Von wegen Rochetowers oder Claraturm – der am dichtesten besiedelte Turm von Basel steht im St. Johann

Wie ist das, wenn man keine Wohnung und damit keinen Briefkasten hat? Wo landet dann die Post und kommt da auch mal was Schönes? Im St. Johann steht eine Blechbox, die all das beantwortet. Eine Reportage mit Blick durch den Briefkastenschlitz.

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In diesen beiden Postboxen «wohnen» zusammengezählt knapp 300 Menschen. Michel Steiner vom Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter freut sich über jede*n, der*die auszieht. Das bedeutet, dass eine Wohnung gefunden wurde. (Quelle: Daniel Faulhaber)

Ganz am Schluss dieser Begegnung im Wartezimmer vor der «Post» formuliert Yann mit dem grauen Schal und dem schwarzen Ohrring noch einen Satz, der diese ganze Story punktgenau trifft wie der sprichwörtliche Hammer einen Nagel auf den Kopf.

«In der Schweiz darfst du nicht leben», sagt Yann. «In der Schweiz musst du leben.»

Was dieses «Leben müssen» am sogenannten Rand der Gesellschaft bedeutet, das kann man wiederum anhand eines banalen Möbels sehr präzise beschreiben.

Dieses Möbel steht im Basler Büro des Vereins für Gassenarbeit Schwarzer Peter im St. Johann. Genau genommen sind es zwei Möbel. Das eine ist zirka 140 Zentimeter hoch und 30 Zentimeter breit, das andere ist etwas kleiner. Beide sind 100 Prozent praktisch. Es handelt sich dabei um Hängeregistraturschränke der Marke Bisley, einer in nachtblau, der andere aschgrau und die rechteckige Energie dieser Ordnungsmaschinen passt wiederum ganz hervorragend zur Eigenschaft ihres Inhalts.

Es sind Rechnungen, Betreibungen, Mahnungen, Zahlungserinnerungen. Es geht innen wie aussen sehr rechteckig und zwanghaft zu und her rund um diese beiden Möbel, und da kann auch Ali, der beim Schwarzen Peter arbeitet und an einem Nachmittag Anfang Januar Dienst hat mit seiner ganzen Herzlichkeit wenig dran ändern, wenn er die Hängeregisterschubladen dieser Bisley-Möbel im Akkord öffnet und wieder schliesst. Denn auch Ali macht hier nur seinen Job.

Der Job lautet Post verteilen, und zwar ist das die Post von all den Menschen ohne festen Wohnsitz, die in diesen beiden kalten Hängeregistraturschränken wohnen. Also natürlich wohnen sie da nicht buchstäblich. Aber irgendwie schon.

Der Briefkastenblues

Jede*r Bürger*in, und das ist die eine Facette des «Leben müssen», von dem wir oben erfahren haben, muss in der Schweiz an einer existierenden Adresse gemeldet sein. An diese Adresse werden die Bürgerrechte geschickt. Abstimmungsunterlagen zum Beispiel. Ausländer*innen, die in der Nähe eines Atomkraftwerks wohnen, kriegen dort immerhin die Jodtabletten hingeschickt für den Fall eines Kernkraft-Störfalls.

Vor allem werden an der Meldeadresse aber Pflichten gegenüber dem Staat eingefordert. Steuererklärung. Krankenkassenrechnungen. Solche Sachen, die kommen dann per Post. Aus Sicht der Einwohnerdienste ein Problem: Wer keinen festen Wohnsitz hat, der*die hat auch keinen Briefkasten. 

Der Schwarze Peter bietet diesen Menschen in Absprache mit dem Amt für Bevölkerungsdienste und Migration eine Ersatzadresse, die sich, wenn man genau hinschaut, in Form dieser schmucklosen metallenen Briefkästen materialisiert. Oder wie es der Gassenarbeiter und Mann mit der buchstäblichsten Street Credibility von ganz Basel, Michel Steiner, formuliert:

«Diese beiden Postboxen sind die am dichtesten bewohnten Wohntürme von Basel-Stadt.» In Zahlen heisst das: Hier «wohnen» 300 Personen ohne festen Wohnsitz, die ihre Post an den Schwarzen Peter schicken lassen.

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Zirka 140 Zentimeter hoch, hundert Prozent praktisch. (Quelle: Daniel Faulhaber)

Dienstag und Donnerstag ist Postausgabe im Schwarzen Peter. Wir sitzen jetzt nebenan, quasi im Wartezimmer des Postschalters und Punkt 14 Uhr kommen die ersten Mieter*innen der Wohntürme und klopfen geduldig an die Tür zum Büro. Ali macht dann die Tür auf, die Namen der meisten kennt er schon. Er geht zum Briefkasten, lässt die Hängeregisterschublade aus dem Metallgehäuse heraussausen, fingert routiniert durch die akkurat geordneten Namensschilder und dann kriegt die*r Mieter*in an der Tür ihre Post ausgehändigt und einen Wunsch gibts obendrauf. «Guets Neus gell.»

Manfred* hat wieder nur Briefe gekriegt mit Guckfenster auf dem Umschlag drauf. «Da weisst du immer grad: Ah, Beamtenzeugs», sagt er. Manfred sitzt kurz hin, um über sein Verhältnis zur Post zu reden. Weil das ist doch, egal wo man wohnt, erstaunlich paradox. Die Post hat so einen tollen Ruf. Man denkt an Pakete und Überraschungen und gelbe Postautos in den Bergen. Aber eigentlich bringt die Post meistens nur ärgerlichen Mist. Rechnungen und Werbung und so einen Quatsch, oder wann haben Sie denn zuletzt etwas wirklich Schönes per Post gekriegt, Manfred, etwas, über das Sie sich gefreut haben?

«Das war 1995. Eine Postkarte. Ah nein, warten Sie, ich hab die Karte geschrieben damals. Ich war auf den Malediven im Urlaub und hab eine Postkarte geschrieben, wahrscheinlich die letzte, die ich von Hand schrieb. Heute kriegt man sowas ja per WhatsApp aufs Handy.»

Aber 1995 ist ja ganz schön lange her, siebenundzwanzig Jahre, um genau zu sein. Und seither, nix Schönes?

Manfred schaut jetzt schweigend über den Tisch und blinzelt als überlege er, ob er jetzt wirklich hier, zwischen all dem Geläuf, seine Lebensgeschichte erzählen soll. Er tut es nicht. Er hat eine Familie, sagt er nur, aber die sieht er kaum und weil er mal ein paar Wochen hier lebt und dann ein paar Wochen dort, hat er seit 2015 beim Schwarzen Peter eine Meldeadresse. Hier kommen Betreibungen an. Krankenkassenrechnungen. Arztrechnungen, die nicht direkt von der Krankenkasse übernommen werden. Die schickt er dann an die Sozialhilfe.

«Diese Sprache löst nicht viel Gutes aus.»

Thomas (55) über amtliche Briefe

Manfred ist gelernter Eisenwarenverkäufer und arbeitete lange auf dem Bau. Seit einem Autounfall darf er die Schultergürtelmuskulatur nicht mehr belasten. Bei einer angepassten Arbeitstätigkeit könne er 80 Prozent arbeiten, hat der Arzt zu Manfred gesagt, aber seit Manfred 2013 den Job verlor, versucht er herauszufinden, was mit «angepasst» gemeint sein könnte. Manfred ist heute 56. Er findet keinen Job. Neben den Betreibungen ist auch die fehlende Wohnung ein Problem. «Ohne festen Wohnort, kein Job, ohne Job, keine Wohnung» sagt Manfred. Es ist ein Teufelskreis.

Zusammengewürfelte Sprache

Auch Thomas (55) und Urs (64) haben Post mit Sichtfenster gekriegt. Sie sitzen am Tisch und reissen das Papier auf. Thomas, der sagt, er habe die Digitalisierung ein bisschen verschlafen und darum sei ihm dieser analoge Postprozess hier ganz recht, nickt mit dem Kopf in Richtung eines anderen Postempfängers. Der Mann hat ein Victorinox Taschenmessser dabei und säbelt damit die Couverts auf mit der Präzision und dem Speed eines Samurai. Grosse Heiterkeit im Wartezimmer, jemand klatscht sogar kurz. Der Samurai verbeugt sich ironisch.

Thomas hat Rechnungen gekriegt und Urs hat auch Rechnungen gekriegt aber auch, hurra, eine Lohnabrechnung für einen der vielen kleinen Jobs, die er ausübt. Surprise-Magazine verkaufen, die Goldfische im Hinterhof des Soup & Chill pflegen, Gartenarbeiten. Sowas. Während Urs viel zu tun hat, das meiste ehrenamtlich, ist Thomas eher einer von der nachdenklichen Sorte. Sagt er selber. Er schreibt gerne philosophische Naturgedichte. Und er liest gern. Von allen öffentlichen Bücherkästen sei der am Voltaplatz zwar immer am üppigsten bestückt. Aber der am Wettsteinplatz habe den besten Lesestoff, sagt Thomas.

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Manfred und Thomas wollten sich lieber nicht fotografieren lassen, aber Urs hat nichts dagegen. Urs ist eigentlich ein Stadtoriginal, zurzeit verkauft er Fasnachtsplaketten in der Innenstadt und am Bahnhof. (Quelle: Daniel Faulhaber)

Dann redet er über das Postkriegen und damit über seine Beziehung zu diesem rechteckigen Monster im Büro nebenan. «Ich komme nicht immer gleich leicht hierher», sagt er. Er habe nicht viel Geld und wenn die Rechnungen erstmal anfangen, «dann kann sich das kumulieren». Er liest die amtlichen Briefe sehr genau und beobachtet, wie das alles formuliert ist. Manchmal kommen ihm diese Briefe vor, wie Kreuzworträtsel. «Zusammengewürfelt und das meiste muss man nachschlagen», sagt Thomas. «Diese Sprache löst nicht viel Gutes aus.»

Er versuche sich dadurch nicht anstecken zu lassen, meint er dann, er sei ja jetzt schon ein wenig kompliziert vom Naturell her. Dann sagt Thomas den rätselhaften, grossartigen Satz: 

«Ich versuche anders zu sein, als der, an den diese Briefe gerichtet sind. Ich will umgänglicher sein.»

So geht das hin im Schwarzen Peter. Der Postkasten geht auf und zu und auf und zu. Es sind bei weitem nicht alle «rough Sleeper», die hier ihre Post holen, also Obdachlose im Wortsinn. Sondern eben Menschen wir Manfred, Thomas, Urs. Diese Menschen wohnen schon irgendwo. Es fehlen dort einfach ein paar Details eines bürgerlichen Alltags. Ein Briefkasten zum Beispiel. Zur Zeit leben ungefähr 400 Menschen ohne festen Wohnsitz in Basel, schreibt das Justiz- und Sicherheitsdepartement auf Anfrage. Auf der Strasse leben zirka 30 von ihnen.  

Herzen
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Und apropos wohnen. Das ist etwas, was Manfred und Urs und Thomas und Yann unisono erwähnten, als wir sie fragten, was diese Stadt aus ihrer Sicht besser, lebenswerter machen würde. Natürlich ging es da nicht um einen Briefkasten, diese kleine rechteckige Vorhut einer geordneten bürgerlichen Existenz. Sondern um das, was dahinter steckt. Eine Wohnung. Ein Zuhause.

Gerade während Corona sei es ihm auf seinen ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt nochmal besonders aufgefallen, sagt Manfred. Wieviel Bürogebäude und Lagerhallen und «anonyme Immobilien» umherstünden, in denen kein Licht brennt. «Da könnte man wohnen», denkt Manfred dann. «Da gibt es doch auch ein Recht drauf, über das wir sogar abgestimmt haben?»

Dann wäre auch dieser Kasten an der Elsässerstrasse 22 im Schwarzen Peter nicht mehr der am dichtesten bewohnte Wohnturm von Basel. Sondern das, was er nun einmal ist. Eine Box aus Blech nämlich.

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*Name geändert.

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Der Verein für Gassenarbeit an der Elsässerstrasse 22 ist schweizweit der einzige Ort, an dem solche Sammeladressen ausserhalb einer staatlichen Behörde eingerichtet sind. Ein Pionierprojekt, das von den Nutzer*innen mit Dankbarkeit angenommen wird. (Quelle: Daniel Faulhaber)

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