster»

Aus der Kleinbasler Bevölkerung ertönt wegen der Drogenszene im Quartier dieses Wochenende ein weiterer Hilferuf: Mit einer Petition soll eine Art Duldungszone für Dealer*innen ausserhalb des Wohnviertels geschaffen werden.

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Auch an der Efringerstrasse regt sich Widerstand. (Quelle: Valerie Zaslawski)

Menschen aus dem Kleinbasel fühlen sich von der Stadt immer häufiger im Stich gelassen, so scheint es. Erst im August wandten sich Anrainer*innen des Matthäuskirchplatzes mit einem offenen Brief an die Polizei, wie die BaZ berichtete. Immer mehr suchtmittelabhängige Menschen würden den Platz aufsuchen, um dort zu konsumieren. Die Stimmung sei aggressiv. Dieses Wochenende folgte ein weiterer Hilfeschrei. Anwohner*innen lancierten eine Petition; sie verlangen «Massnahmen gegen die ausufernde Drogenszene im Kleinbasel». Konkret gefordert wird eine sogenannte Duldungszone für Dealer*innen ausserhalb des Wohnquartiers. Die Unterschriftensammlung läuft seit Freitag; bis Montagmorgen sind bereits rund 900 Unterschriften zusammengekommen. Im Fokus steht das Dreieck zwischen Claraplatz und Dreirosenbrücke sowie Matthäusplatz.

Doch auch ein Stück nördlicher, an der Efringerstrasse, regt sich Widerstand und Menschen gehen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit. Bajour hat für die Recherche mit zahlreichen Anwohner*innen gesprochen, diese schildern ihre individuelle Wahrnehmung, verallgemeinernde Schlüsse auf das Befinden der ganzen Kleinbasler Bevölkerung sollen daraus nicht gezogen werden. Klar ist jedoch: Der Unmut wächst.

So sagt Brigitte Kalmer*, die eigentlich anders heisst und seit 2011 im nördlichen Kleinbasel wohnt: «Seit zwei Jahren eskaliert es hier.» Am 1. August dieses Jahres sei ihr Mann niedergeschlagen worden. Ein Schreiben der Staatsanwaltschaft liegt Bajour vor. «Mein Mann hat die Leute aufgefordert, nicht direkt vor unserer Haustür zu sitzen», erzählt Kalmer. Dann knallte ihm jemand eine Wasserpfeife gegen den Kopf. «Ich traue mich abends nicht mehr allein auf die Strasse.» Auch entsorge sie regelmässig benutzte Spritzen, die sie auch in ihrem Milchkasten vorfinde.

Überwachungskameras gegen die Angst

Angst hat auch Klaudia Truss*, die ihren richtigen Namen ebenfalls nicht preisgeben möchte. Ihr Schlafzimmer geht zur Strasse hinaus, von ihrem Fenster aus blickt sie auf die Liegenschaft an der Ecke Feldbergstrasse/Erfringerstrasse, um die es hier geht. «Ich traue mich nicht, mit Ohrstöpseln zu schlafen, weil ich mittlerweile so paranoid bin, dass ich denke, dass ich dann keinen Einbruch höre.» Dabei bräuchte sie die Stöpsel. Fast jede Nacht wird es laut an dieser Ecke. Menschen suchen das besagte Haus auf, brüllen immer wieder denselben Namen, hämmern gegen die Türe, schmeissen leere Bierflaschen auf den Asphalt. Und am nächsten Morgen: blutige Taschentücher, benutzte Spritzen, Müll. Offensichtlich werden in der besagten Liegenschaft Drogen konsumiert und offensichtlich werden sie dort verkauft.

«Ich traue mich nicht, mit Ohrstöpseln zu schlafen»

Klaudia Truss, Anwohnerin

Ein weiterer Anwohner berichtet, dass er mit einem Messer bedroht wurde, als er eine Person beim Velodiebstahl erwischte, bei einer anderen Nachbarin wurde im Keller eingebrochen. Eine Vermieterin hat in ihrem Haus in der Strasse eine Überwachungskamera installiert. Viele schliessen so wie Truss schon lange nicht mehr ihr Velo draussen an, parken ihre Roller in einer anderen Strasse.

Polizei: Viel Wissen, wenig Handlungsmacht

Sowohl Kalmer als auch Truss haben sich an die Quartierspolizei gewandt. Einmal traf sich Truss mit dem zuständigen Beamten in ihrer Wohnung, da sie Angst hatte, mit ihm auf der Strasse gesehen zu werden. Der Polizist soll gesagt haben, dass ihm das Haus, in dem es in diesem Jahr schon zwei Mal gebrannt hat, bekannt sei. Er sei da einmal drin gewesen und möchte nicht mehr rein. Zum Verdacht des Drogenhandels konnte er nicht viel sagen. Truss fragte nach, was sie denn tun soll, nachts bei Lärm zum Beispiel. Die Antwort lautete: «Die Polizei rufen.»

Bei der Polizei ist die Problematik in der Liegenschaft bekannt. Stefan Schmitt, Mediensprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt, erklärt, dass Lärmklagen warten müssten, wenn alle verfügbaren Patrouillen im Einsatz seien. Und weiter: «Wir stehen in Kontakt mit der Besitzerschaft und den Mittlern im öffentlichen Raum.»

Mittler*innen im öffentlichen Raum gibt es in Basel seit gut 20 Jahren. Laut dem Gesundheitsdepartement sind zurzeit sechs Personen unterwegs. Sie suchen suchtmittelabhängige Menschen im Umfeld der Kontakt- und Anlaufstellen-Stellen (K&A-Stellen) auf, auch Anwohner*innen können sich direkt an sie wenden. Regine Steinauer von der Abteilung Sucht des Kantons, die auf ein Dialogangebot aufmerksam macht, sagt: «Die Anwohner*innen der Efringerstrasse können natürlich auch in der Abteilung Sucht anrufen und Fragen stellen.» Gleichzeitig sagt sie: «Das ändert aber nicht zwingend die Situation in der Liegenschaft.»

«Es braucht nun Regen, damit sich die Situation wieder etwas beruhigt.»

Theres Wernli, Stadtteilsekretariat Kleinbasel

Wohin mit der Szene?

Das Problem ist nicht neu. Drogenabhängige sind mal mehr, mal weniger ein Thema in einer Stadt, sei es nun Basel, Zürich oder Genf. Klar ist, dass es suchtmittelabhängige Menschen gibt.

Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel hat eine einfache, aber einleuchtende Erklärung, warum das Thema derzeit wieder für Schlagzeilen sorgt: «Es war ein langer und heisser Sommer, die Menschen haben mit offenen Fenstern geschlafen. Und während der lauen Nächte sind die Gassen auch für Drogensüchtige und Dealer attraktiv. Die Anwohner*innen haben einfach genug. Es braucht nun Regen, damit sich die Situation wieder etwas beruhigt.»

Ausserdem ist der Drogenmix, der derzeit kursiert, aggressiv. Das weiss auch Horst Bühlmann, er arbeitet seit knapp 20 Jahren mit Drogensüchtigen zusammen. Seit 2014 leitet er die K&A-Stellen am Dreispitz und am Riehenring. Letztere ist nicht weit entfernt von der Efringerstrasse. Die Orte werden täglich durchschnittlich von 185 Menschen besucht. Überwiegend ist es Kokain, was die Leute hier konsumieren. Cracksteine, also mit Backpulver zum Klumpen verbackenes Kokain, seien bisher nicht aufgefallen. Bühlmann hat einen aufrechten Gang, hört aufmerksam zu. Er kennt die Stammkunden. «Der Kokainkonsum ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Wir haben auch mehr Psychosen und psychisch auffällige Leute.» Die Auswirkungen merken auch die Anwohner*innen in Kleinbasel: «Kokain ist eine Droge, die stimuliert, kontaktfreudiger macht und euphorisiert», erklärt Bühlmann. 

Es ist laut auf dem von Blechwänden umzäunten Vorplatz. Im stetigen Strom brausen Autos und Lastwagen auf die angrenzende Autobahnauffahrt. In einer Ecke steht ein Kicker. 

Sicherheitspersonal prüft die Identitätskarten der Menschen, denn nur volljährige und in Basel und im Baselland wohnhafte dürfen den Ort nutzen. Menschen, die konsumieren wollen, begeben sich in den Innenraum mit gelbem Linoleumboden. Am Tresen gibt es kostenlos Suppe und Tee. Doch die meiste Zeit stehen die Gäste an, um in extra Räumen entweder zu rauchen, sich zu spritzen oder Pulver zu ziehen.

In der K&A-Stelle bekommen die Drogensüchtigen saubere Spritzen und Besteck, können sich einmal die Woche von einem Arzt untersuchen lassen und treffen auf Andere, werden respektiert, aber auch kontrolliert. «Wir sind hier in einem Umfeld, wo jeder von jedem profitiert, das muss man sich klar machen», meint Bühlmann.

«Das hier ist ein Drogenumschlagplatz. Eine Person wirft immer wieder einen Schlüssel herunter.»

Klaudia Truss, Anwohnerin

Eine Sucht hat ihren eigenen Rhythmus

Doch wenn die K&A-Stelle am Riehenring schliesst, endet die Sucht der Menschen nicht. Die Leute brauchen Stoff, sie finden ihn nicht nur im südlichen Kleinbasel, sondern auch in der Efringerstrasse. «Das hier ist ein Drogenumschlagplatz. Eine Person wirft immer wieder einen Schlüssel herunter. Codes werden geschrien, dann fliegen Päckchen aus dem Fenster», sagt Truss, die Nachbarin von gegenüber.

Das Problem ist jedoch noch eine Nummer grösser: Die besagte Liegenschaft gehört einem Mann aus Zürich, Geschäftsführer des Immobilienunternehmens Amicasa. Angeblich soll er die Wohnungen in kleine WG-Zimmer unterteilt haben, um diese für horrende Preise zu vermieten. Kalmer, Truss und weitere Anwohner*innen äussern diese Annahme. Die Tageswoche berichtete darüber bereits 2018.

Es scheint, als ob sich der Vermieter auf Sozialhilfe- und AHV-Empfänger*innen spezialisiert hat. Der Vorteil: Der Kanton zahlt zuverlässig die Miete. Oftmals kümmert sich der Vermieter dann kaum mehr. Wenn jedoch Nebenkosten zu hoch angesetzt sind oder Reparaturen nicht durchgeführt werden, kann der Kanton mietrechtlich dagegen vorgehen. 

Die Schwierigkeit dahinter: Mietende müssen hierfür mit dem Sozialamt kooperieren, indem sie Mängel melden. Aber wer macht das schon, wenn die Sucht im Vordergrund steht? 

«Die Stadt kauft im Kleinbasel Liegenschaften, die sie für Drogensüchtige nutzt, weil diese hier günstiger sind als beispielsweise im Gellert.»

Theres Wernli, Stadtteilsekretariat Kleinbasel

Es geht also wie so oft um unterschiedliche Interessen. Die von Vermietern und Mietern, von kranken und gesunden Menschen, von Politiker*innen und Bürger*innen. Und viele wollen kooperieren. Regine Steinauer vom Gesundheitsdepartement meint: «Es braucht eine Zusammenarbeit mit der Polizei, mit der Stadtgärtnerei, mit Sicherheitsfirmen, mit der K&A. Diese Zusammenarbeit funktioniert aktuell gut.»

Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel nimmt die Stadt in die Pflicht: «Die Stadt kauft im Kleinbasel Liegenschaften, die sie für Drogensüchtige nutzt, weil diese hier günstiger sind als beispielsweise im Gellert.» Deshalb sei es wichtig, dass die Stadt nun auch die Ressourcen in die Hand nehme, um die Probleme zu lösen, die dadurch angezogen würden.

Die Anwohner*innen des genannten Dreiecks oder der Efringerstrasse bekommen von Problemlösungen derzeit nicht viel mit. Viele denken über ein Wegziehen nach. «Ich weiss, dass es den Menschen schlecht geht», sagt Truss, «Aber ich würde mir wünschen, dass das Haus geräumt wird und sie woanders unterkommen.» Die Frage ist nur, wo?

«Ich habe das Gefühl, man hat uns hier aufgegeben», sagt Kalmer, «So nach dem Motto, das ist sowieso ein Problemquartier.»

*Namen der Redaktion bekannt.

Mitarbeit: Valerie Zaslawski

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