Depressionen im Spitzensport – Wenn Erfolg krank macht
Dieser Text ist im Rahmen des Wettbewerbs Scoop! des Vereins Journalistory erschienen. Insgesamt 25 Beiträge wurden von Jugendlichen mit mehrheitlich Jahrgang 2008 eingereicht. Alle besuchen in der Region Basel Schulen der Stufe SEK II. Bajour veröffentlicht die Beiträge der Gewinner*innen. Auf den Inhalt hat Bajour keinen Einfluss genommen.
Egal ob Fussballer in der Premier League, Basketballspieler in der NBA oder Boxer in der UFC. Der Traum des Profisportlers ist ein treuer Begleiter im Herzen eines jeden Kindes. Doch je näher dieser Traum rückt, desto deutlicher wird, dass Erfolg nicht nur Chancen, sondern auch Probleme mit sich bringt.
Hinter Rekorden, Medaillen und grossen Verträgen stehen Menschen, die jeden Tag hohen Erwartungen, körperlicher Belastung und einer ständig zuschauenden Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Tragische Geschichten wie von Robert Enke oder Dele Alli sind ausschlaggebend, dass jeder Person, ob erfolgreich oder nicht, der Druck zu gross werden kann. Diese Drucksituationen können stark belasten und dazu führen, dass Depressionen im Profisport immer häufiger vorkommen.
Dank den befragten Experten, Marco Streller und Andrea Frei durften wir neues über Depressionen im Spitzensport lernen und ihre persönlichen Einblicke in das Thema bekommen.
Wenn Marco Streller von dem Augenblick berichtet, in dem ihm erstmals bewusst wurde, wie vernichtend psychische Belastungen im Profisport sein können, scheint er förmlich wieder auf jenem Spielfeld in Leipzig zu stehen. Achtelfinale 2006. Elfmeterschiessen. «Der Marsch von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt – nur 30, 40 Meter. Doch ich sah nur Lichtblitze. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr.»
Sein Schuss wurde gehalten – und mit diesem Fehlschuss kam eine Intensität, auf die er zu jener Zeit nicht vorbereitet war. Eine frische Laufbahn, auf die auf einmal die Erwartungen einer ganzen Nation lasten. «Damit klarzukommen, ist nahezu unmöglich», äussert er. Zum ersten Mal begriff er, dass mentaler Druck nicht nur Partien bestimmt, sondern das Leben prägt.
Auch Andrea Frei ist mit diesem Zusammenbruchs-Moment vertraut – allerdings trat er bei ihr anders in Erscheinung. Mit 19 Jahren befand sie sich gerade in ihrer Debütsaison der ersten Mannschaft, als ihr Körper versagte. Pfeiffersches Drüsenfieber, hervorgerufen durch jahrelangen Druck von aussen und innere Zweifel, glaubt sie heute. «Lange Zeit habe ich einfach durchgehalten. Ich nahm an, diese hohen Erwartungen seien normal – sowohl meine eigenen als auch die meines Umfelds. Erst als mein Körper nicht mehr mithalten konnte, wurde mir bewusst, was ich mir zugemutet hatte.»
Beide berichten vom Erfolg – doch ebenfalls davon, dass Erfolg häufig die ungeeigneten Fragen aufwirft. Streller denkt zurück an seinen siebten Meistertitel mit Basel. Hunderte Anhänger am Barfüsserplatz, Begeisterung, Beifall – und bei ihm: beinahe gefühllos. «Je höher dein Erfolg, desto geringer werden die Empfindungen. Irgendwann erschien mir der Aufwand im Vergleich zu den ausgelösten Emotionen zu gross.»
Ebenfalls Frei spricht von einer «Leere», die zunimmt, wenn man nie festgelegt hat, was Erfolg tatsächlich bedeutet. «Früher brauchte ich sechs Tore, damit ich es als Erfolg erachtete. Vier waren nicht genug. Doch glücklich machte mich das nie.» Beide finden es wichtig zu wissen, dass Erfolg und Glück nicht dasselbe sind.
Doch was hilft, wenn Druck, Leere oder Selbstzweifel überhandnehmen?
Für Streller stand vor allem eins im Mittelpunkt: das Gespräch. «Am hilfreichsten war es, mit Leuten zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Meine Familie hat mich zwar geliebt und unterstützt – doch keiner konnte nachempfinden, wie es ist, von 30'000 eigenen Anhängern ausgepfiffen zu werden.» Heute sieht er es als Aufgabe ehemaliger Profis, genau diese Erfahrung weiterzugeben.
Andrea Frei beschreibt einen vergleichbaren Verlauf. Gespräche mit ihrer Trainerin, Freunden, Eltern und später mit einem Mentalcoach sowie einer Psychologin. «Je offener man wird, desto mehr Unterstützung erfährt man», meint sie. Schlichte Worte – doch der wesentliche Schritt aus einer Lebensphase, in der sie sich selbst nicht mehr begreifen konnte. Beide erfahren, wie gross die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Ansehen von Profisportlern und deren tatsächlichem Alltag ist.
Im Fussball zeigt sich das besonders deutlich: «Die Leute verehren dich – und ein halbes Jahr später verachten sie dich», meint Streller. Nach dem Ende der Laufbahn kommt häufig ein tiefes Loch, der Entzug der Wertschätzung, das Schweigen. «Viele stürzen ab, wenn sie aufhören, weil auf einmal niemand mehr ihre Leistungen kommentiert.»
Andrea Frei ist mit denselben Abläufen vertraut, doch sie beobachtet eine Entwicklung, die Zuversicht schenkt: eine höhere Transparenz. «Im Team haben die Spielerinnen offen darüber geredet. Jede hat schon Zeiten erlebt, in denen sie dachte: Ich schaffe das nicht, ich höre auf. Dieser Austausch war unterstützend – weil man erkennt, dass man nicht alleine ist.»
Sowohl Frei als auch Streller sprechen sich für einen Wandel in der Kultur aus: mehr offene Dialoge, weniger Verbote und transparente Hilfsangebote. Sie heben hervor, dass Unterstützung nicht erst in völliger Krise angefragt werden sollte. Frei schlägt gezielt Aktivitäten abseits des Sports vor: «Lesen, Yoga, Treffen mit Freunden – Tätigkeiten, die dich erden und verdeutlichen, dass das Leben nicht ausschliesslich aus Sport besteht.» Streller rät jungen Spielern: «Hilfe suchen. Sportpsychologen nutzen. Schwäche zeigen ist heute kein Problem mehr – und man wird stärker daraus.» Der Spitzensport mag im Wandel begriffen sein, doch seine Strenge bleibt unverändert. Trotzdem schildern beide ihre Erlebnisse nicht als Katastrophen, sondern als erforderliche Richtungswechsel.
Fazit
Die Unterhaltungen mit Marco Streller und Andrea Frei veranschaulichen klar: Depressionen und psychische Belastungen im Profisport entwickeln sich nicht abrupt – sie entstehen allmählich zwischen Erwartungen, Erfolg, Selbstzweifeln und dem ständigen Fokus der Öffentlichkeit.
Beide Gesprächspartner berichteten, wie körperliche Beschwerden, innere Leere oder extreme Anspannung Anzeichen waren, die sie zu lange vernachlässigten. Ihre Erzählungen verdeutlichen zugleich, wie entscheidend Transparenz, Kommunikation und fachliche Hilfe sind. Weder Belastung noch Verwundbarkeit lösen sich durch Verschweigen auf – doch sie werden machtlos, sobald man sie anspricht.
Die Erkenntnisse, die Streller im Männerfussball und Frei im Frauenfussball gewonnen haben, lauten gleich: Psychische Gesundheit ist keine Sonderleistung, sondern die Basis für gute Leistungen. Tragödien wie bei Robert Enke oder Dele Alli können eine Hilfe sein, um Personen mit denselben Problemen zu helfen und sie zu stärken. Ihr gemeinsamer Rat an junge Sportlerinnen und Sportler lautet deshalb: Suche Hilfe früh, definiere Erfolg für dich selbst – und sprich darüber, bevor es zu spät ist.