Auf der Suche nach der Wahrheit

Politik im Hochformat

Wettbewerb Scoop

Dieser Text ist im Rahmen des Wettbewerbs Scoop! des Vereins Journalistory erschienen. Insgesamt 25 Beiträge wurden von Jugendlichen mit mehrheitlich Jahrgang 2008 eingereicht. Alle besuchen in der Region Basel Schulen der Stufe SEK II. Bajour veröffentlicht die Beiträge der Gewinner*innen. Auf den Inhalt hat Bajour keinen Einfluss genommen.

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Ein kurzes Video auf Instagram. Traurige Musik. Bilder von verletzten Kindern. Man schaut hin, bleibt hängen, wischt weiter – das nächste Video ist noch emotionaler. Ohne aktiv danach gesucht zu haben, befindet man sich plötzlich mitten in einer politischen Meinung.

Genau das erlebte auch Paul Meier (17), Schüler aus der Schweiz. Heute sagt er offen: «Ich bin in eine antisemitische Bubble reingerutscht.» Eine Aussage, die schockiert, aber zeigt, wie stark soziale Medien Meinungen beeinflussen können. Wir wollten wissen, wie gross dieser Einfluss tatsächlich ist. Deshalb führten wir zwei Interviews: mit Paul Meier und mit Laura Alt, Historikerin und Assistentin für jüdische Geschichte an der Universität Basel.

Social Media Abhängigkeit
(Bild: Pixabay / Mohamed_hassan)

Zwischen Tagesschau und Instagram

Paul informiert sich über zwei sehr unterschiedliche Kanäle. Einerseits über die Tagesschau von SRF, andererseits über Instagram-Reels. Schnell fiel ihm ein Unterschied auf: «In den Nachrichten wird alles neutraler erklärt. Auf Social Media ist es viel radikaler.»

Besonders die kurzen Videos auf Instagram hätten ihn zu Beginn stark beeinflusst. «Wenn man leidende Kinder sieht, wird man automatisch emotional. Am Anfang habe ich mich davon sehr leiten lassen.» Diese Emotionen führten dazu, dass er begann, Inhalte unkritisch zu übernehmen. «Ich habe immer mehr solche Videos angezeigt bekommen, und irgendwann war ich fast nur noch in dieser einen Richtung unterwegs.» Er beschreibt, wie der Algorithmus seine Sicht immer weiter verengte. «Wenn man ein Video länger anschaut, merkt sich das der Algorithmus. Dann bekommt man immer mehr davon.»

So rutschte er schrittweise in eine einseitige Sicht hinein. «Ich habe gemerkt, dass sich bei mir antisemitische Gedanken entwickelt haben. Das ist im Nachhinein sehr erschreckend.» Heute geht er bewusster mit Social Media um. Politische Kurzvideos meidet er grösstenteils und verlässt sich wieder stärker auf klassische Nachrichten.

Warum Social Media so stark wirkt 

Laura Alt erklärt, weshalb Jugendliche besonders anfällig für diese Mechanismen sind. «Jugendliche konsumieren heute kaum noch klassische Medien. Sie informieren sich fast ausschliesslich über Social Media.» Das Grundproblem liege in der Funktionsweise der Plattformen. Nicht sachliche Informationen würden belohnt, sondern Inhalte, die starke Emotionen auslösen. «Je aufwühlender ein Video ist, desto häufiger wird es ausgespielt. Ausgewogene, erklärende Inhalte haben es deutlich schwerer.»

Hinzu komme, dass Kriege heute auch online geführt würden. «Konfliktparteien versuchen gezielt, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Fake News und Propaganda spielen dabei eine grosse Rolle.» Durch Filterblasen würden diese Effekte noch verstärkt. Wer sich einmal in eine Richtung bewege, bekomme fast nur noch dazu passende Inhalte zu sehen. Gegensätzliche Meinungen verschwinden zunehmend aus dem eigenen Blickfeld.

Hass bleibt nicht im Internet

Laura Alt warnt davor, die Folgen von Online-Hass zu unterschätzen. «Antisemitische Narrative haben seit Beginn des Gaza-Krieges stark zugenommen. Jüdinnen und Juden in der Schweiz werden für den Konflikt verantwortlich gemacht, obwohl sie nichts mit der Politik Israels zu tun haben.»

Diese Entwicklung bleibe nicht auf das Internet beschränkt. Auch offline seien mehr antisemitische und rassistische Vorfälle zu beobachten. Extreme Fälle wie ein Messerangriff auf einen jüdischen Mann in Zürich zeigten, wie gefährlich diese Entwicklungen werden könnten.

Können Jugendliche Fake News erkennen? 

Viele würden vermuten, dass Jugendliche besonders leicht manipulierbar seien. Laura Alt sieht das differenzierter. «Jugendliche sind nicht grundsätzlich schlechter im Erkennen von Falschinformationen als Erwachsene.» Durch das Aufwachsen mit digitalen Medien seien sie in gewissen Bereichen sogar technisch geübter. Trotzdem bleibe das Problem gross. Selbst professionelle Journalisten würden sich teils irren. Falschmeldungen verbreiteten sich deutlich schneller als spätere Richtigstellungen. Mit der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz werde diese Herausforderung weiter zunehmen. 

Ihr wichtigster Rat lautet deshalb: Quellen prüfen, Vergleiche anstellen, nicht alles sofort glauben.

Die Rolle der Schule 

Sowohl Paul als auch Laura Alt betonen die Bedeutung der Schule. Paul erzählt von seinem Unterricht im Fach Kommunikation und Medien. «Wir haben gelernt, wie Medien funktionieren und wie sie Meinungen beeinflussen. Das hat mir sehr geholfen, vieles besser einzuordnen.»

Laura Alt fordert, dass Medienkompetenz ein fester Bestandteil des Unterrichts sein müsse. Nicht Verbote seien der richtige Weg, sondern Aufklärung. Jugendliche müssten lernen, kritisch mit Informationen umzugehen und verschiedene Perspektiven einzuordnen.

Fazit 

Wir sind selbst 16 Jahre alt. Wir nutzen täglich Instagram, Reels und soziale Netzwerke. Gerade deshalb sehen wir, wie schnell sich Meinungen durch Social Media formen lassen. Pauls Geschichte zeigt, wie rasch man in eine radikale Sicht geraten kann, ohne es sofort zu merken. Die Einschätzungen von Laura Alt machen deutlich, dass dies kein Einzelfall ist, sondern ein strukturelles Problem der sozialen Medien. 

Unsere Schlussfolgerung ist klar: Jugendliche brauchen nicht weniger Medien, sondern mehr Medienkompetenz. Nur so kann verhindert werden, dass Emotionen, Hass und Falschinformationen die politische Meinung stärker prägen als Fakten.

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Quellen und Interviewpartner

Paul Meier (17, Name geändert), Schüler, Interview geführt von Nevio Klingler Laura Alt, Historikerin, Assistentin für jüdische Geschichte, Universität Basel, Interview geführt von Laris Ursprung

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