«Tagsüber in Basel, in den Träumen in der Ukraine»
Am 24. Februar 2022 startete Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die ukrainisch-schweizerische Autorin Eugenia Senik spricht von einem existenziellen Krieg, der nun schon vier Jahre andauert und den die Ukraine nur mit weiterer internationaler Hilfe gewinnen kann.
Eugenia Senik, vor vier Jahren marschierte Russland in die Ukraine ein. Welche Gedanken stehen für Sie im Vordergrund, wenn Sie heute daran zurückdenken?
Für mich steht der Schock, den die Ukrainer*innen und mit ihnen die ganze Welt erlebt haben, im Vordergrund. Ich denke aber auch daran, dass zahlreiche westeuropäische Länder und die USA damals prognostiziert haben, dass die Ukraine nur wenige Tage standhalten wird. Dass dies nun schon seit vier Jahren gelingt, zeigt die Stärke der Ukraine, die dem Mut der Menschen an der Front und der Unterstützung internationaler Staaten zu verdanken ist und bis heute unbesiegt bleibt.
Haben Sie Kontakt zu Soldaten?
Viele Freunde von mir sind an die Front gegangen – im Wissen, dass sie wahrscheinlich nicht wieder zurückkommen werden. Jeder Abschied unter Freund*innen fühlt sich an wie ein Abschied für immer. Die jungen Menschen sind bereit, ihr Leben zu geben, weil sie nicht nur ihren Staat verteidigen, sondern auch für Gerechtigkeit, Wahrheit, ihre Familien und die Demokratie einstehen.
Die ukrainische Schriftstellerin Eugenia Senik lebt seit August 2021 in der Schweiz. Aufgewachsen ist Senik im Osten der Ukraine, in Luhansk. Sie hat auf Deutsch bereits das Buch «Das Streichholzhaus» veröffentlicht, das vom PEN Ukraine in die Liste der besten ukrainischen Bücher des Jahres 2019 aufgenommen wurde. Für Bajour hat Senik ein persönliches Tagebuch über den Krieg geschrieben, das in ihr 2026 erschienenes Buch «Suche deine Tür» eingeflossen ist.
Haben Sie das Gefühl, dass das internationale Interesse im Laufe der letzten Jahre abgenommen hat?
Das Interesse an der Ukraine ist nach wie vor da, die Dringlichkeit und die Betroffenheit aber nehmen ab. Ich verstehe das, wenn man sich umschaut, was jetzt sonst so in der Welt passiert. Dennoch bleibt es wichtig, auch in der Schweiz weiter über die Ukraine zu sprechen und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Einige Intellektuelle tun das, etwa der Schriftsteller Jürg Halter. Auch viele meiner Schweizer Freunde und Bekannten beziehen klar Stellung und unterstützen die Ukraine. Dafür bin ich ihnen dankbar.
Wie geht es den Freund*innen und Verwandten von Ihnen, mit denen Sie in Kontakt stehen?
Meine Schwester musste zwei Mal fliehen und lebt jetzt mit ihrer Familie im Winter in einem Haus, in dem sie kein Wasser und keine Elektrizität hat. Eine Freundin von mir erzählt, in ihrer Wohnung seien es zehn Grad. Im Winter ist es für die Menschen in der Ukraine besonders hart, da Russland gezielt Infrastruktur zerstört, um die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen.
«Viele meiner Bekannten in der Schweiz lernen Deutsch, suchen Arbeit und möchten nicht von Unterstützung abhängig sein.»Eugenia Senik, Autorin
Sie haben viel Kontakt zu Ukrainer*innen in Basel, die nun seit vier Jahren hier leben. Wie planen die Menschen ihre Zukunft und welche Rolle spielt der temporäre Charakter des Schutzstatus S?
Für die Ukrainer*innen ist es sehr schwierig, überhaupt etwas zu planen, weil sie nie wissen, wie lange sie hier bleiben dürfen. Viele meiner Bekannten lernen Deutsch, suchen Arbeit und möchten nicht von Unterstützung abhängig sein. Sie investieren viel Energie, wissen aber nicht, wann sie in die Ukraine zurück können oder müssen – es fühlt sich an wie eine Übergangsphase, die schon seit vier Jahren andauert. Die meisten meiner Freund*innen möchten zurückgehen, wissen aber nicht wohin, weil ihre Häuser nicht mehr existieren. Die Ungewissheit ist gross.
Sie haben im Januar ein Buch herausgegeben. Der Titel heisst: «Suche deine Tür» und es geht auch um den Verlust der ehemaligen Heimat. Wie sind die Texte zu Ihrem Buch entstanden?
Am Anfang des Krieges hat mich das Bajour-Team eingeladen, ein Tagebuch zu schreiben. Im Frühjahr 2022 war das sehr wichtig für mich, da ich mich ohnmächtig und hilflos fühlte. Mit den Menschen in der Ukraine zu sprechen und ihnen eine Stimme zu geben, war mir wichtig. Anschliessend habe ich weitere Texte geschrieben und wollte sie zusammen in einem Buch vereinen. Damit die Leser*innen sie als Teil der Geschichte lesen können, wenn der Krieg hoffentlich bald vorüber ist.
Die ukrainisch-schweizerische Schriftstellerin Eugenia Senik erzählt in ihrem ukrainischen Tagebuch «Suche deine Tür», was Menschen erleben, wenn der Krieg in ihr Leben einbricht. Sie lässt die Leser*innen an den Schmerzen, Ängsten und Hoffnungen von Freund*innen und Bekannten teilhaben. Ihr Buch ist kein Kriegstagebuch, sondern ein menschliches Dokument aus den Jahren 2014 bis 2025.
Ist Ihr Buch auch ein Beitrag zur Geschichtsschreibung?
Ich denke schon. Ich beschreibe nicht nur die Gefühle der Menschen, sondern liefere auch Fakten darüber, wo genau sie sich an welchem Tag aufgehalten und wie sie die Geschehnisse erlebt haben. Diese persönlichen Geschichten helfen vielleicht später einmal, zu analysieren, welche Auswirkungen der Krieg auf die Menschen hat.
Sie sprechen auch die physische Belastung und die mentale Gesundheit der Menschen im Krieg an.
Das ist mir ein grosses Anliegen. Wir können die unsichtbaren Wunden der Menschen in der Ukraine und der Geflüchteten nicht sehen. Wir haben keine Vorstellung davon, was sie fühlen. Auch wenn Ukrainer*innen in Basel in Sicherheit leben, geht es ihnen mehr oder weniger gut. Ich selbst bin tagsüber in Basel und nachts in meinen Träumen in der Ukraine.
Sie führen private Gespräche und schreiben die Geschichten auf. Möchten Sie auch Brücken zwischen den Menschen schlagen?
Ja, denn wenn wir nur die Zahlen oder Statistiken aus dem Krieg sehen, geht das Menschliche verloren. Ich erzähle nur wenige Geschichten, aber es gibt Tausende von ihnen.
«Meine Hoffnung ist, dass Europa der Ukraine aktiv hilft und sich nicht an den USA orientiert.»Eugenia Senik, Autorin
Spüren Sie als Autorin auch eine gesellschaftliche Verantwortung?
Ja, denn ich gebe den Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört werden. Es war ein innerer Drang, für das Buch und die Geschichten der Menschen zu kämpfen und das Buch zu veröffentlichen, obwohl ich keinen Verlag in der Schweiz gefunden habe. Mir wurde gesagt, das Interesse am Thema habe abgenommen.
Möchten Sie aufzeigen, dass die Ukrainer*innen nicht nur Opfer des Krieges sind, sondern grosse Stärke beweisen?
Natürlich sind sie Opfer, weil sie ohne Grund angegriffen wurden. Aber es ist eine grosse Leistung, so lange gegen ein Land zu kämpfen, das viel grösser ist. Den Ukrainer*innen gelingt es bis heute, dieser Herausforderung standzuhalten.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Die Ukraine erwartet grosse Unterstützung von den Europäer*innen und meine Hoffnung ist, dass Europa der Ukraine aktiv hilft und sich nicht an den USA orientiert. Ich schöpfe aber auch Hoffnung aufgrund der innenpolitischen Situation in der Ukraine. Das Land erlebt derzeit grosse Veränderungen innerhalb der Regierung. Ich habe das Gefühl, dass Selenski nun mehr auf die Bevölkerung hört.
«Die Menschen in der Ukraine kämpfen auch für Gerechtigkeit und Demokratie in Europa.»Eugenia Senik, Autorin
Was wünschen Sie sich von der Schweizer Politik?
Ich wünschte mir eine klare Position und mehr Unterstützung für die Ukraine – den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und entsprechend zu handeln. Man kann diesen Krieg nicht mit einer weissen, pazifistischen Flagge beenden. Das ist eine Illusion. Man darf 2014 nicht vergessen. Man sollte den Mut haben, offen gegen einen Diktator zu kämpfen, wie es die Ukraine tut, da es sich um den grössten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg handelt.
Glauben Sie daran, dass die Ukraine diesen Krieg für sich entscheiden kann?
Der Krieg ist existenziell. Es geht Putin nicht darum, ein paar Städte zu erobern. Er möchte die Ukraine als Volk vernichten. Die Kultur, die Identität und auch die Sprache. Er sagt und zeigt es ziemlich deutlich. Deswegen müssen wir einfach alles in unserer Macht stehende tun, um den Menschen vor Ort zu helfen. Ich spreche nicht nur von Waffenlieferungen, sondern auch von humanitärer Hilfe. Die Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen seit vier Jahren heldenhaft für ihre Existenz. Sie kämpfen aber auch für Gerechtigkeit und Demokratie in Europa, und dafür benötigt die Ukraine weiterhin internationale Hilfe.
Würden viele Ukrainer*innen aus Basel zurückgehen, wenn der Krieg beendet würde?
Das ist schwer zu sagen. Meine Freund*innen und Bekannten wünschen sich, wieder in der Ukraine zu leben. Auch meine Schwester, die sechs Monate hier war, konnte sich ein Leben ausserhalb der Ukraine nicht vorstellen und ist zurückgekehrt. Ich denke, viele würden in die Ukraine zurückgehen, weil sie dort Familie haben. Aber die Zukunft dort ist ungewiss. Ich habe meine Familie jetzt in der Schweiz, aber ich kann kaum erwarten, meinem kleinen Sohn meine Heimat zu zeigen.