Blumensträusse neu gedacht

Natürlich künstlich

Keine Flugware, keine Gewächshäuser, keine frisch geschnittenen Zweige. Tilla Künzli bindet Sträusse, die täuschend echt aussehen, aber aus wiederverwendeten Kunstblumen bestehen, und kreiert damit einen Gegenentwurf zur klassischen Floristik.

Stielbruch Tilla Künzli
Frisches Grün ergänzt die künstlichen Blumensträusse und verleit ihnen einen natürlichen Look. (Bild: Dominik Asche)

Auf den Punkt:

  • Tilla Künzli bindet Sträusse aus wiederverwendeten Kunstblumen und frischem Grün.
  • Unter dem Label Stielbruch vermietet sie die Arrangements und verwendet die Blumen immer wieder neu.
  • Ihr Ansatz ist radikal ökologisch – alles, was wächst und blüht, gehört den Insekten.

In Tilla Künzlis Zuhause in Allschwil blühen bunte Blumen in allen Farben und Formen in der Garage, während der Garten rund ums Haus Anfang März vor allem aus grünem Gehölz, Sträuchern und Hecken besteht. An sich ist das kein erstaunliches Bild, schliesslich kann man in sämtlichen Blumengeschäften schon farbenfrohe Sträusse kaufen, wenn sich in Basel noch nicht einmal die Schneeglöckchen durch den gefrorenen Boden gekämpft haben. Flugzeuglieferungen aus fernen Ländern und beheizte Gewächshäuser machen es möglich.

Die Blumen in Künzlis Garage kommen allerdings nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Velo. Sie stammen nicht aus warmen Gewächshäusern, sondern sind Secondhand aus Schweizer Brockis und verschiedenen Offcut-Filialen. Dass sie nicht längst verwelkt sind, liegt daran, dass sie aus Stoff, Papier oder Plastik bestehen. Es sind Kunstblumen.

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In ihrer Garage hat Tilla Künzli die Blumen nach Farben sortiert. (Bild: Dominik Asche)

Die Künstlerin und Musikerin arrangiert aus ihnen Sträusse, die täuschend echt wirken. Unter dem Label Stielbruch vermietet sie diese an Institutionen, Events und Privatpersonen. Zwischen die künstlichen Blumen steckt sie frisches Grün. Je nach Wunsch bindet sie Arrangements mit saisonaler Ausstrahlung. Die Sträusse bleiben meist einige Tage oder maximal zwei Wochen bei den Kund*innen. Danach holt sie sie wieder ab. Das Grün ist dann meist welk und wird ersetzt. Die verwendeten Blumen wandern zurück in ihr sorgfältig gepflegtes Inventar. Aufträge nimmt Künzli ab 50 Franken an. Die jeweiligen Preise für Events oder grosse Sträusse richten sich je nach Budget der Kund*innen.

Viele ihrer Blumen haben eine eigene Geschichte. Wenn Kund*innen es wünschen, erzählt sie davon. Künzli schwärmt von der Vielfältigkeit der Kunstblumen. Bei den meisten wurden die kleinen Blütenstängel einzeln, meist in China auf den Stiel gesteckt. «Diese Stecksysteme hat keine Maschine gemacht. Das ist alles Handarbeit, das schätze ich sehr», sagt Künzli. 

Die Blumen den Insekten

Das frische Grün für ihre Sträusse besteht aus Zweigen und Gräsern, die sie geschenkt bekommen hat oder die bereits abgeschnitten wurden und auf dem Kompost landen würden – häufig ist auch Kirschlorbeer dabei, der in ihrem Garten wächst, aber keinen Mehrwert für Insekten hat und in der Schweiz nicht mehr angepflanzt werden darf. Künzli ist der ökologische Ansatz in ihrer Arbeit sehr wichtig. Blühende Zweige würde sie für ihre Sträusse nicht abschneiden. «Ich habe einfach ein zu grosses schlechtes Gewissen», sagt sie. «Vor allem, wenn gerade eine Biene auf dem Zweig sitzt.»

Stielbruch Tilla Künzli
Eine Farbenpracht inmitten des wilden Gartens. (Bild: Dominik Asche)

Angefangen hat Künzli mit einer weniger radikalen Haltung. Als sie kurz vor dem Corona-Lockdown herausgefunden hatte, dass sie es liebt, mit gefundenen Blumen zu arbeiten, beschloss sie kurz darauf, das Sträussebinden zu ihrem Beruf zu machen. Nachhaltigkeit und vor allem Biodiversität waren damals schon seit vielen Jahren ein wichtiger Teil ihres Lebens, sie engagiert sich in Klimabewegungen und ist Teil von Urban Agriculture Basel, einem Verein, der sich für einen biologischen und ganzheitlichen Lebensmittelkreislauf einsetzt.

Dementsprechend wählte sie einen ökologischen Ansatz, der ihren persönlichen Werten entsprach und kreierte Sträusse aus geretteten Pflanzen. Sie fand sie auf Komposthaufen, bei Baumschnitten, auf Friedhöfen und in Abbruchgärten. Ein paar Stunden nachdem sie ihr Konzept mit ihrem Netzwerk geteilt hatte, bekam sie direkt acht Aufträge. Von Floristik hatte sie damals noch keine Ahnung: «Meine Sträusse sahen teilweise aus wie Besen», sagt sie. Das Konzept ging aber auf, Künzli lernte dazu, die Sträusse wurden professioneller – sie verfolgte dieses Modell über viereinhalb Jahre.

Stielbruch Tilla Künzli
In der Waschküche wäscht Künzli die Vasen und Blumen nach dem Gebrauch. (Bild: Dominik Asche)

Im Sommer 2024 kam dann der Wandel. Sie wollte einen Schritt weiter gehen und keine Pflanzen mehr abschneiden für ihre Sträusse. «Alles, was wächst und blüht, gehört aus meiner Sicht den Insekten», sagt sie. Von da an begann sie, Kunstblumen zu sammeln. Für ihre Arrangements kauft sie nichts Neues, die Auslieferung und Abholung erledigt sie persönlich mit dem Velo – bisher noch ohne Elektromotor. Die Radikalität in ihrer Haltung ist Künzli bewusst. Gleichzeitig hält diese sie nicht davon ab, andere Ansätze, wie zum Beispiel biologische Blumenfelder und nachhaltige regionale Floristik, wertzuschätzen. «Ich möchte niemanden verurteilen und biete einfach eine Alternative zu den gängigen Schnittblumen», sagt sie.

Ihre Arbeit verfolgt sie mit vollem persönlichem Engagement. Ihr Zuhause, in dem sich auch die Garage mit ihrem Atelier befindet, mietet sie zur Zwischennutzung. Das Haus in Allschwil sollte eigentlich bereits im Januar abgerissen werden. Wie lange es noch stehen bleibt, ist ungewiss. Künzli macht sich vorerst allerdings keine Sorgen, dass sie bald eine neue Bleibe für sich und ihre Blumen finden muss: «Ich vertraue darauf, dass es gut kommt», sagt sie und malt sich eine Zukunft aus, in der sie ihre Sträusse in einem Schaufenster in der Basler Innenstadt präsentieren darf – sichtbar für alle, die vorbeigehen.

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Helena Krauser

Das ist Helena (sie/ihr): Helena hat Kultur studiert, um über Kultur zu schreiben, während dem Studium aber in so vielen lokalen Redaktionen gearbeitet, dass sie sich in den Lokaljournalismus verliebt und die Kultur links liegen gelassen hat. Nach Bachelor und Praktika startete sie den zweiten Anlauf zur Versöhnung mit der Kunst, ein Master in Kulturpublizistik sollte es richten. Dann kam das Leben (Kinder, Festanstellung bei der bz) dazwischen. Finally beim FRIDA Magazin gab’s dann kurz richtig viel Kultur und die Entdeckung, dass mehr eben doch besser ist. Deshalb macht sie bei Bajour jetzt beides.

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