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Klimapolitik

Fossiler Zündstoff im Gewerbeverband

Eins ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Die Opposition des politisch konservativen Gewerbeverbands gegen anstehende Klimamassnahmen. Gewisse KMUs sehen das als verpasste Chance.

Michelle Isler

06/20/22, 03:00 AM

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Gewerbeverband

Bekommt neue Chefs: Der Basler Gewerbeverband. (Foto: Gewerbeverband BS)

Draussen ist es heiss. Drinnen in den Sitzungszimmern debattieren sie über Mittel und Wege, die Erhitzung aufzuhalten. Dabei ist klar, ohne KMU geht gar nichts. Ob die Politik beschliesst, Heizungen zu ersetzen, Solarzellen zu montieren oder Elektroladestationen zu bauen: Es braucht dazu das Gewerbe.

Das kann man als Chance für neue Aufträge sehen. Oder als Zumutung. Der politisch konservative Gewerbeverband sieht vor allem letzteres. Und das nicht nur in Basel-Stadt, sondern auch in Bundesbern.

Kürzlich gabs in Basel-Stadt diesbezüglich wieder besten Anschauungsunterricht. Der Grosse Rat beschloss, bis 2035 alle fossilen Heizungen zu ersetzen. Der Gewerbeverband fand das zu früh. Patrick Erny, Leiter Politik, sagte: «Den Heizungsunternehmen fehlen schlichtweg die Fachkräfte, um dieses Tempo und die überambitionierten Ziele einzuhalten.» 

Bei Tschantré, einem der grossen lokalen Gebäudetechnik-Unternehmen, kam das schlecht an. Geschäftsführer Dominik Tschon, sagte: «Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.» Tschantré sei «überparat» für die Umstellung auf ökologischere Heizformen wie Fernwärme oder Pellets. Fachkräftemangel und Materielengpässe seien Realität, die Aufgabe aber bewältigbar (Bajour berichtete).

Tschantré ist nicht der einzige, der das so sieht. Der Klima-Konflikt zwischen Gebäudetechniker und Gewerbeverband spiegelt sich auch auf nationaler Ebene. Das zeigt ein Anruf bei Suissetec, dem Schweizer Gebäudetechnikverband. «Wir sind Mitglied beim Schweizerischen Gewerbeverband, fühlen uns aber nicht immer gut vertreten», sagt Christian Brogli, Leiter Marketing und Kommunikation. «Im Bereich Klima und Energiepolitik haben wir klar eine andere Haltung.» 

Suissetec vertritt die Interessen der Heizungsmonteur*innen, Spengler*innen etc. in der Schweiz und Lichtenstein und hat etwa 3500 Mitglieder. Zum Vergleich: Der Schweizerische Gewerbeverband vertritt rund 500’000 kleine und mittlere Unternehmen aus allen Branchen.

Christian Brogli: «Wir fühlen uns nicht immer gut vom Schweizerischen Gewerbeverband vertreten.»

Christian Brogli: «Wir fühlen uns nicht immer gut vom Schweizerischen Gewerbeverband vertreten.» (Foto: zvg)

Auch auf nationaler Ebene dreht sich der Streit unter anderem um Heizungen: Der Nationalrat hat letzte Woche das Klimarahmengesetz angenommen, ein Kompromiss zur Gletscherinitiative. Diese will fossile Brenn- und Treibstoffe per 2050 verbieten. Der Kompromiss fordert netto null bis 2050, ohne Brennstoffverbot. Ausserdem will der Nationalrat 2 Milliarden Franken in den Ersatz fossiler Heizungen und 1,2 Milliarden Franken in klimafreundliche Technologien investieren. Als nächstes ist die Umweltkommission des Ständerats dran.

Doch: Während im Nationalrat SP bis FDP mehrheitlich hinter diesem Kompromiss stehen und Economiesuisse obendrauf, macht der Gewerbeverband auf Widerstand, zusammen mit der SVP. So ein Entscheid müsse durch das Parlament und vors Volk, argumentiert er.

Suissetec stösst das sauer auf. Dessen Direktor Christoph Schaer sagte kürzlich der NZZ: «Vielleicht ist ‹Gewerbeverband› nicht mehr der richtige Name. Die Energie- und Klimapolitik des Verbands ist in erster Linie auf die Interessen von Grosskonzernen ausgerichtet.» Zum Beispiel auf die Erdölimporteure. Deren Organisation ­Avener­gy kündigte vor zwei Jahren die Mitgliedschaft bei Economiesuisse und trat dem Gewerbeverband bei. 

Das könnte man vordergründig auch dem lokalen Gewerbeverband in Basel-Stadt vorwerfen. Auch hier sträubt sich der Verband gegen eine ökologische Verkehrspolitik und setzt sich seit Jahren für Parkplätze und Verbrennungsmotoren ein. Aber dass er dabei die Erdöllobby im Blick hat statt das Gewerbe, ist zu bezweifeln. 

Vielmehr geht es wohl um die Einstellung: Der Gewerbeverband scheint sich in den letzten Jahren zu einer Oppositionsorganisation entwickelt zu haben. Brogli von Suissetec kritisiert, dass der «Gewerbeverband vor allem Probleme und Hindernisse sieht, statt die grossen Chancen für einheimische KMUs». Er finde das schade «und nicht wirklich im Interesse des Gewerbes».

Zumindest in Basel-Stadt hat das mehr mit dem Personal und weniger mit der politischen Ausrichtung zu tun: Im Verband sind alle bürgerlichen Parteien vertreten. Hinter vorgehaltener Hand trauern selbst sie (vielleicht mit Ausnahme der SVP) den früheren Leadern des Verbands nach, dem verstorbenen Peter Malama (FDP) und dem ehemaligen Regierungsrat Christoph Eymann (LDP). 

Doch jetzt ist ein Wechsel in Sicht: Hansjörg Wilde (parteilos) soll ab 2023 Marcel Schweizer (FDP)* als Präsident ablösen. Auch Gabriel Barell (parteilos) hat angekündigt, zurückzutreten. Wer sein Nachfolger wird, ist noch nicht bekannt. Vielleicht ändert sich mit den neuen Gesichtern auch die Tonalität des Verbands. 

In Bezug auf den aktuellen Konflikt gibt er sich sehr diplomatisch und konstruktiv. So schreibt Pressesprecher Daniel Schindler Bajour: ​​«Der Gewerbeverband Basel-Stadt hat mit dem Branchenverband ‹suissetec Nordwestschweiz› ein sehr gutes Einvernehmen. Wir pflegen mit unserem Mitgliedsverband ‹suissetec Nordwestschweiz› hier in der Region Basel eine intensive Zusammenarbeit. Das ist für den Gewerbeverband Basel-Stadt der entscheidende Punkt.»

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Korrektur: Wir haben Marcel Schweizer einfach in die SVP gesteckt. Das ist natürlich falsch und tut uns sehr leid! Herr Schweizer ist Freisinniger. Und Herr Barell schreibt sich nur mit einem r. Exgüsi!

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