«Ich wollte Trump einen Schnabel geben»
Als kopflose Hühner irren die Mitglieder Santihans-Clique durch die Fasnacht – und parodieren damit die US-amerikanische Politik. Trump wird auf ihrer blutigen Laterne als Schlächter der Demokratie gezeigt. Gezeichnet hat sie Marika Leuenberger.
«Als ich angefangen habe mit Laternenmalen, musste ich erstmal ganz viel Pesto essen. Die Gläser sind eigentlich zu klein, um Farben darin abzumischen, aber trotzdem benutze ich sie. Andere verwenden hauptsächlich grössere Marmeladengläser dafür, aber weil wir so viel Marmelade selbermachen, sind nicht genug freie Gläser übrig fürs Malen.
Ich male seit 30 Jahren. Aber als ich 2019 zum ersten Mal einen Strich auf eine Laterne gemacht habe, habe ich direkt gemerkt: Das ist anders. Ich habe mich fast nicht getraut und mir mega den Druck gemacht. Mir war bewusst: Was ich hier male, werden viel mehr Leute anschauen als ich mir gewohnt bin – schliesslich wird die Fasnacht sogar im Fernsehen gezeigt. Und es gibt so viel beim Malen, das man beachten muss. Freddy Oettli, ein bekannter Laternenmaler aus dem Kleinbasel, hat mich an gewisse Basics herangeführt. Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl mit dem Laternenmalen. Es ist Learning by doing, ich habe auch gemerkt, dass ich nicht alles genauso machen muss wie die ‹alten Laternenkünstler›.
Für viele Maler*innen, die zum ersten mal eine Laterne malen, ist ja oft die Grösse das Problem, deshalb fangen viele mit einer Jungen Garde an und wechseln dann vielleicht in den Stamm – man arbeitet sich also hoch, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch die Grösse stört mich nicht mal, denn ich habe als selbstständige Künstlerin auch schon grossflächige Wandbilder für Vereinslokale und Kinderzimmer gemalt. Gelernt habe ich Steinbildhauerin, auch da ist das Format nicht gerade klein.»
«Es ist vor allem der Zeitaufwand, der mir Respekt macht: Man ist über Monate mit dem selben Projekt beschäftigt, das braucht unglaublich viel Ausdauer. Seit zwei Jahren lerne ich tätowieren – da sind sowohl ich als auch der Tätowierte nach sechs Stunden müde. Beim Laternenmalen bin ich oft 15 Stunden in der Halle und noch lange nicht fertig. Wenn man bedenkt, dass die Laterne dann nur für drei Tage in voller Pracht existiert und danach ausgeschnitten und zusammengerollt wird … ein Tattoo bleibt im Vergleich ja ein Leben lang auf der Haut.
Letztes Jahr sind die beiden Seiten meiner Laterne von der Clique J.B. Santihans intern verkauft worden. Da war eine grosse Hummel drauf. Dieses Jahr bezweifle ich, dass jemand ein grosses, blutiges Gemälde von Donald Trump bei sich im Wohnzimmer aufhängen will. Aber wer weiss.
‹Huenited States of Fools› ist der Titel des Sujets – das erste Wort ist ein Kofferwort aus ‹united› (als das man die USA nicht mehr bezeichnen kann) und ‹Huhn›. Die US-amerikanische Politik erscheint einem immer mehr wie bei einem kopflosen Huhn – es läuft noch panisch wild und ziellos rum. So läuft auch die Clique wirr herum, kommt sich in die Quere. Vom Tambourmajor als Obergoggel Trump abgesehen sind alle als geköpfte Hühner verkleidet – und ich habe ganz viele davon auf die Laterne gemalt.
Es ist also eine sehr blutige Laterne geworden. Ich habe da kein Problem damit, ein bisschen mehr ‹gorey› (wie US-Illustrator Edward Gorey, berühmt für makabre, viktorianische Zeichnungen, Anm. d. Red.) zu malen – mir macht das Spass, beim Malen düstere Ecken zu erkunden. Das ist ein guter Kontrast: Wenn ich Bilder fürs Kinderzimmer gestalte, kann ich keine Orks malen. Da kann man auch mal Dampf ablassen. Zum Beispiel als ich die ‹Blutspritzer› auf die Laterne gemacht habe: Dafür habe ich die Laterne hingelegt, alles abgedeckt, was nicht blutig werden sollte und dann meinen inneren Jackson Pollock beschworen. Es war, als würde ich selber ein Massaker anrichten.»
«Vor der Trump-Seite der Laterne habe ich mich lange gedrückt. Ich wusste nicht, was für einen Gesichtsausdruck ich ihm geben soll. Kurz habe ich überlegt, ob ich ihm einen Schnabel geben soll. Es gibt ja so viele Bilder von ihm, ich habe mir dann mit KI Vorschläge zur Inspiration geben lassen, aber schliesslich habe ich den Gesichtsausdruck doch selbst entworfen. Es gibt Spassigeres, als sich die ganze Zeit dieses Gesicht anschauen zu müssen, wenn man so eine Laterne malt – und das geht ja Monate. Der Clique wollte ich das ersparen, also ist das die Vorderseite – dann müssen sie sein Gesicht nicht die ganze Zeit sehen.
Dass ich Trump mit einem grossen Fleischermesser zeichnen will, war mir aber schon länger klar. Es soll zeigen, dass er all die Hühner auf der anderen Seite der Laterne geköpft hat – er tötet keine Menschen, aber den American Dream. Deshalb habe ich die amerikanische Flagge noch gemalt, die er in seinem Wahn zerfetzt. Ich wollte, dass die Flagge richtig mitgenommen aussieht. Deshalb habe ich die Sterne auch nur gekritztelt dargestellt. Die Freiheitsstatue kann dem ganzen nur mit bleiernen, schweren Tränen zuschauen – wie Trump sich jeden Tag widerspricht, tobt und Chaos hinterlässt.
Am Schluss jeweils noch die Väärs auf die Laternen zu zeichnen, finde ich manchmal etwas mühselig. Als Künstlerin tut es auch ein bisschen weh, wenn ich dann noch Schriftzüge auf mein fertiges Bild draufschreiben muss – ich vergesse auch immer, Platz dafür zu lassen und muss dann noch richtig kämpfen, um geeignete Stellen zu finden. Aber klar, ich verstehe, dass die Väärs absolut zur Fasnachtskultur dazu gehören.
Mir ist bewusst, dass meine Laterne nicht die einzige mit Trump-Bezug ist – er ist dieses Jahr das ganz grosse Thema an der Fasnacht. Laut dem Fasnachts-Comité sind es 29 Einheiten mit Trump-Sujet. Ich finde aber nicht, dass unter uns Laternenmaler*innen dadurch ein Konkurrenzkampf entstanden ist, wer die krasseste Trump-Laterne hat. Im Gegenteil: Je mehr Cliquen Trump kritisieren, desto mehr Nachdruck verleihen wir dem.»