Halbierungsinitiative

«Wir haben es heute mit einer Krise der Glaubwürdigkeit der Medien zu tun»

Laut Medienprofessorin Estelle Blaschke sollten wir nicht weniger, sondern deutlich mehr in den Journalismus investieren, wenn uns die Demokratie und die aufgeklärte Gesellschaft etwas wert sind. Die SRG-Halbierung lehnt sie deshalb ab.

Interview1
Medienprofessorin Estelle Blaschke begreift die SRG-Halbierungsinitiative als eine Antwort auf eine grössere Krise.

Frau Blaschke, Sie stellen sich gegen die SRG-Halbierungsinitiative der SVP und haben die «öffentliche Erklärung» der Schweizer Unis unterschrieben. Inwiefern berührt die Initiative die Interessen der Wissenschaft?

Die Medien stellen Informationen zur Meinungsbildung bereit, gleichzeitig funktionieren sie als ein Sprachrohr und ein Korrektiv für die Politik, was als die vierte Gewalt oder Säule der Demokratie bezeichnet wird. Die Initiative betrifft diese gesamte Informationslandschaft, die eine wichtige Grundlage für die Entstehung von politischem Wissen ist. Die Initiative würde die Meinungs- und Wissensbildung im Falle einer Annahme schwächen, weil nur noch ein Minimalprogramm zur Verfügung gestellt werden könnte. Die Diversität des publizistischen Angebots würde dadurch beeinträchtigt und die SRG insgesamt unattraktiver werden. Wir begreifen insofern die Vorlage als eine Antwort auf eine grössere Krise.

Die Abstimmung zählt zu den wichtigsten der letzten Jahre, aber wäre durch eine Annahme wirklich gleich die ganze Demokratie bedroht? 

Das klingt natürlich erst einmal alarmistisch, gleichzeitig schwammig und abstrakt. Wie können wir ein halbstündiges Fernsehjournal mit Demokratie zusammenbringen? Oder anders gefragt: Wie hängen Medien und Demokratie zusammen? Auch hier geht es um das Korrektiv, um den Zugang zu möglichst umfangreichen Informationen, darum, dass Medien verifizierbare Fakten und Informationen zur Verfügung stellen. Dies war in der Vergangenheit die Aufgabe von Qualitätsmedien.

Wieso sprechen Sie von der Vergangenheit? 

In den letzten zwei Jahrzehnten hat ein tiefgreifender Medienwandel stattgefunden, ausgelöst durch private Medien und insbesondere die sozialen Medien. Heute erleben wir die Effekte dieses Wandels, der zu einer Vielfalt von konkurrierenden Informationskanälen geführt und publizistische Formate und Inhalte verändert hat. Auch haben sich die Finanzierungsmodelle der Medien und die ganze Ökonomie der Medienlandschaft verändert. Dadurch hat sich auch das Nutzer*innenverhalten verändert. Heute sind soziale Medien für jüngere Generationen der primäre Zugang zu Informationen.

Es gibt auch seriöse Medien, die ihre Inhalte über Social Media verbreiten.

Selbstverständlich, sie bedienen mehrere Ebenen: Print, Online und die sozialen Medien. Das Problem der Plattformbetreiber wie Meta oder X aber ist, dass sie sich nicht als Medienunternehmen begreifen, sondern als simple und neutrale Distributionsplattformen, die nur bedingt oder gar keine Verantwortung für die algorithmisch organisierten Inhalte übernehmen. Die Content-Moderation und Verifikation funktioniert nur bedingt, oder ist gar nicht vorgesehen. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass die Schaffung von Instrumenten zur Regulierung von Social Media beziehungsweise Big Tech überaus schwierig ist, vor allem in deren Umsetzung.

Interview2
«Die Initiative betrifft diese gesamte Informationslandschaft, die eine wichtige Grundlage für die Entstehung von politischem Wissen ist.»
Estelle Blaschke, Professorin am Institut für Medienwissenschaften

Hat sich die Situation im Vergleich zu 2018, als wir über die No-Billag-Initiative abgestimmt haben, verändert?

2018 ist nicht 2026. Wir haben es heute mit einer Krise der Glaubwürdigkeit der Medien zu tun, als Konsequenz des Medienwandels, der Fake News und Alternative Facts sowie der stark ansteigenden KI-generierten Inhalte, Bilder wie Texte. Der strategische Einsatz und die Verbreitung von Falschinformationen haben zu einer Fragilisierung von Fakten und von Wissen geführt.

Und inwiefern profitiert davon das antiliberale und populistische Spektrum, aus dem die Initiative kommt?

Möglichst differenziertes Denken ist nichts, was aus dieser Perspektive gefördert wird. Wir müssen uns 2026 fragen, ob die Politik nicht gut daran täte, mehr anstatt weniger in die vierte Gewalt zu investieren. Dabei spreche ich von Medien generell, nicht nur von öffentlich-rechtlichen, auch von privaten.

Denken Sie an eine konkrete Form der Medienförderung?

Das ist eine langwierige und keine einfache Diskussion, weil natürlich ausgehandelt werden muss, unter welchen Kriterien Medien gefördert werden sollen. Qualitätsjournalismus müsste ein Kriterium sein, sprich: Recherchearbeit, Faktentreue, Transparenz und Einordnung. Was aber heisst das heute genau? Auf welchen Kanälen werden die Menschen in Zukunft erreicht werden? Wie wird die Relevanz von Informationsmedien gewährleistet und können diese ihre Funktion als Beitrag zur politischen und kulturellen Meinungsbildung weiterhin erfüllen?

Interview3
«Qualitätsjournalismus müsste ein Kriterium für Medienföderung sein, sprich: Recherchearbeit, Faktentreue, Transparenz und Einordnung.»
Estelle Blaschke, Professorin am Institut für Medienwissenschaften

Die SRG-Halbierungsinitiative stösst auf beachtliche Zustimmung. Liegt es daran, dass sie moderater daherkommt als 2018 die No-Billag-Initiative?

Ja, sicherlich, weil es sich nicht wie damals um einen kompletten Kahlschlag handelt. Jetzt soll es um eine finanzielle Entlastung gehen, eine Entlastung der Wirtschaft, der privaten Haushalte. Das tönt in Zeiten der politischen und wirtschaftlichen Krisen nachvollziehbar. Daran gekoppelt wird das Argument, dass jüngere Generationen diese Medien immer weniger nutzen, was wissenschaftlich belegt ist – und dies findet Anklang.

Aber, ebenso wissenschaftlich belegt ist, dass ein starker medialer Service Public die mediale Vielfalt fördert.

Ja, weil stärker und differenzierter über Themen berichtet wird, die keinen Gewinn versprechen, also nicht einer Markt- oder Clicklogik folgen. Diese Initiative führt zu ganz grundsätzlichen Fragen. Was ist der Wert der SRG? Was ist der Wert der Qualitätsmedien?

Wie relevant ist die SRG noch, wenn die Jungen sich nicht mehr für klassische Medien interessieren?

Die Gefahr, dass die SRG an Relevanz verliert, ist da. Um dem entgegenzuwirken, muss sie unterschiedlichen Kanäle, inklusive Social Media bespielen, die jeder für sich unterschiedlichen Logiken folgen. Nur so können unterschiedliche Generationen abgeholt und die Reichweite gesteigert werden.

Interview4
«Die Fokussierung auf das Lokale führt zu einer gezielten Auswahl. Eine solche fände bei einer Annahme kaum mehr statt.»
Estelle Blaschke, Professorin am Institut für Medienwissenschaften

Sollte die Initiative angenommen werden, kann man sich den Standort Basel und vermutlich das Regionaljournal abschminken. Welche Auswirkung hat die Initiative insgesamt auf den Lokaljournalismus?

Lokaljournalismus ist überaus wichtig, weil er Inhalte produziert, die sich auf einen bestimmten Ort und eine bestimmte Umgebung beziehen und so konkret mit dem Leben und Alltag der Menschen zu tun hat. Das wird gerade angesichts der Überfülle an online verfügbaren Informationen immer wichtiger. Die Fokussierung auf das Lokale führt zu einer gezielten Auswahl. Eine solche fände bei einer Annahme kaum mehr statt.

Unsere rare Aufmerksamkeit steht einem riesigen Informationsangebot gegenüber. Der Journalismus, der Artikel verkauft, hat kein Geschäftsmodell mehr; wie kann das strukturelle Problem gelöst werden?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Die Werbeeinnahmen, die ein wichtiges Element des Finanzierungsmodells von Medien sind, sind eingebrochen, ein beträchtlicher Teil ist zu Social Media abgewandert. Dieser ökonomische Wandel ist einer der zentralen Gründe für die Medienkrise der Qaulitätsmedien, die aber auch neuere, innovative Formate betrifft. Ich bin der Meinung, dass nur staatliche Förderung funktionieren kann.

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Nach einem ersten journalistischen Praktikum bei Onlinereports hat Valerie verschiedene Stationen bei der Neuen Zürcher Zeitung durchlaufen, zuletzt als Redaktorin im Bundeshaus in Bern. Es folgten drei Jahre der Selbständigkeit in Berlin, bevor es Valerie zurück nach Basel und direkt zu Bajour zog, wo sie nun im Politikressort tätig ist.

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