Laternenmalen

«Wollten etwas weniger brav sein»

Die gemischte Clique Junteressli steht für die Emanzipation der Frauen in der Strassenfasnacht. Dieses Jahr kokettieren sie mit der Abschaffung des Frauenstimmrechts. Mattia Serena hat das mit Chätzli, Leu und Hyäne auf die Laterne gebracht.

Mattia Serena Laternenmalen
(Bild: Dominik Asche)

«Wir wollten bewusst einmal etwas weniger brav sein», sagt Mattia Serena. Nachdem die Junteressli im vergangenen Jahr noch mit der Schliessung der Bäckerei Krebs ein unverfängliches, hyperlokales Thema wählten, sind sie dieses Jahr mit einer provokanten, gesellschaftskritischen Laterne unterwegs, entworfen von Serena. «Frauenstimmrecht abschaffen» steht da gross drauf. Wer die Rückseite betrachtet, findet noch ein Plakat auf dem steht: «Femizide statt Feminismus.»

Das sind keine Forderungen der Junteressli, aber vielmehr eine düstere, zugespitzte Zukunftsvision, was von reaktionären Kreisen gefordert werden könnte. Diese werden auf der Rückseite als aggressive Meute von Hyänen dargestellt, darüber prangen (auf bewusst AfD-blauem Hintergrund) lauter Schlagworte aktueller Gesellschaftspolitik: Die Atomkraft erlebt ihre Renaissance, Aufrüstung ist en vogue, Abtreibungsrechte geraten unter Druck, Remigration als Begriff kommt aus der rechtsextremen Schmuddelecke und mit «Tradwife»-Content auf Social Media wird Gleichstellung infrage gestellt. 

Die Junteressli halten also fest: Die Gesellschaft bewegt sich rückwärts. Welche gesellschaftliche Errungenschaft wird als Nächstes zur Diskussion gestellt? So kamen sie auf die Abschaffung des Frauenstimmrechts? Eine fast schon ketzerische Thematik, der sich ausgerechnet die Junteressli annehmen. Schliesslich waren sie 1969 der erste geschlechtergemischte Stammverein an der Basler Fasnacht. Sie stehe für die «Emanzipation der Frauen in der Strassenfasnacht», schreibt die Clique über sich selbst.

Entsprechend waren nicht alle in der Clique begeistert von der kontroversen Zuspitzung des diesjährigen Themas. «Es ist auch kein lustiges Thema, es ist absolut ernst – aber wir wollen aufzeigen, dass es bei den aktuellen Entwicklungen ein realistisches Szenario ist.» Das wollte Serena auch mit der Laterne auffangen: «Ich frage mich bei den Hyänen immer noch, ob sie zu lieb aussehen.»

Fasnachtslaterne Junteressli
Aggressiv fauchen einen die reaktionären Hyänen auf der Laterne an. (Bild: Dominik Asche)

Das Frauenstimmrecht gibt es in der Schweiz seit 55 Jahren, in Basel liegt die Einführung 60 Jahre zurück. 2016 machte ein Verein zum 50-jährigen Jubiläum der Abstimmung die damaligen Plakate noch einmal im Stadtbild sichtbar. Da stand dann: «Seien wir ritterlich und stimmen Ja für unsere Frauen.» Oder eine Zeichnung eines glücklichen Mannes mit Knutschfleck auf der Backe, der ein «Ja» in die Urne wirft.

Referenzen an diese legendären Plakate finden sich auf der Vorderseite der Junteressli-Laterne – allerdings so stilisiert, als würden sie abgerissen an einer Wand hängen. Auch der violette Grundton der Laterne – und damit die Farbe des Frauenstreiks – verblasst. Darüber geklebt wurde hingegen das grosse «Frauenstimmrecht abschaffen»-Plakat. Es zeigt eine an 50er-Jahre-Familienmodelle angelehnte Visualisierung: Der Mann entspannt mit einem Glas Whiskey in der Hand, die Frau bedient ihn.

Beide sind anthropomorphe Tiere: die Frau als Katze, der Mann als Löwe. Und mit diesen  nach Geschlechtern getrennten Larven sind auch die Junteressli unterwegs. «Chätzli», so sagen Macho-Männer auf Baseldytsch, wenn sie Frauen meinen. Der «Leu» als Symbol von Stärke, Überlegenheit und Alpha-Mentalität findet sich in quasi allen erdenklichen Macho-Subgruppen. Im Vortrab haben die aggressiven Hyänen ihren Auftritt.

«Wir haben auch mal überlegt, als Larve Andrew Tate zu nehmen, aber den hätte in Basel wohl niemand erkannt», sagt Serena. Der frauenfeindliche und rechtsextreme Influencer ist eine Gallionsfigur der «Manosphere», einer antifeministischen Bewegung. Strafermittlungen gegen ihn umfassen Vergewaltigung, Menschenhandel und Kindesmissbrauch.

Fasnachtslaterne Junteressli
Einblick auf die Innen- und damit die Rückseite der Laterne mit dem Trad-Wife-Chätzli. (Bild: Dominik Asche)

Mattia Serena malt die Laternen der Junteressli bereits seit vielen Jahren. Angefangen mit dem Laternemalen hat er auf Anfrage der Alten Abverheyte – die vor 80 Jahren die allererste Frauenclique Basels war. Seine Grosstante, auch eine Laternenmalerin und stark vernetzt in der Fasnachtsszene, stellte den Kontakt her. In den ersten Jahren waren die Laternen jeweils noch Teamwork, denn er entwarf sie gemeinsam mit seinem Bruder. Dieser ist Architekt, Mattia Serena arbeitet in der visuellen Kommunikation – er macht Flyer, Plakate oder auch Wimmelbücher.

Die ersten Laternen der Serena-Brüder entstanden noch in der elterlichen Garage, irgendwann entstand auch mal eine im Wohnzimmer von Serena. «Ich versprach meiner Freundin, dass ich als Wiedergutmachung für die Belagerung unserer Wohnung für drei Monate etwas ihrer Wahl auf der Laterne verstecke», erzählt er. So hat es angefangen, dass sich auf allen seiner Laternen als Signatur drei Pinguine wiederfinden. Mittlerweile malt Serena in der Messehalle, wo gleichzeitig auch andere Maler*innen aktiv sind – ein «Gamechanger» für das Perfektionieren der eigenen Technik, findet er.

Denn im Vergleich zu anderen Malstilen ist das Malen auf Laternen eine Welt für sich – korrigieren lässt sich nichts, «was drauf ist, ist drauf», so Serena: «Es kommt immer der Punkt, wo man Entscheidungen hinterfragt, die man drei Monate vorher getroffen hat. Eine Krise beim Malen haben im Verlauf dieser Zeit alle mal.» Denn als Laternenmaler*in sei man sich bewusst, dass man vielen Leuten verpflichtet ist, die in der Clique darauf vertrauen, dass das Thema gut umgesetzt wird.

Serena hat dennoch grosse Freude am alljährlichen Laternenmalen: Es sei ein guter «hardcore analoger» Ausgleich zu seiner sonst eher digitalen Arbeit. «Es ist schon auch cool, dass so viele Leute dann die eigene Kunst sehen und darüber reden. Und wo sonst haben politische Äusserungen und Klamauk, Party und Melancholie so gut Platz nebeneinander?» 

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Von Waldshut (Deutschland) den Rhein runter nach Basel treiben lassen. Used to be Journalismus-Student (ZHAW Winterthur) und Dauer-Praktikant (Lokalzeitungen am Hochrhein, taz in Berlin, Wissenschaftsmagazin higgs). Besonderes Augenmerk auf Klimapolitik, Wohnpolitik, Demopolitik und Politikpolitik. Way too many Anglizismen.

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