Filter, Post, Like – Wie Social Media die Psyche Jugendlicher belastet
Dieser Text ist im Rahmen des Wettbewerbs Scoop! des Vereins Journalistory erschienen. Insgesamt 25 Beiträge wurden von Jugendlichen mit mehrheitlich Jahrgang 2008 eingereicht. Alle besuchen in der Region Basel Schulen der Stufe SEK II. Bajour veröffentlicht die Beiträge der Gewinner*innen. Auf den Inhalt hat Bajour keinen Einfluss genommen.
Es beginnt oft harmlos. Man öffnet schnell am Abend Instagram, TikTok oder Pinterest «nur fünf Minuten». Doch aus Minuten werden Stunden und sogar schlaflose Nächte. Die Zeit kann sehr schnell verfliegen, ohne dass man es überhaupt merkt, und plötzlich hat man Diagramme von hohen Bildschirmzeiten. Es wird zu einer Sucht.
Auf dem Display reihen sich Bilder und Videos aneinander: makellose Körper, strahlend saubere Haut, luxuriöse Urlaube, Partys, teure Geschenke und scheinbar mühelose Erfolge. Alles wirkt perfekt – fast schon zu perfekt.
Und mitten in diesem Social-Media-Strom fragen sich viele Jugendliche: Warum sieht mein Leben oder mein Körper nicht so aus? Warum bin ich nicht so hübsch, habe keine glatte Haut? Warum bin ich nicht so erfolgreich oder erlebe nicht gleich viel in meinen Jugendjahren, wie meine Gleichaltrigen?
Diese ständige Konfrontation mit meist bearbeiteten Bildern hinterlässt nämlich Spuren. Was motivierend wirken könnte, wird für viele Jugendliche zu einer Belastung. Der Vergleich schleicht sich in den Kopf und beginnt, das Selbstwertgefühl zu untergraben. Social Media zeigt Perfektion, aber nur selten Wahrheit. Das verstehen manche weniger oder mehr als der Rest.
So entsteht ein Alltag, der permanent vom Vergleich geprägt ist.
Eine eigene Online-Umfrage unter 78 Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren, die über Schul- und Freundeskreise verteilt wurde, zeigt, wie gross der Druck ist. Mehr als die Hälfte – zwischen 65 und 75 Prozent - vergleicht regelmässig ihr Aussehen oder ihren Lifestyle mit dem, was sie online sieht. 85,7 Prozent sind davon überzeugt, dass Social Media ungesunde Schönheitsideale vermittle.
Die Folgen sind deutlich in der Umfrage zu sehen: Nämlich fühlen sich 30,6 Prozent der Jugendlichen häufig «nicht gut genug», 12,5 Prozent der Umfrage sogar fast immer. Nur knapp zehn Prozent bleiben von diesen Gefühlen und Selbstzweifeln verschont.
Fast die Hälfte der befragten Jugendlichen leidet dazu regelmässig unter Selbstzweifeln, 15 Prozent berichten von einer Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit bis zu depressiven Gefühlen durch den Vergleich.
Schweigen macht es jedoch noch schlimmer.
40 Prozent der Befragten gaben an, dass in ihrem Umfeld nur selten über mentale Gesundheit gesprochen wird. Weitere 53,5 Prozent gaben sogar an, dass sie nie über ihre Sorgen oder Zweifel sprechen. 24,7 Prozent reden zumindest hin und wieder darüber. In vielen Fällen bleiben das Leiden und die Gedanken unsichtbar. Besonders bedenklich: Rund 31,9 Prozent wissen nicht, an wen sie sich wenden könnten, wenn es ernst wird. Nur ein Drittel hat bisher therapeutische Hilfe ausprobiert, was jedoch kein Muss sein sollte, denn man kann sich überall Hilfe oder Beratung holen. Für die meisten bleibt der Austausch mit Freunden oder Familie, die erste und oft einzige Anlaufstelle und Unterstützung.
Das wird auch durch Forschung in vielen verschiedenen Ländern bestätigt. Zum Beispiel zeigt in Kanada die Untersuchung «Heavy social media use and posting regret associated with lower self esteem» - (Ontario Student Drug Use and Health Survey, 2019) mit fast 7000 Schülerinnen und Schülern: Wer mehr als fünf Stunden täglich in sozialen Netzwerken verbringt, hat ein deutlich höheres Risiko für ein geringeres Selbstwertgefühl.
Auch in Rumänien veranschaulicht die Untersuchung «Body-esteem, self-esteem and loneliness among young social media users» mit 427 Teilnehmern, dass übermässige Nutzung nicht nur mit Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und schwächerem Selbstwertgefühl verbunden ist, sondern auch mit Einsamkeit und Abgrenzung.
Likes statt echter Anerkennung
Ein veröffentlichtes Bild oder eine Story, und schon beginnt der stille Wettkampf. Wie viele Likes bekomme ich? Wer kommentiert? Wer hat’s gesehen? Likes und Reaktionen werden zu einer Währung, an der viele Jugendliche ihren Selbstwert messen. Kommt wenig zurück, wächst der Zweifel sofort. Viele entwickeln eine emotionale Abhängigkeit. Ein Herzchen auf Instagram oder ein Kommentar auf TikTok entscheidet, ob man sich einen Moment lang gut genug fühlt – oder nicht.
Doch eigentlich entsteht echte Anerkennung nicht durch Zahlen, sondern durch Begegnungen, Taten und Gesprächen. Es lohnt sich den Blick mal von der digitalen Welt zu lösen und wieder zu spüren, was wirklich zählt. So kann man auch die Welt, die um einen sich dreht, besser wahrnehmen und seinen Alltag besser gestalten, spannender und vor allem produktiver verbringen.
Wie man das nun verbessern kann
Vorsorge ist hier entscheidend. Schulen und Familien sollten Gespräche über Unsicherheit und den Druck durch soziale Medien aktiv fördern. Es braucht mehr Medienbildung – zum Beispiel Workshops in Schulen, in denen Jugendliche lernen, bearbeitete Bilder zu erkennen, Algorithmen zu verstehen und ihren Umgang mit Social Media kritisch zu reflektieren. Wer versteht, wie die Medien wirken, kann sich besser von ihrem Druck befreien.
Wichtig sind auch sichtbare Hilfe-Angebote. Dazu gehören zum Beispiel kostenlose Beratungsstellen wie die Jugendarbeit vor Ort, psychologisch Dienste oder Online-Angebote wie die Hilfenummer 147, an die man sich anonym wenden kann. Und nicht zuletzt tragen auch die Plattformen selbst die Verantwortung: Zum Beispiel könnten Filter klar gekennzeichnet werden oder Like-Zahlen optional ausgeblendet werden, damit Vergleiche weniger im Mittelpunkt stehen.
Social Media bedeutet eigentlich Austausch, Inspiration und Gemeinschaft. Doch zu oft ist es auch ein Raum, in dem sich Selbstzweifel verstärken und das Selbstwertgefühl schrumpft. Der Unterschied zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was wirklich ist, wird immer grösser. Besonders Jugendliche, die in einer Welt aufwachsen, in der Perfektion scheinbar zur Norm und Alltag gehört, spüren diesen Druck stark.
Am Ende bleibt Social Media das, was wir daraus machen. Wir können uns darin verlieren – oder lernen, bewusster damit umzugehen. Wichtig ist, hinter die makellosen Bilder zu blicken und zu erkennen, dass niemand perfekt ist, so wie man es auf einem Video oder Foto gesehen hat. Echtheit ist wertvoller als jeder Filter, und Selbstakzeptanz wächst nicht durch Likes, sondern durch Offenheit, Verständnis und echte Verbindungen untereinander.
Wenn wir aufhören, uns ständig zu vergleichen, kann Social Media wieder zu dem werden, was es im besten Fall sein sollte, ein Ort der Inspiration und Gemeinschaft.
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QUELLEN:
- Eigene Online- Umfrage unter 78 Jugendlichen (14–20 Jahre), durchgeführt im Jahr 2025.
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37556094/
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10309264/
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35564458/
- https://magazin.med-specialists.com/lifestyle/verzerrte-selbstwahrnehmung-die-auswirkungen-von-social-media-auf-das-selbstbewusstsein/
- https://www.ins-netz-gehen.de/jugendliche/social-media/auswirkungen-und-selbstzweifel/