Filmkritik

Mehr Fragen als Antworten

Wer darf bleiben? In ihrem Film «Die Anhörung» setzt Regisseurin Lisa Gerig an der Stelle an, wo sich mehr Fragen als Antworten zum Umgang mit Asylsuchenden stellen. Ein mutiger Film, meinen unsere Kolleg*innen von Filmexplorer.

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(Bild: Die Anhörung)
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Abgelehnt. Das ist es, was die vier Protagonist:innen in Lisa Gerigs Dokumentarfilm gemeinsam haben. Die Lebenswege der Asylbewerber:innen, die sich im Laufe des Films alle als komplex erweisen, treffen in der Schweiz aufeinander, und die Betroffenen teilen durch den negativen Entscheid ein Schicksal. Die Anhörung beleuchtet als eine Mischung aus dokumentarischem Planspiel und Reenactment die obligatorische «Anhörung zu den Fluchtgründen», die dem Staatssekretariat für Migration (SEM) als einzige Entscheidungsgrundlage dient. Ein zweites Mal begeben sich vier Asylsuchende also in eine angespannte Situation, in der sie Staatsangestellten Rede und Antwort stehen müssen und angehalten sind, «glaubwürdig und widerspruchsfrei» ihren Anspruch auf Asyl in der Schweiz zu belegen.

Lisa Gerig, die jahrelang für das Hilfsnetzwerk Solinetz tätig war, begegnet Pascal Onana, Victoria Innocent, J. Sael und Living Smile Vidja von der ersten Einstellung an auf Augenhöhe. Gemeinsam arrangieren sie in kargen Büroräumlichkeiten das Set, das eine rohe und entblössende Grundlage für die Anhörungen schafft. Mittig im Raum steht ein Tisch, an dem vier Menschen Platz nehmen. Neben den Befragten eine Person aus einer NGO, die Dolmetscher:innen und die SEM-Interviewer:innen. Etwas abseits steht ein weiterer Tisch mit einem Computer, hier führt jemand Protokoll. Taschentücher gehören auf den Tisch, denn es werde viel geweint, sagt die aus Nigeria stammende Victoria Innocent. Alle Augen seien auf einen gerichtet und man sitze alleine am Ende des Tisches, erzählt der politisch aktive Kameruner Pascal Onana. Nach und nach kommen die Teilnehmenden, die sich in dem Setting zum ersten Mal begegnen, zusammen.

Die einzelnen Anhörungen nehmen ihren Lauf. Routiniert erläutern die Interviewer:innen des SEM die Rahmenbedingungen, Pflichten und Konsequenzen der Anhörung. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit werden in kürzester Zeit persönliche Fragen gestellt; auch von dem Recht, die Asylsuchenden beim Erzählen zu unterbrechen, wird Gebrauch gemacht. Cutterin Ruth Schläpfer montiert die Anhörungen geschickt ineinander, so entwickeln sie eine eigene Dynamik, bei der sich die Routine der Beamt:innen und die von Gewalterfahrungen durchzogenen Erzählungen der Asylbewerber:innen immer deutlicher kontrastieren. Gerig hat ein sehr genaues Gespür dafür, welche Details der Fluchtumstände in ihrem Dokumentarfilm Platz finden müssen, damit die Tragweite der negativen Bescheide deutlich wird. Gleichzeitig hält sie durch die prozesshafte Anordnung und die ruhige Kameraführung von Ramón Giger eine objektivierende Distanz.

Doch es sind die kleinen, manchmal fast unmerklichen Eingriffe in die Dramaturgie, die Die Anhörung zu einer verdichteten filmischen Grundsatzdiskussion über das Wesen von Asylverfahren werden lassen. Mal überspitzt Gerig die Redundanz, die sich durch die Wiederholung der Gesprächsinhalte und Details durch die Protokollierenden ergibt. So wird diskutiert, ob sich Living Smile Vidja, die wegen ihrer Transidentität verfolgt wurde, eine Träne aus dem Auge «getupft» oder «getrocknet» hat. Dann wiederum entlässt die Regisseurin ihr Publikum aus angespannten Situationen und zeigt, wie in den Pausensituationen eine gemeinsame Reflexion über das vergangene Gespräch stattfindet. Etwas, das nach realen Anhörungen nicht passiert.

Und zum Schluss geht das Planspiel noch einen unerhörten Schritt weiter: Die Antragsteller:innen und die SEM-Angestellten tauschen die Plätze. Der Perspektivwechsel zeigt sich erstaunlicherweise schon in der Körperhaltung der Personen, man beobachtet ein erstarkendes Selbstbewusstsein aufseiten der abgelehnten Asylbewerber:innen und schleichend einsetzende Unsicherheit auf der anderen Seite. Der Afghane J. Sael fühlt seinem Gegenüber gekonnt auf den Zahn: Als dieser sich nicht an die Gesprächspartner aus seinem SEM-Bewerbungsgespräch erinnern kann, wird ihm bewusst, wie bruchstückhaft Erinnerungen bei angespannten Lebensereignissen sein können. Würde ihm seine Gedächtnislücke im Zweifelsfall zum Verhängnis?

Die Anhörung macht einen Prozess sichtbar, der der Öffentlichkeit sonst verborgen bleibt, und hinterfragt eine Praxis, die so ähnlich auch in anderen Ländern angewandt wird. Souverän setzt Lisa Gerig an der Stelle an, an der sich mehr Fragen als Antworten zum Umgang mit Asylsuchenden stellen lassen. Sie macht den enormen Druck, der auf den Einzelnen lastet, spürbar. Lässt ihre Protagonist:innen über die Eingriffe in ihre Privatsphäre sprechen und zeigt so auf, wie sich ein System auf die individuelle psychische Verfasstheit – bis hin zur Gefahr einer Retraumatisierung – auswirkt. Gerig hat das Vertrauen aller Beteiligten gewonnen, eine gesammelte Stärke, die sich in Bildern übersetzt. Es ist ein mutiger Film, der zutiefst humanistischen Grundwerten verpflichtet ist und im Geiste der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 steht. Gerigs sicherer Umgang mit dem polarisierenden Thema hat auch die Jury der Solothurner Filmtage überzeugt, für Die Anhörung wurde sie 2024 mit dem «Prix de Soleure» ausgezeichnet.

Info

Die Anhörung | Film | Lisa Gerig | CH 2023 | 80’ | Solothurner Filmtage 2024 | CH-Distribution: outside-the-box

In Basel

In Basel kannst du den Film u.a. im kult.kino schauen. Hier lang zum Programm.

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