«Man darf nach Mallorca fliegen, aber nicht ins Theater gehen?»

Das Theater Basel bleibt wegen der Verlängerung der Corona-Massnahmen geschlossen. Das Geld wird knapp und die Belegschaft verspürt eine «extreme Leere».

Das Stück "The Square" hätte am 5. April im Theater Basel Premiere feiern sollen.
Das Stück «The Square» hätte am 5. April im Theater Basel Premiere feiern sollen. (Quelle: Maurice Korbel)

«Dann kam Freitag», sagt Angela Osthoff, Dramaturgin am Theater Basel, «dann kam der Frust.» Ihre Hoffnung hatte im «Basler Modell» gelegen. Also in diesem Konzeptpapier, das zeigt, wie ein pandemiekonformer Restart der Basler Live-Kultur aussehen könnte. Das Theater Basel hatte es im Januar zusammen mit 18 weiteren Basler Kulturinstitutionen an den Bundesrat überwiesen.

Doch dann kam eben dieser Freitag, 19. März, an dem der Bundesrat verkündete, dass die Corona-Massnahmen verlängert werden. Kein Restart. Die Vorhänge im Theater Basel bleiben zu. Der Spielbetrieb liegt seit Dezember still. 

Sitzung, Sitzung, Sitzung

Benedikt von Peter, der neue Intendant, war letzte Woche nicht zu erreichen. Sitzung, Sitzung, Sitzung, heisst es. Schliesslich müssten Aufführungen umdisponiert, Verträge neu gemacht, das Einreisen von Gastschauspieler*innen neu geplant werden – schon wieder.

Seine Enttäuschung über den Bundesratsbeschluss bringt Benedikt von Peter in einer kurzen Medienmitteilung zum Ausdruck. Und er schreibt darin von einer «extremen Belastung, finanziell, aber zunehmend auch psychisch für unsere Belegschaft».

Angela Osthoff, seit der Spielzeit 20/21 Dramaturgin am Theater Basel
Angela Osthoff arbeitet seit der Spielzeit 20/21 als Dramaturgin am Theater Basel. (Quelle: zvg)

Angela Osthoff will mit Bajour über diese psychische Belastung sprechen. Die Premiere ihres Stücks «The Square» – eine Bearbeitung des gleichnamigen, preisgekrönten Films von Ruben Östlund – war zunächst von Dezember auf Anfang April verschoben worden, und muss nun ein zweites Mal verschoben werden. 

«Das ist wahnsinnig frustrierend», sagt Osthoff, «weil das Ganze so irrational ist.» Schliesslich sei «Einkaufen viel gefährlicher als ins Theater zu gehen». Die 31-jährige Deutsche bezieht sich auf eine Studie der Technischen Universität Berlin. Diese kam zum Schluss, dass die Ansteckungsgefahr mit Corona in einem Theatersaal mit Maske nur halb so hoch ist wie im Supermarkt – sofern nur ein Drittel der Plätze belegt sind. Osthoff sagt: «Und genau so irrational ist es, dass ich nach Mallorca fliegen darf, aber nicht ins Theater gehen kann.»

«Du arbeitest, arbeitest, arbeitest, aber es kommt nichts dabei heraus.»

Angela Osthoff, Dramaturgin

Aber auch der frustrierende Alltag belastet Osthoff: «Du arbeitest, arbeitest, arbeitest und es kommt nichts dabei raus. Du hast kein Ziel, du weisst nicht, wann die Premiere ist und sich die ganze Energie, die sich in den Proben aufgestaut hat, entladen kann.»

Osthoff spricht von Adrenalin, das in der Umkleidekabine verkümmert, von einem permanenten Selbstgespräch, das man mit sich führt, statt in die glänzenden Augen des Publikums zu blicken und von ihm Feedback zu erhalten. «Wenn das wegfällt, tut sich ein extrem grosses Loch auf, eine Leere.»

Stefanie Pechtl ist seit August 2019 Tänzerin beim Ballett Theater Basel
Stefanie Pechtl ist seit August 2019 Tänzerin beim Ballett Theater Basel. (Quelle: Christian Dörr)

Stefanie Pechtl, Tänzerin beim Ballett Theater Basel, erlebt die Situation ähnlich. Es sei mental sehr anstrengend, dass das Ziel ihrer Performance – also der Auftritt vor einem Live-Publikum – immer wieder aufgeschoben wird.

«Künstler und Publikum sind im Moment wie Kinder, die zwar ihre Hausaufgaben gemacht haben, nun aber nicht rausgehen und miteinander spielen dürfen», sagt die 32-jährige Österreicherin. 

Beim Ballett Theater Basel sollte diesen März eigentlich das 20. Dienstjubiläum von Ballettdirektor Richard Wherlock gefeiert werden, mit «einem Feuerwerk aus zeitgenössischer Tanzkunst», wie es die Veranstalter*innen nennen, auf allen drei Bühnen.

«Es ist wahnsinnig schade, dass wir dieses aufwändige und auch finanziell teure Projekt, das der Ballettsparte sehr am Herzen liegt, jetzt nicht mit dem Publikum teilen können», sagt Pechtl. «Ballett auf allen Bühnen» soll nach Möglichkeit zu einem späteren Zeitpunkt während dieser Spielzeit gezeigt werden.

«Künstler und Publikum sind im Moment wie Kinder, die zwar ihre Hausaufgaben gemacht haben, nun aber nicht rausgehen und miteinander spielen dürfen.»

Stefanie Pechtl, Tänzerin

Pechtl und Osthoff sind aber dankbar, dass während des Shutdowns weiter geprobt und trainiert werden kann. Der kleine Rahmen schaffe Nähe, und man bleibe mit den Kolleg*innen in ständigem Austausch, auch darüber, wie es einem geht. So fühle man sich mit seinen Sorgen nie alleine gelassen.

Tatsächlich gibt es im Haus auch Anlaufstellen, wo Mitarbeiter*innen psychologische Betreuung einholen könnten. «Ich habe das zwar nicht in Anspruch genommen, aber es gibt bei der Personalabteilung die Möglichkeit, dass du dich bei jemandem melden kannst, wenn’s dir schlecht geht», sagt Osthoff. 

Und Pechtl nennt in diesem Zusammenhang den Physiotherapeuten, denn dieser sei auch so etwas wie der Psychologe der Tänzer*innen. «Er passt gut auf uns auf.»

Tanz mit uns.
Bajour

Niemand im Haus will sich vom Frust und von der Angst lähmen lassen, im Gegenteil, man gibt sich kämpferisch. «Die Leitung sagte uns, dass wir spielen, sobald wir können, auch nur für fünfzig Leute», sagt Osthoff. «Sie setzt ein Signal, dass wir uns nicht einfach einigeln, sondern dass wir raus wollen.»

Es ist auch ein Signal an das Publikum: «Wir warten sehnlichst auf euch und sind für euch da, mit offenen Armen, sobald es geht», verspricht Pechtl.

Ein bisschen hat sie die aktuelle Spielzeit aber schon abgeschrieben, gibt Osthoff zu. Sie hoffe zwar schon, dass sie vor der sechswöchigen Sommerpause noch raus kommen kann. Aber wenn nicht? «Dann starten wir eben mit der nächsten Spielzeit so richtig durch, wenn sich hoffentlich bis im Spätsommer alles wieder einigermassen normalisiert hat.»

Der nächste Entscheid des Bundesrats über allfällige Öffnungsschritte fällt voraussichtlich am 14. April. 

«Ohne Ausfallentschädigungen gehts nicht»

Neben der zunehmend psychischen Belastung auf Grund der andauernden Zwangsschliessung leidet das Theater Basel nach eigenen Angaben auch unter einer extremen finanziellen Belastung.

Was bedeutet das konkret? Alexander Kraus, der stv. kaufmännischer Direktor vom Theater Basel, gab uns schriftlich Antwort:

Alexander Kraus: Das bedeutet vor allem einen massiven Druck und eine grosse Herausforderung für alle Beteiligte: Künstler*innen, Mitarbeiter*innen aus Werkstätten, Bühnen- und Vorstellungsbetrieb, Billettkasse, Gastronomie, Kommunikation, Verwaltung und die Theaterleitung. 

Wie gross ist der Einnahmenverlust durch das wegbleibende Publikum? 

Wir haben für diese Spielzeit über 8 Millionen Franken an Billetteinnahmen budgetiert, bisher konnten wir noch nicht einmal eine halbe Million erlösen. Es gibt zum Teil auch massive Rückgänge bei Vermietungen, Dienstleistungen, Gastspielen und bei der Gastronomie. 

Sitzt das Theater Basel auf Reserven, und wenn ja, wie lange reichen diese noch?

Das Theater Basel hat keine Reserven. Es gibt zweckgebundene Rückstellungen u.a. für Einnahmeausfälle, die wir jetzt auflösen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Deckung der Ausfälle leisten können.

Was ist die kurz- und mittelfristige Strategie, um den Betrieb trotz dieser Einkommensausfälle aufrechtzuerhalten?

Eine Gratwanderung. Wir haben Produktionen gestrichen oder verschoben, Einsparungen vorgenommen und Theater Basel digital entwickelt, damit wir dem Publikum auch etwas bieten können, wenn wir nicht spielen dürfen. Gleichzeitig sind wir spielbereit, sodass wir für unser Publikum spielen können, sobald wir das dürfen. Kurzarbeit spielt eine grosse Rolle und am Ende wird es ohne Ausfallentschädigung nicht gehen. 

Hat das Theater Basel Ausfallentschädigungen und/oder Beiträge an ein Transformationsprojekt beantragt?

Bisher konnten wir den Ausfall durch Einsparungen, die Auflösung von Rückstellungen und Kurzarbeitsmassnahmen decken. Bis Saisonende wird das aber nicht ausreichen und wir gehen davon aus, dass wir bereits für den Zeitraum Januar bis April Ausfallentschädigung beantragen müssen. Ein Transformationsprojekt zum Thema «Publikumsoffensive» ist entwickelt und wird eingegeben. 

Das Theater Basel ist eines der am höchsten subventionierten Kultureinrichtungen der Stadt. Steht das Theater Basel während der Pandemie besser da als alle anderen?

Es ist richtig, dass wir eine feste Subvention haben, die bisher nicht gekürzt wurden. Dies gilt für alle Subventionsempfänger, aber es ist klar, dass insbesondere die Freie Szene und vor allem freischaffende Künstler*innen deutlich stärker und teils existentiell betroffen sind. Wir engagieren uns für diese, sei es im Netzwerk Kulturpolitik Basel oder mit dem Bemühen, möglichst vielen Künstler*innen aus Basel eine Plattform zu bieten.  

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