Tobias Brenk übernimmt künstlerische Leitung

Die Besatzung ist nun, nach etlichen Neuzugängen, nahezu komplett. Das Kulturschiff Kaserne Basel kann in die See der neuen Saison stechen.

Brenk
Tomas Brenk: «Die Kaserne soll ein Ort sein, der Leute fürs Theater abholen und begeistern kann.» (Quelle: Lukas Manz)

Der neue künstlerische Leiter Tobias Brenk war schon von 2008 bis 2018 als Dramaturg an der Kaserne gewesen, und sagt: «Dieser Ort ist speziell und ich mag ihn gerne, ein Ort, wo ich mich wirklich heimisch fühle». Brenk, Jahrgang 1980, aufgewachsen in Aachen, hat an der Talentschmiede «Angewandte Theaterwissenschaften» in Giessen studiert und kommt nun von der Stiftung Pro Helvetia, wo er den Kulturaustausch Schweiz-Südamerika leitete, zurück an die Kaserne.

Gradmesser Familie

Ein wichtiger Gradmesser für die Qualität von Theater sei, so sagt er, seine Familie. «Ich komme aus einer Familie, die nicht so viel ins Theater geht. Und wenn ich davon erzähle, spüre ich raus: Interessieren die sich dafür oder nicht.» Seine Mutter gehe vielleicht einmal im Jahr in ein regionales Lokaltheater. In der Familie wird Musik gemacht und gemalt, aber einen Diskurs über zeitgenössische künstlerische Positionen gibt es nicht. Seine eigene Kunstbegeisterung begann mit dem Schultheater und «als ich irgendwann einmal einen eigenen Fernseher in meinem Kinderzimmer hatte und auf <arte> Marina Abramović sah, wie sie Rinderknochen putzte».

«Ich komme aus einer Familie, die nicht so viel ins Theater geht. Und wenn ich davon erzähle, spüre ich raus: Interessieren die sich dafür oder nicht.»

Tobias Brenk, künstlerischer Leiter der Kaserne

Die Initialzündung für Brenks Theaterbegeisterung war also «Balkan Baroque» von 1997, eine Aktion, mit der die serbische  Performancekünstlerin Marina Abramović auf die Jugoslawienkriege reagierte. Sie sass vier Tage lang sieben Stunden täglich auf einem Haufen aus 2000 blutigen Rinderknochen, die sie sauberschrubbte. «Es stank bestialisch in diesem Keller und war drückend heiss», sagte Abramović. Brenk war gepackt von der Kraft dieses Bildes, das die individuelle Gewalterfahrung dieser Frau und die kollektive der  europäischen Geschichte zum Ausdruck brachte.

Fürs Theater begeistern

Brenk kritisiert, dass das Theater noch immer zu sehr darauf orientiert sei, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Er weiss zwar, dass die Kaserne ein Ort der Avantgarde ist, wo neue künstlerische Sprachen vorgestellt werden, «gleichzeitig aber muss sie auch ein Ort sein, der Leute fürs Theater abholen und begeistern kann, der Zugänglichkeiten findet auch für Menschen, die sich im Theater nicht auskennen». Konkrete organisatorische Massnahmen, um die Zugänglichkeit zum Theater zu erleichtern, sind die Preisgestaltung, ein Sonntagsprogramm für Familien und die Kommunikation. Die Besucher*innen bestimmen, ob sie für einen Eintritt 15, 25 oder 35 Franken bezahlen. An sonntäglichen Familienvorstellungen werden der «Quartiertreff» und der «Spielestrich», die beide auf dem Kasernenareal präsent sind, für die Kinder sorgen, während deren Eltern ins Theater oder Konzert gehen. Der Kommunikation mit dem Publikum soll besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Mit der Basler Grafikagentur «Tristesse» wurde eine neue, mobil nutzbare und übersichtliche Website entwickelt, die alle Veranstaltungen sowohl optisch als auch sprachlich vorstellt. Die Annäherung an die Stadtbevölkerung soll gefördert werden durch Kooperationen (z.B. mit dem benachbarten Kunstraum «Amore») oder durch Abbau von Hindernissen mittels Rollstuhlgängigkeit, Einsatz von Gebärdensprache etc. Auch wenn Künstler*innen und Publikum sich gegenseitig besser kennen lernen, können Zugangsschranken reduziert werden. Brenk stärkt und erweitert deswegen das schon bestehende Residenzprogramm, in dem Künstler*innen drei Monate in Basel wohnen und auch die Ressourcen der Kaserne nutzen können. Ganz neu wird das «Kaserne LAB» installiert: 5 lokale Künstler*innen können eine Saison lang in den Probenlokalen der Kaserne arbeiten und zusammen Projekte entwickeln.      

«Ich möchte bestimmte Themen politischer Natur künstlerisch reflektieren.»

Tobias Brenk, künstlerischer Leiter der Kaserne

Tobias Brenk hat ein durchaus politisches Kunstverständnis. Er möchte die Kaserne als Ort für Debatten positionieren. Dabei denkt er nicht nur an verbale Diskussionen auf Podien. Er möchte «bestimmte Themen politischer Natur künstlerisch reflektieren», er versteht Kunst «als eine Art Perspektivwechsel, damit wir mit einem anderen Blick über die Herausforderungen der Welt von heute reden können». Rechthaberei und Belehrung sind ihm allerdings verhasst, Selbstsicherheit und Predigten suspekt. Trotz seines Wunsches, die Zugänglichkeit zum Theater zu erleichtern, setzt er auf Komplexität, auf Fragen eher als auf Antworten und auf Vielfalt der Stimmen und Diskurse, auch wenn die sich aneinander reiben und nicht jedem passen. Theater soll nicht ein Ort sein, an dem nur eine bestimmte Gruppe sich wohlfühlt, die Bühne soll für viele unterschiedliche Menschen und Erfahrungen offen sein.

Es geht los!

Nach den brennenden Themen gefragt, nennt Brenk zuerst das Thema, das alle Künste derzeit beschäftigt: die Klimakrise und unser Verhältnis zur Natur: die Tatsache, dass der Mensch sich in die Erdgeschichte eingeschrieben habe.

  • Gleich zu Beginn der Ära Brenk und im Rahmen der Treibstoff Theatertage, einem Zusammenschluss der Kaserne, des Roxy Birsfelden und des jungen theaters basel zur Förderung des Theaternachwuchses, zeigt Annatina Huwiler ihre begehbare, audiovisuelle Installation «z’Berg». Sie will die Zeiträume, in denen die Erde entstanden ist, vorführen und uns vermitteln, dass die Berge einmal Meere waren, dass also gerade das Feste in Bewegung ist.
  • Die Lausannerin Nicole Seiler, eine der erfolgreichsten Schweizer Choreografinnen, zeigt «Liquid Families», eine dreieinhalbstündige Performance mit Chorälen und Stimmerkundungen, in der Profis und Laien eine märchenhaft schwebende Installation aufbauen, eine Natur-Imitation, entworfen von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger.
  • Performance artist Anan Fries betreibt die digitale Wiederbelebung der ausgestorbenen Wandertaube, und die «Group 50:50», Künstler*innen aus dem Kongo, der Schweiz und Deutschland, kommt mit Umwelt-Themen aus dem Kongo und aus Brasilien, und stellt die Frage nach unserer Verantwortung.  
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Choreograph Jeremy Nedd beschäftigt sich mit dem Milly Rock, einem Hip-Hop Tanz. (Quelle: Nelly Rodriguez)
  • In der Reithalle zeigt der international gefragte Choreograph Jeremy Nedd, ein New Yorker Wahl-Basler, eine Arbeit, die sich mit dem Milly Rock beschäftigt, einem Hip-Hop Tanz, mit seltsam wedelnden Unterarm-Bewegungen. Erfunden hat ihn der amerikanische Rapper 2 Milly, der damit sehr erfolgreich war und erfahren musste, wie eine Gaming Firma diesen move genutzt hat, um Geld zu verdienen. Dagegen hat der Rapper vor Gericht geklagt – und verloren. Die Frage nach den Besitzverhältnissen und der kulturellen Aneignung stellt sich hier in aller Schärfe.
  • Aus dem reichhaltigen Programm stechen noch heraus: Milo Raus «Antigone in the Amazon» und die brasilianische Transfrau Renata Carvalho, die in ihrer Tanzperformance die gewaltsame Herrschaft über Körper und Körperbilder thematisiert. Solche Arbeiten stehen am Schnittpunkt vieler, aktueller Themen: Klimakrise, queer-feministische Themen, Gewalt, Koloniales Erbe.
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KT Gorique aus Martigny, eine gefeierte Walliser Rapperin. (Quelle: Nadia Tarra)
  • Musikalisch eröffnet die Kaserne mit Caterina Akissi Amenan Mafrici aus Abidjan - alias KT Gorique aus Martigny, eine gefeierte Walliser Rapperin. Weiter geht es mit einer zuckersüssen, französischen Hommage an den Zouk und Boogie der 80er Jahre von Stella & The Logos. Elektronischen Psychodelic Folk bringt Ko Shin Moon, präsentiert von Jazzhane, einem Label, mit dem die Kaseren zusammenarbeitet. Und die Berliner Ein-Mann-Band Bummelkasten wird ein Kinderkonzert geben.

 

Tobias Brenk, der neue Leiter der Kaserne, plant keinen revolutionären Umsturz. In vieler Hinsicht setzt er die Arbeit seines erfolgreichen Vorgängers, Sandro Lunin, fort. Der globale Süden wird also weiterhin vertreten sein. Einige Schwerpunkte werden wohl verschoben: Lateinamerika wird sehr präsent sein. Die Schweiz und das hier vorhandene internationale Theater-, Tanz- und Musikschaffen wird besondere Aufmerksamkeit geniessen. Der Röschtigraben wird öfter überschritten werden. Brenks politische Motivation wird spürbar sein. Basel könnte packendes zeitgenössisches Theater erleben.

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