Das Nachtleben brummt, aber das Publikum liegt schon im Bett

Die Pandemie hat die Ausgangskultur verändert. Für Konzertveranstalter*innen ist das ein Problem, denn sie wissen nicht mehr, was sie erwartet. Eine Tour d'Horizon durch eine Branche im Blindflug.

Die Kaserne wird im Rahmen der Aktion Night of Light rot beleuchtet in Basel, am Montag, 22. Juni 2020. Mit der Aktion wird die Oeffentlichkeit auf die Lage der Event- und Kulturlandschaft aufmerksam gemacht. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)
Die Kaserne machte im Juli 2020 bei einer Aktion mit, um auf die prekäre Lage der Event- und Kulturlandschaft aufmerksam zu machen. (Quelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Die Kreativbranche hat seit jeher ein feines Gespür für Trends und neue Nuancen. Im Oktober 2022 ist über die Basler Gesellschaft Folgendes zu erfahren: Die Menschen sind während der Corona-Pandemie spontaner geworden, weicher und, nun ja, konservativer. 

Das ist natürlich eine Zuspitzung. Zahlreiche Akteure aus dem Nacht- und Kulturleben erzählen aber von ähnlichen Erfahrungen im Umgang mit ihrem Publikum, die sich ganz konkret auf ihre Arbeit auswirkt. Dominante Beobachtung: Die Erträge aus dem Ticketvorverkauf schmelzen dahin. Und: Es kommt generell weniger Publikum.

Luca Piazzalonga, Veranstalter und Teil des Kulturteams des Hirscheneck beziffert den Rückgang der Konzertbesucher*innen gegenüber der Zeit vor Corona auf «zirka 30 Prozent». Andere Lokale sind vorsichtiger mit Zahlen, doch der O-Ton lautet überall: Publikumsrücklauf, Planungsunsicherheit, Blindflug. Insbesondere der eingebrochene Vorverkauf ist ein Problem, weil das die Veranstalter*innen vor grosse Unsicherheit stellt: Wie viel Personal müssen sie aufbieten? Reicht der Umsatz eines Abends für Tontechnik, Lichttechnik, Einlass, Garderobe? Und nicht zuletzt hat der Vorverkauf auch einen grossen Einfluss aufs Programm.

Luca Piazzalonga
Luca Piazzalonga vom Hirscheneck: «Vor Corona hatten wir regelmässig Leute, die in der Beiz sassen und dann spontan noch ein Konzert besuchten.» (Quelle: zvg)

Die Coronakrise scheint aber überstanden: Das reihum befürchtete Massensterben der Basler Nacht- und Alternativkultur ist ausgeblieben. Viele Lokale konnten sich dank grossem Engagement und der Kreativität ihrer Betreiber*innen, sowie den Covid-Hilfsgeldern von Bund und Kanton über Wasser halten. Resultat: Das Angebot ist überaus reichhaltig. Allein, das Publikum verhält sich zurückhaltend. 

Darüber, warum das so ist, kursieren verschiedene Interpretationen. Piazzalonga hält folgende Erklärungen für denkbar:

  • Während der Pandemie mussten viele Konzerte kurzfristig abgesagt oder verschoben werden. Tickets aus dem Vorverkauf wurden zurückerstattet oder blieben bis zum Nachholkonzert monatelang am Kühlschrank hängen. Diese Erfahrung war frustrierend. Der Vorverkauf hat an Attraktivität eingebüsst. Eine Erstmal-Abwarten-Mentalität setzt sich durch.
  • Verhaltensmuster haben sich geändert. Die Leute haben während der Pandemie ihre Freizeitgestaltung umgebaut. Der Ausgang hat gegenüber Tagesaktivitäten (z.B. Velofahren) an Attraktivität verloren. Dazu kommt, dass das Publikum an Spontanität eingebüsst hat, findet Piazzalonga: «Vor Corona hatten wir regelmässig zehn, fünfzehn Leute, die in der Beiz beim Bier sassen und dann spontan noch ein Konzert besuchten. Diese Spontanentschlossenen machten dann im Umsatz das Zückerchen aus. Heute kommen nur noch Leute, die gezielt das Konzert besuchen wollen.»
  • Die Pandemie ist nicht vorbei. Zwar steht ein neuer Impfstoff bereit, doch die Zahlen steigen. «Ich kann Leute verstehen, die geschlossene Räume aus Respekt vor einer Ansteckung weiterhin meiden», sagt Piazzalonga.
  • Das Krisengefühl insgesamt hält an. Zur Covid-Krise kommt, hier real spürbar, die Teuerung. Manchen Leuten fehlt das Geld für Extras wie ein Konzert. Das Hirscheneck versucht dem entgegenzuwirken und hat das Solidaritätsprinzip bei Konzerteintritten eingeführt. Wer kann, zahlt mehr. Wer wenig hat, kommt auch mal ohne Eintritt rein.

Unter anderen Konzertveranstalter*innen werden ähnliche Erklärungen für den Publikumsschwund herumgereicht. Nicolai Seckinger, Veranstalter im Sudhaus, fügt noch eine Generationenbetrachtung hinzu: «Als ich 17, 18, 19 Jahre alt war, habe ich musikalisch die meisten Neu-Entdeckungen gemacht.» Die Pandemie habe eine entscheidende Lücke in die Konzertbiografie der jungen Leute gerissen. «Diese Wertschätzung, was ein Live-Konzert mit Band und allem drum und dran bedeutet. Das fehlt.»

«Denkmal.org», eine Online-Veranstaltungsagenda, stützt die Beobachtung. «Gegenüber der Zeit vor Corona registrieren wir heute eine Abnahme von 20 Prozent Unique Clients auf unserer Seite», sagt Denkmal-Initiant Nicolas Schmutz, das heisst 20 Prozent weniger Nutzer*innen, die auf der Website nach einer Veranstaltung suchen. Allerdings näherten sich die Zugriffszahlen langsam dem früheren Niveau an, fügt Schmutz an.

Roy Bula
Roy Bula vom Gannet sagt, das Verhalten des Publikums im Vorverkauf sei sehr schwer vorherzusehen. Mit Folgen für die Ausrichtung des Programms. (Quelle: Xoff Pardey)

Das «Gannet» am Hafen startete im Herbst 2021 während der Pandemie und auch Roy Bula, aus dem Booking-Team, sagt, er stehe vor Planungsproblemen. «Es kann sein, dass ein prominentes Konzert anderthalb Monate im Online-Programm unserer Website steht und gar wenig passiert. Drei Tage vor der Show kaufen plötzlich alle Tickets.» Dasselbe erzählt Gian Luca Hofmann vom Booking-Team des Humbug im Klybeck. 

Was die Sache kompliziert macht: Der Vorverkauf muss nicht zwingend etwas über das effektive Publikumsaufkommen eines Abends aussagen. Manchmal ist der Vorverkauf tot, aber die Abendkasse läuft wie geschmiert. Dumm, wenn dann nicht genug Personal hinter der Bar steht. Auch auf die alte Mischrechnung von Hofmann, der bislang die Reaktionen auf Social-Media-Posts plus den Vorverkauf zur Grundlage für die Personalplanung eines Abends nahm, ist kein Verlass mehr, sagt der Humbug-Booker. «Heute kann ein Post auf Instagram 150 Likes kriegen, aber am Konzert erscheinen zwanzig Leute.» 

Weil diese Situation ein finanzielles Risiko bedeutet, suchen die Veranstalter*innen nach neuen Sicherheiten. Erfahrungen der Veranstalter*innen zeigen, dass das Publikum eher auf bekanntere Bands reagiert, wie zum Beispiel den Schlagerpop-Sänger Dagobert, die zwar im Ausland arbeiten, aber in Basel schon einen Ruf als Live-Act haben. Das führt dazu, dass die Gannet-Booker Roy Bula und Dominik Oehen weniger Bands aus dem Ausland buchen, die in Basel noch unbekannt sind.» Das verändert natürlich die Kulturlandschaft. Sie wird weniger divers, weniger experimentell», sagt Bula. «Das ist schade. Wir wollen ja unbekannte Bands bekannter machen.»

«Ich finde es gerade in schwierigen Zeiten wichtig, dass der Kontakt zum Internationalen nicht abreisst und es Platz für Experimente gibt.»

Marcel Bisevic, Musikalischer Leiter der Kaserne

Piazzalonga kennt das Dilemma, er sagt: Kleine Venues sind die Petrischale der Kultur. Hier können sich neue Bands ausprobieren, im besten Fall entstehen neue Spielformen. Stellt sich die Frage, ob das Publikum überhaupt noch Lust hat auf Experimente?

Dazu gibt es überraschende Beobachtungen. Marcel Bisevic, Musikalischer Leiter des subventionierten Kleinbasler Kulturzentrums Kaserne sagt: Der Trend zeige aktuell «eher in Richtung Altbekanntes». Das könne man in verschiedenen Sparten beobachten, nicht nur in der Musik. Im Kino zum Beispiel: «Es werden fast nur noch Blockbuster, Sequels, Fortsetzungen erfolgreicher Superheldengeschichten gezeigt. Arthouse-Kino bekommt kaum eine Chance».

Bisevic sagt unter Kulturschaffenden erkläre man sich diese Sehnsucht nach Sicherheiten in der Kultur als eine Reaktion auf eine Zeit der Krisen und Erschütterungen. In der Musik gelte dasselbe. «Big Names wie Kendrick Lamar füllen weiterhin ihre Hallen. Aber der musikalische Mittelbau und Newcomer*innen hätten es zurzeit schwer.» 

Auch die Kaserne reagiere auf die Krise, sagt Bisevic. «Wir probieren neue Formate aus wie zum Beispiel die Sunday Hideouts.» Das sind Sonntage, an denen im Rossstall Ambient Musik gespielt wird. Bisevic: «Im Grossen und Ganzen halten wir inhaltlich weiterhin an unserer Programmatik fest und bieten eine Mischung aus lokalen, nationalen und internationalen Experimenten und Bekannten. Ich finde es gerade in schwierigen Zeiten wichtig, dass der Kontakt zum Internationalen nicht abreisst und es Platz für Experimente gibt. Das gehört auch zu unserem Auftrag», sagt Bisevic.

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Die Kaserne reagiere auf die Krise und probiere neue Formate aus, sagt der Musikalische Leiter Marcel Bisevic. (Quelle: Babak Behrouz)

Leidet denn auch ein für Basler Verhältnisse grösserer Veranstalter wie die Kaserne unter Planungsschwierigkeiten, weil der Vorverkauf einbrach? Interessante Antwort von Bisevic, der aus Hamburg kommt und die Musikleitung der Kaserne erst vor einem Jahr übernahm: 

«Mein Eindruck ist, dass das Basler Publikum sowieso eher spontan ist im Ausgeh-Verhalten, nicht erst seit der Pandemie». In Deutschland bestreitet ein Kulturlokal in unserer Grösse, gerade mal ca. 10 Prozent seines Umsatzes an der Abendkasse. In Basel sei der Anteil viel höher. «Das bestätigen mir auch Booker und andere Veranstalter in Basel» sagt Bisevic. Wir haben deshalb ein neues Preissystem eingeführt, um einen finanziellen Anreiz zu setzen: Neuerdings sind die Tickets im Vorverkauf ein paar Franken günstiger als an der Abendkasse. Das war vor der Pandemie nicht der Fall. 

«Wenn auf den kleinen Bühnen nichts entsteht, werden mittelfristig auch keine berühmten Bands die grossen Festivals rocken.»

Luca Piazzalonga, Veranstalter und Teil des Kulturteams des Hirscheneck

Noch grössere Player wie das Sinfonieorchester Basel oder das Theater melden auf Anfrage: Der Vorverkauf läuft nach einem Zwischentief wieder stabil. «Allerdings gibt es aufgrund der Corona-Pandemie ein Überangebot an Kulturveranstaltungen, das durchaus Einfluss auf das Kaufverhalten hat», sagt Simone Primavesi vom Sinfonieorchester. 

Was ist zu tun? Die Veranstalter*innen sagen, die Situation sei knifflig. Anders als während der Pandemie ist keine klare Ursache für den Publikumsschwund benennbar. Luca Piazzalonga meint dennoch: «Einen finanzieller Schutzschirm, zum Beispiel in Form einer Defizitgarantie durch Bund oder Kanton wäre wertvoll.» Piazzalonga erinnert an das Bild von kleinen Bühnen als Petrischale. «Wenn dort nichts entsteht, werden mittelfristig auch keine berühmten Bands die grossen Festivals rocken.»

Viele Veranstalter*innen halten Forderungen an die Politik jedoch für verfrüht. Sie hegen Hoffnung an die Umsetzung der «Trinkgeldinitiative», die im November 2020 deutlich angenommen wurde. Sie verankert im Kulturfördergesetz, dass fünf Prozent des Kulturbudgets für Jugend- und Alternativkultur eingesetzt werden. 

Ausserdem arbeite man im Innern. Es wird an kleinen Stellschrauben gedreht. Das Hirscheneck mit seiner Solikasse will Konzertbesuche für alle ermöglichen. Die Kaserne vergünstigt den Vorverkauf. Im Sudhaus experimentieren sie mit Workshop-Abenden, an denen junge Erwachsene den ganzen Ablauf einer Show-Night kennenlernen. Vom Booking des Acts über die Technik bis zur Grafik des Konzertplakats. Wer mitmacht, kriegt den Konzerteintritt geschenkt. 

Und dann finden zarte Versuche statt, die seit der Pandemie stärker verwobenen Netzwerke unter den Veranstalter*innen konstruktiv zu nutzen. «Indem man zum Beispiel versucht, nicht drei Hip-Hop-Konzerte an drei verschiedenen Orten am selben Abend zu veranstalten», sagt Nicolai Seckinger, Sudhaus-Veranstalter und Vorstandsmitglied bei Kultur & Gastro. Solche Absprachen gelingen zwar nicht immer, sagt Seckinger. «Aber das Bewusstsein für den Kontext und für die gesamte Kulturlandschaft ist auch innerhalb der Branche gewachsen.» 

Und dann hat Piazzalonga doch noch einen Appell ans Publikum, dessen Bedenken er angesichts der anhaltenden Pandemie zwar versteht. «Aber manchmal denk ich mir, zieht doch die Pyjamahose nochmal aus und die Jeans wieder an und dann ab ans Konzert.»

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