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Lutz/Fetz

10‘000 Tonnen CO2 mehr oder weniger machen einen grossen Unterschied

Generationenübergreifend spielen sich die pensionierte Protestlerin Anita Fetz und die klimabewegte Aktivistin Pauline Lutz die Bälle zu. Anita erklärt, warum sie trotz Zielkonflikt für das Hafenbecken 3 ist.

11/16/20, 09:51 PM

Aktualisiert 11/16/20, 09:52 PM

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Liebe Pauline,

Deine Argumentation ist durchaus bedenkenswert. Warum überzeugt sie mich trotzdem nicht? Weil für mich das grosse Ganze eben auch wichtig ist.

Wir debattieren hier einen klassischen Zielkonflikt: Klimaschutz = Artenschutz versus Klimaschutz = CO2-Reduktion, hier durch Verlagerung der Güter vom Schiff auf die Schiene. Ich finde beides wichtig. Und trotzdem kann man nur für eines stimmen. Das ist ungemütlich.

Zuerst ein Blick zurück: Am 20. Februar 1994 wurde die Alpen-Initiative mit 52% der Stimmenden angenommen. Gegen den Widerstand von Wirtschaft und allen bürgerlichen Parteien wurde beschlossen, dass der Lastwagenverkehr durch die Alpen bis 2018 auf 600‘500 LKW’s reduziert werden muss. Es war ein historischer Sieg der ökologischen Bewegung in den Bergen und in den Städten. Dann wurde die NEAT gebaut, die den Verkehr von Genua bis Rotterdam auf die Schiene verlagern soll.

Als flankierende Massnahmen wurde die Schwerverkehrsabgabe für LKW’s auf der Strasse eingeführt. Dies alles hat den Schwerverkehr erheblich reduziert, so dass 70% der Güter heute auf der Schiene durch die Schweiz gefahren werden. Zum Vergleich: in Österreich sind es nur 20%. Aber es genügt noch nicht, weil immer noch 900‘000 LKWs pro Jahr die Schweizer Alpen auf der Strasse durchqueren. Und die Alpenflora und –fauna ist in Bezug auf den Klimawandel enorm sensibel (nicht nur die Gletscher).

«40% des gesamten Schweizer Güterverkehrs gehen über den Knoten Basel.»

Basel ist eines der Nadelöhre für den internationalen Güterverkehr. 40% des gesamten Schweizer Güterverkehrs gehen über den Knoten Basel mittels Strasse, Schiene, Flugzeuge. Und 10% per Schiff. Heute werden die in Basel entladenen Container auf LKWs weiterverteilt, weil kein Schienenanschluss bei den zwei alten Hafenbecken möglich ist. Genau darum geht es beim Hafenbecken 3, um den Schienenanschluss. Dies würde ca. 100‘000 LKW-Fahrten einsparen, was etwa 10‘000 Tonnen weniger CO2 entspricht, jedes Jahr. DAS ist das grosse Ganze!

Es stimmt, die SBB wollten lange den Gateaway Limmattal zentral im Mittelland bauen. Ob die dortige Bevölkerung das nicht wollte, weiss ich nicht. Was ich aber weiss ist, dass wir 15 Jahre lang auf Bundesebene dafür gekämpft haben, dass er nach Basel an den Hafen kommt, weil es dort den direktesten Weg vom Wasser auf die Schiene gibt.

Und wir haben mitgeholfen, die Auflagen des Bundes zur Mitfinanzierung des Terminals an die Auflage zu binden, dass eine Verlagerung von der Strasse auf die Schiene von mind. 50% stattfindet (heute sind es bloss 10%) und dass die SBB für das Naturschutzgebiet als Landeigentümerin Realersatz anbieten muss.  Darum ist ein Ja erst die Option auf ein Hafenbecken 3. Gebaut werden kann erst, wenn beide Bedingungen erfüllt sind.

«Wenn dieser Terminal nicht in Basel gebaut wird, dann in Mannheim oder Duisburg.»

Du siehst keinerlei Realersatzmöglichkeiten, wie du schreibst. Ich schon: schau Dir mal in Zürich auf dem Lettenareal die Trockenwiesen-Gebiete an – nicht ganz so gross wie jenes auf dem DB-Areal, aber ebenso reichhaltig. Eingerichtet und bepflanzt vor 15 Jahren. Es ist eines von vielen Beispielen, wie Natur in unterschiedlichsten Varianten vom Menschen erneuert werden kann. Und sie entwickelt sich schnell, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Doch zu diesen Rahmenbedingungen gehört am allerdinglichsten die Reduktion des CO2-Ausstosses.

In einem wichtigen Punkt sind wir uns einig, liebe Pauline. Der Wachstums- und Konsumwahnsinn muss redimensioniert werden. Über den Rhein werden, neben Getreide und Sojaschrot für die Schweizer Viehwirtschaft, jeder 3. Mineralöl-Liter, hunderttausende elektronisch Geräte (Laptops, Handys etc.) und tonnenweise Billigstkleider aus Asien transportiert, die unter miesesten Bedingungen hergestellt wurden. Dies muss massiv reduziert werden.

Wer meint, das geschehe durch eine Verhinderung des trimodalen Umschlagterminals in Basel, der muss sich der Realität stellen: Wenn dieser Terminal nicht in Basel gebaut wird, dann in Mannheim oder Duisburg. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass dann die Güter direkt auf LKWs verlagert  und von dort noch ein paar hundert Kilometer weiter transportiert werden.

Ein Platz für unterschiedliche Standpunkte

Liebe Pauline. Der Klimawandel ist da. Den wollen wir alle aufhalten. Dazu braucht es alle möglichen Massnahmen und Schritte um den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Für mich macht es einen grossen Unterschied, ob in Basel 10‘000 Tonnen CO2 mehr oder weniger ausgestossen werden. Das ist auch für die Artenvielfalt wichtig. Darum sage ich – trotz des Zielkonfliktes – Ja zum Hafenbecken 3. 

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Die Kleinunternehmerin und ehemalige Ständerätin Anita Fetz (1957) politisierte bei der SP. Pauline Lutz (2002) engagiert sich bei der Basler Klimajugend und studiert internationale Beziehungen in Genf.

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