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«Liebe Jewa» – ein Brief an meine Nichte in der Ukraine

Vor einiger Zeit war Eugenia Senik mit ihrer Nichte zusammen. Jetzt ist Eugenia in Basel und ihre Nichte muss ihren Geburtstag in der Ukraine im Dunkeln feiern. Die ukrainische Schriftstellerin hat dem elfjährigen Mädchen einen Brief geschrieben.

03/04/22, 11:39 AM

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Eugenia und ihre Nichte Jewa bei einem Ausflug in der Schweiz.

Eugenia und ihre Nichte Jewa bei einem Ausflug in der Schweiz. (Foto: zvg)

Liebe Jewa,

heute bist du schon elf geworden. Es tut mir leid, dass ich nicht dabei sein kann. Dass ich dir dein Geburtstagsgeschenk nicht persönlich geben darf. Ich weiss, du wolltest deinen Geburtstag mit deinen Freunden feiern und nun sitzt ihr in euren Kellern. Aber ich verspreche dir, wenn alles vorbei ist, werden wir für dich die grösste Geburtstagsparty organisieren.

Mit drei hast du den Anfang dieses Krieges in Luhansk erlebt. Du und deine Eltern mussten alles verlassen und das Leben retten. Dein Leben retten. Ihr habt in Sumy ein neues Leben angefangen. Vom leeren Blatt. Deine Mutter wollte dir diesen schrecklichen Krieg aus dem Gedächtnis ausradieren. Und sie hat es sogar geschafft.

Du warst so glücklich in eurem neuen Haus mit den vielen Tieren und dem grossen Garten. Aber jetzt darfst du fast gar nicht raus und vom Fenster aus siehst du keine Feuerwerke, sondern riesige Explosionen. Aber pass auf, du darfst ja nicht nah an die Fenstern kommen. Das hast du schon mit elf gelernt. Und das wird leider nicht so einfach auszuradieren sein.

Erinnerst du dich, meine Liebe, als du uns in Basel zu Weihnachten besucht hast, warst du von der Stadt begeistert. Du hast mal gesagt, die Stadt sei so schön, dass sogar die Mülltonnen hier schön sind. Aber vor allem haben dich die Alpen fasziniert. Ja, sie sind herrlich. Wenn alles vorbei ist und du uns wieder besuchen kommst, werden wir unbedingt in die Berge fahren. Sie können heilen, glaub mir. Sie haben mich von vielen Verlusten geheilt.

«Wenn alles vorbei ist, werden wir unbedingt in die Berge fahren. Sie können heilen, glaub mir. Sie haben mich von vielen Verlusten geheilt.»

Eugenia Senik

Du hast keine Schule, weil deine Schule gerade bombardiert wird, aber du lernst trotzdem mit deiner Mutter. Deine Mutter ist mutig und du bist es auch. Ich habe gehört, dass du im Flur auf dem Boden schläfst, ganz weit von Fenstern. Und dass ihr kein Licht anschalten dürft. So lernt ihr in der Dunkelheit neue englische Wörter. Du wirst sie brauchen, Kleine, weil wir zusammen noch viele Länder sehen müssen.

Ich habe gehört, dass es dein Vater heute geschafft hat, eine Torte für dich zu finden. Es ist die teuerste Torte aller Zeiten. Nein, sie hat nicht viel Geld gekostet, aber sie ist ganz besonders. Nicht nur weil fast alle Läden leer und zu sind, aber weil dein Vater an feindliche Panzer vorbei fahren musste, um diese Torte für dich zu holen. Er hat es geschafft. Er meinte, dein Geburtstag ohne Torte geht ja gar nicht. Und du hast dich so sehr gefreut.

«Ohne Worte sagen sie, dass das Gute viel grösser und stärker ist, als das Böse. Und das Gute wird unbedingt gewinnen, heilen, restaurieren und neu aufbauen.»

Eugenia Senik

Meine Liebe, ich möchte dir noch etwas erzählen. Von Menschen erzählen, die du nicht kennst und die dich auch nicht kennen, aber die dir und allen Menschen, Kindern und Erwachsenen, ganz viel Liebe schicken. Sie stecken ihre Liebe in Schlafsäcke und Socken, verpackt mit der Zahnpasta und Schokolade. Sie verstecken sogar die Liebe in die Schachteln mit Schmerzmittel und Verbänden. Sie schreiben diese Liebe auf das Herzchen drauf und legen sie sorgfältig in gebastelte Tauben. Damit du und andere Kinder, sowie Erwachsene, diese Liebe berühren könnt. Damit diese Liebe euch heilen könnte.

Die Mütter bringen volle Kinderwagen mit Güter, während ihre Kinder uns daneben kleine Tüten mit Geschenken, Windeln oder Spielzeugen in die Hände geben. Sie geben es für euch. Für alle Kinder in der Ukraine.

Mit viel Liebe verpackt: Spende an die Ukraine.

Mit viel Liebe verpackt: Spende an die Ukraine. (Foto: Michelle Isler)

Wir verpacken alles und geben es weiter, damit grosse Lastwagen diese ganze Liebe über die Grenzen zu euch bringen können. Die Leute, die es bringen, und die, die es verpacken und fahren, sie sind grossartig. Sie sind das grösste Geburtstagsgeschenk. Du kannst dieses Geschenk nicht anfassen, aber du wirst das sicher erfassen können.

Und genau dieses Geschenk möchte ich dir zu deinem elften Geburtstag mit einer Taube über die Grenzen senden. Die Menschen… Ihre Fürsorge, Hilfsbereitschaft und ja, ihre Liebe. Ohne Worte sagen sie, dass das Gute viel grösser und stärker ist, als das Böse. Und das Gute wird unbedingt gewinnen, heilen, restaurieren und neu aufbauen.

«Aber die Menschen, die sich in den friedlichen Ländern einigen und gegen den Krieg aufstehen, die euch Lastwagen volle Liebe schicken… Sie geben Hoffnung, Kleine. Sie geben uns allen Hoffnung.»

Eugenia Senik

Ich weiss, im Moment ist es schwierig, zu glauben, weil du gerade jetzt am Boden in der Dunkelheit liegst. Weil in dieser Minute dein Haus wackelt von Militärflugzeugen, die in der Nähe fliegen, und von Raketen, die nicht weit weg explodieren. Aber die Menschen, die sich in den friedlichen Ländern einigen und gegen den Krieg aufstehen, die euch Lastwagen volle Liebe schicken… Sie geben Hoffnung, Kleine. Sie geben uns allen Hoffnung. Und diese Hoffnung gebe ich dir als Geschenk.

Die Hoffnung auf die Menschheit, die versuchen die Panzer und Raketen zu zerstören, verpacken wir sorgfältig in die Kisten und schicken sie euch im Namen des Friedens.

Ich umarme dich ganz fest,

Deine Tante

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