Bullwinkels Blickwinkel

Das ganz normale Grauen

Der brutale Angriffskrieg auf die Ukraine wütet inzwischen seit vier Jahren. Während wir uns daran gewöhnt haben, leben die zahlreichen Geflüchteten weiterhin jeden Tag im persönlichen Ausnahmezustand, schreibt Chefredaktorin Ina Bullwinkel.

epa12621905 Ukrainian rescuers work at the site of a Russian strike on a residential area in Kharkiv, northeastern Ukraine, 02 January 2026. According to Kharkiv's Mayor Ihor Terekhov, at least 30 people were injured in a Russian attack involving two missiles.  EPA/SERGEY KOZLOV
Nur Schutt und Asche: Ruussischer Angriff am 2. Januar 2026 auf die Stadt Charkiw. (Bild: KEYSTONE/EPA/SERGEY KOZLOV)

Vier Jahre Krieg. Und irgendwie haben sich alle dran gewöhnt. Nachdem Russland die Ukraine im Februar 2022 angegriffen hatte, habe ich irgendwo gelesen, das Schlimmste, was den Menschen in der Ukraine passieren könne, sei, dass die restliche Welt abstumpft und den Krieg mehr und mehr vergisst oder verdrängt. Voilà.

Ja, die Ukraine taucht noch in den Nachrichten auf. Die vielen Toten, die Bomben, die fallen; die Infrastruktur und zivilen Ziele, die von Russland bewusst unter Beschuss genommen werden; Zelensky, der im Weissen Haus gedemütigt wird; die Verhandlungen mit Putin, der nichts anderes fordert, als die Selbstaufgabe und den Ausverkauf der Ukraine. Aber der Krieg ist nach vier Jahren zum Hintergrundrauschen geworden. Läuft einfach so weiter. Als verblasster Albtraum.

Auch an der Fasnacht hat der Krieg gegen die Ukraine wenig bis gar keinen Platz eingenommen. Die drey scheenschte Dääg fanden genau in der Woche des schlimmsten Jashrestags der Ukraine statt. Putin tauchte vereinzelt auf einer Laterne auf, aber neben Trump, der gefühlt omnipräsent war auf Laternen, Larven und in Schnitzelbängg, ging der russische Diktator komplett unter.

Solidarität mit der Ukraine? Nach vier Jahren ist es sehr leise geworden um Hilfskonvois und Sammelaktionen.

Solidarität mit der Ukraine? Nach vier Jahren ist es sehr leise geworden um Hilfskonvois und Sammelaktionen. In Basel läuft der Alltag weiter. Es ist normal geworden, dass hier geflüchtete Menschen aus der Ukraine im persönlichen Ausnahmezustand leben. Am Rande bekommen wir vielleicht mit, dass der Schutzstatus S verlängert wurde. Aber weltpolitisch geschieht so viel – wer kann und will all die Sorgen in der Welt auf seine Schultern nehmen? 

Wer keine neue Schreckensmeldungen mehr hören kann, scrollt weiter oder zappt weg. Die Ohnmacht ist der beste Komplize der Diktator*innen. Der zweitbeste ist die Gewöhnung. Was kann ich als Einzelperson schon ändern? Alle haben genug eigene Probleme. In der Ukraine wird im Drohnenkrieg KI eingesetzt und wir fragen ChatGPT, was es zu essen geben soll.

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Es ist leicht, kriegsverschonten Menschen vorzuwerfen, dass sie nur «first world problems» haben und sich viel zu leicht in ihre heile Welt zurückziehen können. Genauso leicht ist es, vom Sofa aus Ansprüche an Geflüchtete zu stellen. Sie sollen sich hier gefälligst integrieren und einen Job finden, nach vier Jahren. Die Erwartung ist nicht falsch – irgendwann müssen diese Menschen ankommen und für sich sorgen. Aber vielleicht ist das Vier-Jahres-Jubiläum des Schreckens der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken, was es heisst, die bombardierte Heimat verlassen zu haben, ohne zu wissen, wann und ob man zurückkehren kann. Noch ein halbes Jahr? Noch drei Jahre? Die Russ*innen kämpfen bereits länger gegen die Ukraine als im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland. 

Vier Jahre Krieg. Das ist nicht normal – sondern eine historische Dimension. Und die sollte Anlass genug sein, das Grauen aus dem Hintergrundrauschen zurück ins Bewusstsein zu holen, wenigstens während des traurigen Jubiläums.

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